Ziemlich beste Freunde (2011)

OT: Intouchables - 112 Minuten - Komödie / Drama
Ziemlich beste Freunde (2011)
Kinostart: 06.01.2012
DVD-Start: 07.09.2012 - Blu-ray-Start: 07.09.2012
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Filmkritik zu Ziemlich beste Freunde

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Eric Toledano und Olivier Nakache haben in Frankreich für Aufsehen gesorgt. Die beiden Regisseure schufen mit Intouchables (dt. Ziemlich beste Freunde) einen Box-Office Hit mit dem niemand so wirklich gerechnet hat. 2,5 Millionen Besucher in nur 10 Tagen ins Kino zu locken gelingt nicht alle Tage (außer vielleicht Dany Boon mit Willkommen bei den Sch’tis, dem bis dato erfolgreichsten französischen Film). Dieses Potential hat auch Hollywood gerochen, denn die Weinstein Company hat sich die Rechte für das Remake gesichert. Im Angesicht der Tatsache, dass Toledano und Nakache bereits alles richtig gemacht haben, dürfen dem Studio ohne Bedenken ausschließlich finanzielle Absichten unterstellt werden.

 

Nichtsdestotrotz, bei Ziemlich beste Freunde handelt es sich nicht um ein kühn inszeniertes Meisterwerk. Daraus kann man den richtigen Schluss ziehen, dass die wahre Geschichte der scheinbar ungleichen Protagonisten im Mittelpunkt des Interesses liegt. Der einschlägige Erfolg der Verfilmung ist wohl auf die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen in Frankreich (und Europa) zurückzuführen. Denn in unserer unstabilen Zeit, in der die Kluft zwischen arm und reich kontinuierlich steigt und zur selben Zeit das gegenseitige Vertrauen sinkt, sehnen sich die Menschen vor allem Eines herbei: Harmonie. Dass dieser Wunsch keine Utopie ist, zeigt die französische Tragikomödie Ziemlich beste Freunde.

Philippe (Francois Cluzet) führt das perfekte Leben. Er ist reich, adlig, gebildet und hat eine Heerschar von Hausangestellten – aber ohne Hilfe geht nichts! Philippe ist vom Hals an abwärts gelähmt. Eines Tages taucht Driss (Omar Sy), ein junger Mann, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, in Philippes geordnetem Leben auf. Driss will eigentlich nur einen Bewerbungsstempel für seine Arbeitslosenunterstützung und auf den ersten Blick eignet sich das charmante Großmaul aus der Vorstadt auch überhaupt nicht für den Job als Pfleger. Doch seine unbekümmerte, freche Art macht Philippe neugierig. Spontan engagiert er Driss und gibt ihm zwei Wochen Zeit, sich zu bewähren. Aber passen Mozart und Earth, Wind & Fire, Poesie und derbe Sprüche, feiner Zwirn und Kapuzenshirts wirklich zusammen? Und warum benutzt Philippe eigentlich nie den großartigen Maserati, der abgedeckt auf dem Innenhof steht? Es ist der Beginn einer verrückten und wunderbaren Freundschaft, die Philippe und Driss für immer verändern wird...

Es gibt Filme, die mehr als nur Produkte einer ökonomischen Fantasie sind. Filme die Geschichten erzählen, deren Essenz in der Realität verankert ist und die über einen Mehrwert verfügen. Wenn die Wirkung des Films über die Gegenwärtigkeit des Kinobesuchs hinausgeht und damit den Rezipienten nachhaltig beeinflusst, wird die Traumfunktion des Films quasi greifbar. So ein Film ist die französische Tragikomödie Ziemlich beste Freunde.

Ziemlich beste Freunde fängt mit einem nächtlichen Vorgriff an, der den Zuseher darauf einstimmt was folgt. Während einer vermeintlich ernsten Situation kommt der wahre, humorvolle Charakter der beiden Protagonisten zum Vorschein. Rückblende... Und so kommt die Geschichte des ungleichen Duos Driss und Philippe, die das Herzstück des Films bilden, ins Rollen. Ein Buddy-Movie, in dem zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die dennoch so viel verbindet, zueinander in Beziehung treten. Trotz, oder vielleicht sogar wegen ihrer unterschiedlichen Herkunft ergänzen sich die beiden hervorragend und bilden ein homogenes Gespann. Im Rahmen einer klassischen 3-Akt-Struktur wird die Chronologie der Ereignisse mit all ihren Höhen und Tiefen erzählt. Dabei ist die Geschichte weder besonders originell, noch erfindet sie das Rad neu. Dennoch schafft es Ziemlich beste Freunde auf ganzer Linie zu überzeugen. Der Grund dafür ist schlicht und einfach die darstellerische Leistung, ganz besonders die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern und die Harmonie auf stilistischer Ebene.

Denn wenn Cluzet und Sy sich gegenüber stehen und in Kommunikation treten, baut sich augenscheinlich eine erstaunliche Dynamik zwischen den beiden auf. Unterstützt wird das Ganze dabei von der unabhängigen Glaubwürdigkeit beider Charaktere. Die französische Version von Dustin Hoffman, Cluzet, der nach eigenen Angaben einen ausdrucksstarken Körpergebrauch viel lieber praktiziert, stellt seinen, an den Rollstuhl gefesselten Charakter Philippe stets menschlich dar. Das sympathische Gesicht schafft es trotz seiner misslichen Lage dem Zuseher Respekt abzugewinnen. Sein Charakter möchte kein Mitleid bekommen und Cluzets Charisma erreicht dies schließlich auch, insofern war die Casting-Entscheidung ein Volltreffer.

Omar Sy steht ihm aber in Nichts nach. Auch er besticht mit einer bemerkenswert natürlichen Darstellung. Besonders im Umfeld der sozialen Unterschicht erreicht er eine ungeheure Authentizität und es beschleicht einen das Gefühl, dass er direkt aus dem Plattenbau gecastet worden sei. Lediglich im Umfeld von Philippe mutiert der Franzose ein bisschen zum Clown für die High-Society. Sein Spiel verändert sich dahingehend, dass es die Grenze zum Slapstick erreicht. Dennoch sorgt Sy für die meisten Lacher. Wenn er beispielsweise das erste Mal in der Oper sitzt, plötzlich auf der Bühne ein Baum erscheint, zu singen anfängt und Driss einen Lachanfall bekommt, wird dem Zuseher die absurde, unfreiwillige Komik der Oper erst richtig so bewusst und man hat keine andere Wahl als sich ihm anzuschließen und loszulachen. Alle anderen Charaktere wurden wie die Protagonisten liebevoll und menschlich skizziert und runden den Cast harmonisch ab.

Die Inszenierung ist merklich der Handlung untergeordnet. Die schnörkellos subtile Kamera ermöglicht den Schauspielern zu atmen, ihre Charaktere zu entwickeln. Unterstützt wird die Erzählung von einer ebenso subtilen wie zeitlich gut gesetzten Score des immer populärer werdenden Ludovico Einaudi, dessen minimalistisch elegante Musikuntermalung angenehm präsent ist und nicht zu viel Platz einnimmt. Ziemlich beste Freunde besticht also auch durch das harmonische Zusammenspiel der verschiedenen (stilistischen) Komponenten.

Fazit:
Ziemlich beste Freunde ist eine charmante Tragikomödie mit Herz & Verstand. Gänzlich frei von Klischees, durch die reduktionistische Inszenierung getragen wird den Darstellern ermöglicht, dass sich eine intensive Chemie zwischen ihnen entfalten kann. Dabei lässt das Drehbuch schnell ein Erzählschema erkennen und bietet kaum Überraschungen. Für das Funktionieren der Geschichte sind aber weder Originalität noch dramaturgische Kniffe notwendig. Die Tragikomödie verlässt sich nämlich, zurecht, auf ihre zwei stärksten, dauergrinsenden Faktoren: Omar Sy und Francois Cluzet. Und da ist selbst das, fast kitschig anmutende Happy End ein versöhnliches, sind die Ereignisse doch (zum Großteil) auf einer wahren Begebenheit beruhend, in der Realität verortet.

Wertung:
8/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 8.4/10 | Kritiken: 3 | Wertungen: 109
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