Extrem Laut und Unglaublich Nah (2011)

OT: Extremely Loud and Incredibly Close - xx Minuten - Drama
Extrem Laut und Unglaublich Nah (2011)
Kinostart: 17.02.2012
DVD-Start: 22.06.2012 - Blu-ray-Start: 22.06.2012
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Filmkritik zu Extrem Laut und Unglaublich Nah

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Der 11. September 2001 ist das große Trauma der jüngeren US-Geschichte. Kaum ein Tag in der nahen Vergangenheit hatte eine solche Auswirkung auf die gesamte Welt wie jener erschütternder Terrorangriff. Auch die Filmindustrie hat sich schon auf verschiedene Art und Weise an das Thema herangewagt. Mal mehr (Flug 93 von Paul Greengrass), mal weniger (World Trade Center von Oliver Stone) gelungen, aber man könnte zumindest nicht behaupten, dass das Thema bereits ausgereizt ist. Stephen Daldrys Drama Extrem laut und unglaublich nah nähert sich dem Thema vor allem auf emotionaler Ebene: Der Film erzählt eine Geschichte von einem großen Verlust und wagt den Versuch sich an die Ausmaße des kollektiven amerikanischen Traumas heranzutasten - und das überraschenderweise mit viel Feingefühl und hoher künstlerischer Integrität.

Oskar Schell (Thomas Horn) ist ein ganz spezieller Junge: Intelligent, ruhig, schüchtern, scheinbar hart an der Grenze zum Asberger Syndrom. Nur sein aufopfernder Vater (Tom Hanks) schafft es immer wieder den kleinen Oskar dazu zu bringen seine Ängste zu überwinden. In groß geplanten Expeditionen schickt er ihn durch ganz New York und bringt ihn dazu auch mit anderen Menschen zu sprechen um schließlich die Rätsel seines Vaters zu lösen. Doch bevor Oskar sein letztes Rätsel knacken kann stirbt sein Vater auf tragische Weise bei den Terrorangriffen am 11. September 2001. Nun gibt es nur noch Oskar, seine Mutter (Sandra Bullock), seine Großmutter (Zoe Caldwell) und ihren stummen Untermieter (Max von Sydow), der sich langsam mit Oskar anfreundet. Doch dann findet Oskar etwas: Versteckt im Schrank seines Vaters entdeckt er einen Schlüssel mit der Aufschrift “Black” - also durchsucht Oskar das Telefonbuch nach allen Menschen in New York mit dem Nachnahmen Black, in der Hoffnung darauf das Schloss zu finden in das der geheimnisvolle Schlüssel seines Vaters passt...

Man könnte ja durchaus schlimmes befürchten, wenn man die Inhaltsangabe liest. Der Grat zwischen echter Anteilnahme und ausuferndem Kitsch ist schmal und gerade wenn es um ein tragisches Erlebnis wie die Ereignisse vom 11. September geht ist es natürlich schwer auf subtile und differenzierte Art und Weise eine Geschichte zu erzählen. Aber genau das ist Stephen Daldry mit Extrem laut und unglaublich nah sehr gut gelungen und obwohl er dabei doch auf die Tränendrüse drückt, hat man nie das Gefühl, dass der Film die Emotionen erzwingen will. Stattdessen ergeben sie sich organische aus dem sensiblen Portait, das scheinbar einer ganzen Nation aus der Seele spricht und dabei optimistisch in die Zukunft blickt.

Mit ein Grund warum sich die Emotionen in Waage halten ist vor allem die Dychotomie zwischen Oskar und den Menschen denen er auf seiner Reise begegnet. Obwohl bei seinen Gesprächspartnern durchaus gewisse Klischees bedient werden entsteht im Kontrast zu Oskar ein sehr ausgewogenes Verhältnis. Große Emotionen und Mitgefühl mit Oskars tragischem Verlust treffen auf die Schwierigkeit Oskars mit anderen Menschen zu kommunizieren und Emotionen zu zeigen, sodass die zahlreichen Eigenheiten in Oscars Verhalten dazu führen dass eine eigenwillige Stimmung entsteht, die den Film durchaus auszeichnet.

Dies wird auch unterstützt durch die Liebe zum Detail, die aus Extrem laut und unglaublich nah ein imponierendes Drama macht, das sicher länger in Erinnerung bleiben wird. Förmlich ohne Unterbrechung kommentiert Oskar das Geschehen aus dem Off und führt uns seine Sicht der Welt vor Augen. So können wir uns nicht nur besser in den speziellen Charakter der Hauptfigur einfühlen, sondern lernen im Laufe des Films tatsächlich die Welt etwas mehr aus seinem Blickwinkel zu sehen. Unterstützt durch die handwerklich perfekte Inszenierung von Stephen Daldry (der das Kunststück schaffte, dass alle seine bisherigen Filme, inklusive Extrem laut und unglaublich nah, entweder in der Kategorie Bester Film oder Beste Regie für den Oscar nominiert waren) entsteht so eine liebevoll konstruierte Welt, die es schafft zu begeistern.

Aber das bringt uns auch zu einem der Kritikpunkte am Film: Denn tatsächlich merkt man, dass hier so manche Ebenen der Geschichte schlicht konstruiert wirken und sich nicht organisch aus dem Handlungsverlauf ergeben. Auch manche Wendungen im Storyverlauf erzielen nicht den gewünschten Überraschungseffekt, aber das alles sind Kritikpunkte die die Qualität des Films nicht merklich trügen. Es sind eher Dellen an einer wunderschönen Karosserie, als wirklich tragische Hindernisse. Denn das Wichtigste ist, dass Extrem und unglaublich nah das Herz am rechten Fleck hat und es auch schafft seine Botschaft zu transportieren und dabei auch emotional zu funktionieren.

Dazu tragen auch die grandiosen Darsteller bei, die dem Film ihren Stempel merklich aufdrücken. Beeindruckend ist unter anderem die präzise Darbietung von Thomas Horn, aber das wahre schauspielerische Highlight liefert der absolut atemberaubende Max von Sydow. Als stummer, geheimnisvoller Untermieter mit (nicht allzu) verborgener Verbindung zur Familie, wird er sich sofort ins Herz unzähliger Zuseher spielen. Jede Bewegung, jede angedeutete Emotion und absolute jede Form des Mimenspiels nutzt er perfekt um seine Rolle auf den Punkt genau zu spielen. Tom Hanks macht seine Sache ebenfalls sehr gut, auch wenn es für ihn natürlich nicht besonders schwierig ist den perfekt-sympathischen Vater zu spielen - aber die Geschichte verlangt diesen extrem positiven Gegenpol zu den tragischen Ereignissen nun einmal um zu funktionieren.

Fazit:
Extrem laut und unglaublich nah ist ein berührender Film, getragen von grandiosen Darstellern. Bis in die kleinsten Nebenrollen hochkarätig besetzt und tatsächlich zeigen sich auch alle Schauspieler von ihrer besten Seite. Besonders Max von Sydow liefert eine unglaublich beeindruckende Leistung, aber auch die Darbietungen von Tom Hanks, Thomas Horn und Jeffrey Wright bleiben in Erinnerung. Viel wichtiger aber ist, dass sich der Film stets seine emotionale Integrität bewahrt und es trotz des schwierigen Themas schafft die Balance zwischen subtiler Emotionalität und großen Gefühlen zu bewahren. Vielleicht ist die Geschichte an manchen Punkten etwas konstruiert und nicht alle Wendungen kommen so überraschend wie es der Film gerne hätte, aber trotz diesen kleinen Kritikpunkten ist Extrem laut und unglaublich nah ein sehr sehenswerter und berührender Film geworden.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 7.8/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 13
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