Tyrannosaur - Eine Liebesgeschichte (2011)

OT: Tyrannosaur - 91 Minuten - Drama
Tyrannosaur - Eine Liebesgeschichte (2011)
Kinostart: 20.01.2012
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Tyrannosaur - Eine Liebesgeschichte

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Paddy Considine, der vor allem als Schauspieler durch seine Rollen in Hot Fuzz oder Das Bourne Ultimatum bekannt ist, schuf 2007 mit dem Kurzfilm Dog Altogether ein preisgekröntes Erstlingswerk. Darin begleitet er den Protagonisten Joseph, der sich in einer Reihe gewalttätiger Szenen als Täter aber auch als Opfer wiederfindet. Schließlich trifft er auf Hannah, eine Verkäuferin in einem Charity Shop, die mit ihrer offenen und warmherzigen Art das krasse Gegenstück zu dem jähzornigen Briten ist. Durch den Erfolg und den Publikumszuspruch angespornt, wollte Considine die Geschichte fortsetzen und legt nun mit Tyrannosaur das tiefergehende Langspielfilmdebüt vor, das ihm in der Presse Vergleiche mit den ganz Großen des Genres, Mike Leigh und Ken Loach, einbrachte. Und in der Tat, mit seinem Debüt gelingt ihm ein eindrucksvolles wie einfühlsames Portrait zweier Menschen, zwischen denen auf emotionaler Ebene augenscheinlich Welten liegen, die aber im Anbetracht der widrigen Umstände zueinander finden.

Joseph (Peter Mullan) ist das, was man in England „people with a temper“ nennt: Ein jähzorniger Pub-Bruder in Feinripp und Jogginghose – im Grunde seines Herzens humorvoll und gerecht, allerdings nie abgeneigt, einen Konflikt handgreiflich auszutragen. Als Joseph nach einem erneuten Wutausbruch nicht weiß wohin, findet er in Hannahs (Olivia Colman) Laden Zuflucht. Sie scheint das exakte Gegenteil von Joseph zu sein: kontrolliert, liebevoll, warmherzig und unerschütterlich in ihrem Glauben an das Gute im Menschen. Vorbehaltlos begegnet die verheiratete Frau aus besseren Verhältnissen dem Getriebenen und bringt sein zynisches Weltbild ins Wanken. Und auch wenn Joseph sich anfangs dagegen wehrt, berührt ihn Hannahs selbstlose Art. Sein harter Panzer beginnt ganz langsam zu bröckeln und eine zarte Bindung entwickelt sich zwischen den beiden. Als aus Freundschaft aber Zuneigung wird, muss Joseph erkennen, dass der Weg in die Zukunft durch die Untiefen des Lebens führt.

„I feel safe with you!“„Nobody is safe with me.“

Joseph ist ein Mann der klaren Verhältnisse. Ebenso der Regisseur, der ihn zu Filmbeginn nicht unbedingt von seiner besten Seite zeigt, als er frustriert und zornig auf seinen eigenen Hund losgeht. Dabei wird neben der Charakterzeichnung schnell der inszenatorische Maßstab festgelegt. Während sich mittlerweile die verwackelte Handkamera-Ästhetik im Genre des Sozialdramas etabliert hat und (genreübergreifend) den Anspruch auf filmischen Realismus stellt, geht der Regisseur in die entgegengesetzte Richtung, wählt gemeinsam mit dem Kameramann ein cineastisches Widescreen Format und eine merklich ruhige, beobachtende Kameraführung für seine Erzählung. Das große Format gibt den Emotionen der Darsteller wesentlich mehr Raum sich zu entfalten und gerade bei der enormen Intensität der Gefühle der Protagonisten scheint diese Wahl die einzig Richtige gewesen zu sein.

Considine gibt seinen Darstellern wenig Zeit einander kennenzulernen. Mit einer Laufzeit von nicht einmal 90 Minuten sind einige Kniffe im Skript von Nöten um eine Entwicklung der Charaktere sicherzustellen. Diese machen sich auch bemerkbar, fallen durch klug eingesetzte Plot Points aber nicht zu stark ins Gewicht. Während der Regisseur ein klares Bild der einzelnen Figuren vermittelt, leidet die Skizzierung der Beziehung zwischen ihnen unter der kurzen Laufzeit. Ein Beispiel dafür ist Eddie Marsan, der als sadistisch-labiler Ehemann von Hannah eine nicht unwesentliche Rolle spielt aber dennoch eine stark begrenzte Screentime hat.

Mullan und Colman spielen zwei Charaktere, die anfänglich unterschiedlicher nicht sein könnten und sich gegen Ende immer ähnlicher werden. Dabei spielt Colman Hannah mit einer naiven Fragilität, währenddessen Mullan den unmittelbaren und jähzornig rauen Joseph portraitiert. Aus dieser Dynamik ergibt sich ein eruptives Spannungsfeld, das zwischen unkontrollierten Gewaltausbrüchen und zarten Gesten oszilliert. Nicht unbegründet, wurde das ungleiche Leinwandpaar für zahlreiche Preise nominiert und schließlich auch ausgezeichnet. Joseph möchte aus dem Strudel der Gewalt ausbrechen und schicksalshafterweise stolpert Hannah tief in diesen Strudel hinein. Considine erspart dem Zuseher und seinen Darstellern Nichts und geht in jeder brutalen Szene gewaltsam aufs Ganze, eine wahrhaftige Tour de Force für beide Lager.

Fazit:
Tyrannosaur punktet als hoffnungsvolles Sozialdrama in einem hoffnungslosen Milieu vor allem durch die Schauspieler. Peter Mullan und Olivia Hannah übertreffen sich in dieser Charakterstudie mit ihrem nuancierten Spiel von Szene zu Szene gegenseitig. Dabei helfen ihnen die ruhigen, stabilen Bilder aus deren Dissonanz zu den aufwühlenden Emotionen sich eine schonungslos ergreifende Darstellung entfalten kann. Zusätzlich legt sich durch die Vielzahl von angedeuteten und nicht ausgeführten Gewaltexzessen eine antizipatorische Spannung über das Geschehen, welche die ungewöhnliche Liebesgeschichte zu einem kompromisslos unangenehmen und aufwühlenden Erlebnis macht. Einzig die unkritisch, ausstellende Auseinandersetzung und eine vereinzelt rührselig anmutende Musikuntermalung trüben den ansonsten schwer verdaulichen Schlag in die Magengrube.

Wertung:
8/10 Punkte
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