J. Edgar (2011)

OT: J. Edgar - 137 Minuten - Biographie / Drama
J. Edgar (2011)
Kinostart: 20.01.2012
DVD-Start: 25.05.2012 - Blu-ray-Start: 25.05.2012
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Filmkritik zu J. Edgar

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Clint Eastwood hat vor vielen Jahren von zahlreiche großen Regisseuren aus nächster Nähe lernen können wie man herausragende Filme dreht. Mittlerweile ist er selbst einer von ihnen und man kann auf jeden neuen Film des subtilen Filmemachers gespannt sein. Leonardo DiCaprio hingegen hat sich längst als Schauspielschwergewicht etabliert und zählt sicherlich zu den talentiertesten Darstellern seiner Generation. Nun treffen also diese beiden Größen aufeinander und versuchen sich an einem gewichtigen Biopic. Doch leider muss man sagen, dass J. Edgar schlicht das gewisse Etwas fehlt um wirklich nachhaltig in Erinnerung zu bleiben - obwohl man eigentlich weder Eastwood, noch DiCaprio etwas vorwerfen kann.

USA, in den 60er Jahren: FBI-Direktor J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio) blickt auf eine unglaublich lange Karriere zurück und lässt sein Leben Revue passieren: Im Jahr 1919 ist Hoover noch ein kleiner Beamter, aber nachdem sein Vorgesetzter Mitchell Palmer (Geoff Pierson) ins Visier von radikalen Kommunisten gerät, sticht er schon bald aus seinen Kollegen hervor. Hoover hat einen messerscharfen Verstand, denkt analytisch und fordert eine gebündelte Behörde, die auf hoch entwickelte Verbrecherjagd spezialisiert ist. Und bald schon erfüllt sich sein Wunsch und er wird Direktor des jungen FBI. Privat hat er aber ganz andere Probleme: Zu Frauen hat er meist ein schwieriges Verhältnis, stattdessen fühlt er sich zum attraktiven Clyde Tolson (Armie Hammer) hingezogen. Da seine Mutter Anne (Judi Dench) aber eine notorische Schwulenhasserin ist, kann er dies weder öffentlich, noch sich selbst wirklich eingestehen...

Es ist ein wahres Mammutprojekt, das sich Clint Eastwood mit J. Edgar vorgenommen hat. Nachdem er mit Invictus bereits ein bisschen in das Genre der verfilmten Biographien hineinschnupperte, langt er nun mit J. Edgar in die Vollen. Nicht ein kleiner Augenblick aus dem Leben eines wichtigen Mannes steht hier im Zentrum, sondern dessen über vier Dekaden andauernde Lauerposition an den Hebeln der Macht. Wie muss ein Mann ticken, der unter acht verschiedenen US-Präsidenten gedient hat und es dennoch immer schaffte seine eigenen Interessen zu wahren? Und wie steht es nun wirklich um das Privatleben von J. Edgar Hoover, über das munter spekuliert wird?

Clint Eastwood hat sich, was die Stilistik seines Films betrifft, wie man es von ihm gewohnt ist für den ruhigen, seriösen und bedächtigen Tonfall entschieden. Zwar springt er immer wieder in den Zeitebenen umher, aber unter der Regie Eastwood wirkt selbst dieses Stilmittel, das gerne dazu eingesetzt wird um Unruhe in einen Film zu bringen, nicht hektisch. Stattdessen gleiten die Zeitebenen einfach mühelos ineinander und werden in der Regel auch sehr gut durch die Montage übergeleitet. Auf diese Weise gelingt es J. Edgar trotz zahlreicher Sprünge ein rundes und solides Portrait eines Mannes zu skizzieren, das letztens Endes zwar stark zerstückelt erzählt wird, aber dank des subtilen Stils des Films dennoch wie aus einem Guss wirkt.

Besonders gut gelungen ist, wie man es von Eastwood kennt, die visuelle Ebene des Films. Auf fast schon verspielte Weise legt der alte Fuchs Eastwood Schatten über die Szenen und versucht immer wieder Ausschnitte von Gesichtern, oder Körperteile im Dunkeln verschwinden zu lassen. Es entsteht somit eine spannende Wechselwirkung zwischen dem Look des Films und seiner Thematik, denn wie kaum ein anderer schaffte es J. Edgar Hoover aus dem Dunkeln heraus die Fäden zu ziehen und immer alles unter Kontrolle zu behalten. Dass dies kein Zufall ist zeigt uns J. Edgar immer wieder, wenn wir den sorgfältigen FBI-Direktor bei der genauen Katelogisierung und der schlüssigen Analyse über die Schulter blicken dürfen.

Besonders spannend sind dabei jene Momente in denen wir sehen wie (bzw. ausgelöst durch welche geschichtlichen Ereignisse) es Hoover gelingt seinen Einflussradius immer wieder zu erweitern und seine Organisation zu verbessern. Auch die Eckpfeiler in seiner Karriere sind höchst interessant umgesetzt, allerdings führt uns das auch leider zum großen Problem des Films: Dillinger hier, Lindbergh-Baby dort, dann noch etwas Kommunistenjagd und die große Geheimsammlung. Eastwood deutet alles Mögliche an, es fehlt aber leider an der nötigen Zeit um die (sehr interessanten!) Episoden auch im Detail abzuhandeln. So hat man leider an manchen Stellen das Gefühl, dass man viele spannende Anekdoten versäumt (bzw. diese sogar einen eigenen Film verdient hätten).

J. Edgar ist somit ein Film über eine Person die man nur schwer erfassen kann, die einen komplexen Charakter besitzt und die gerne aus dem Verborgenen agiert. Ein Film der Geheimnisse, der sich konsequenter Weise erlaubt auch selbst einige Geheimnisse zu behalten. Eines davon ist wohl auch die Frage nach der etwas mauen Qualität manchen Masken im Film. Gut, es war sicherlich eine Herausforderung eine derart breit angelegte Geschichte umzusetzen, aber dennoch findet sich auf Grund des Alterungseffekts (besonders was Armie Hammer betrifft) so mancher Moment der unfreiwilligen Komik im Film - aber an dieser kleinen Randnotiz soll man sich nicht aufhängen.

Ach ja: Und dann wäre dann ja auch noch die großartige Leistung von Leonardo DiCaprio zu erwähnen, der sich wieder einmal von seiner allerbesten Seite zeigt. Wie man es von ihm gewohnt ist spielt er die Rolle auf den Punkt genau richtig und man hat richtiggehend den Eindruck, dass er sich die Figur wie eine zweite Haut überstreift. In Kombination mit der Maske hat man hier weniger denn je das Gefühl den berühmten Schauspieler DiCaprio vor sich zu sehen, sondern gibt sich tatsächlich der Illusion einer perfekt gespielten Figur hin. Doch obwohl sich auch die anderen Darsteller keinerlei Blöße geben, wird man dennoch ein Gefühl nicht los: J. Edgar ist viel mehr ein gut gemachter, seriöser und stilsicherer Film den man respektiert, als ein Filmerlebniss, dass einen wirklich tief beeindruckt.

Fazit:

Wie man es auf Grund des Kreativteams erwarten konnte, gibt sich J. Edgar rein handwerklich keinerlei Blöße. Clint Eastwood sorgt mit seiner stilsicheren und subtilen Inszenierung für eine stimmige Atmosphäre, Leonardo DiCaprio spielt herausragend und das Drehbuch von Oscarpreisträger Dustin Lance Black ist sehr umsichtig und spannend. Aber trotz diesen Qualitäten fehlt J. Edgar schlicht das gewisse Etwas um ihn wirklich herausragend zu machen. Der Film ist schon fast zu gemütlich, zu ruhig und zu trocken, als dass er emotional wirklich funktionieren könnte und man wird auch das Gefühl nicht los, dass viele Episoden nur angerissen wurden und man als Zuseher einiges versäumt hat. Dennoch: J. Edgar ist ein sehenswerter Film - nur sollte man sich bewusst sein, dass es eher ein Film ist den man respektiert, als ein Film in den man sich wirklich verliebt.

Wertung:
7/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 7.6/10 | Kritiken: 4 | Wertungen: 21
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Liste von sara_van
Erstellt: 19.09.2012