Vier Minuten

OT: -  112 Minuten -  Drama
Vier Minuten
Kinostart: 07.09.2007
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Vier Minuten

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Der kleine Film Vier Minuten war es, der die gigantische deutsche Produktion Das Parfüm von Produzent Bernd Eichinger und Regisseur Tom Tykwer nach der weltberühmten Vorlage von Patrick Süskind auf die Plätze verwies und sich den deutschen Filmpreis als bester Film holte. Doch auch dem internationalen Vergleich hielt der Film stand und gewann auch das Filmfestival in Shanghai. Und Vier Minuten hat sich auch alle diese Lorbeeren redlich verdient. Der Film nimmt sich und seine Figuren ernst und liefert über fast 2 Stunden eine emotionale Berg- und Talfahrt der Extraklasse.

Traude Krüger (Monica Bleibtreu) ist schon fast eine Institution im Frauengefängnis. Seit Ewigkeiten gibt sie dort nun schon Klavierunterricht, doch so richtig Ansehen hat sie dadurch nicht erlangt. Momentan hat sie lediglich vier Schüler und der Direktor denkt laut darüber nach, ihren Posten zu streichen. Da beginnt eine neue Schülerin bei ihr Unterricht zu nehmen: Jenny (Hannah Herzsprung) ist eine virtuose Pianistin und konnte in ihren jungen Jahren bereits Wettbewerbe gewinnen. Das Problem ist nur, dass sie unter schrecklichen Wutausbrüchen leidet und des öfteren durchdreht. Dennoch geht Traude das Risiko ein und will sie bei einem Wettbewerb antreten lassen...

Man kennt das Klischee ja zur Genüge: Ein junger, aufsässiger Schüler trifft auf den Lehrer und Mentor, der ihn alles lehrt, was er für die jeweilige Aufgabe wissen muss. Zwischen Schüler und Lehrer entsteht dann meistens eine Freundschaft und am Ende gewinnt der Schüler seinen Wettbewerb und alle sind glücklich. Diese oder eine ähnliche Klischeesituation findet man in unzähligen Filmen, und es ist sehr schön, dass Vier Minuten von dieser Ausgangslage abweicht. Denn der ansonsten die Geschichte dominierende Wettbewerb wird in Vier Minuten fast zum MacGuffin reduziert, sodass sich der Film ganz auf seine Figuren konzentrieren kann.

Die gesamte Spannung, die sich im Film aufbaut, entsteht nur durch die Wechselwirkung der unterschiedlichen Hauptfiguren. Auf der einen Seite ist die Klavierlehrerin Traude. Sie schleppt ein Geheimnis aus der Vergangenheit mit sich herum, und die Last, die seit unzähligen Jahren auf ihrem Rücken lastet, hat sie sichtlich verändert. Gekrümmt und unscheinbar schleicht sie durchs Leben. In ihrem Gesicht zeichnen sich tiefe Falten ab und sie scheint nur mehr von ihrer Liebe zur Musik angetrieben zu werden. Sie macht auch ihrer Schülerin Jenny von Anfang an klar, dass es ihr nicht um sie geht. Das Einzige, das für Traude zählt, ist die Musik.

Ganz anders die junge und wilde Jenny. Sie hat ein unbeschreibliches Talent, das sie damals vorsätzlich weggeworfen hat. Bereits als Kind musste sie mit ihrem Vater, der sie auch missbrauchte, von Wettbewerb zu Wettbewerb eilen. Sie hatte die Liebe zur Musik aufgegeben und brach mit einem Rundumschlag in die Freiheit aus. Wegen Mordes landete sie schließlich im Frauengefängnis. Dort, eingesperrt unter anderen Kriminellen, bleibt sie ein Außenseiter und unberechenbar. Jederzeit kann die Wut in ihr ausbrechen und auf die Welt niederhageln.

Im engen Umfeld des Gefängnis werden die Figuren Traude und Jenny ohne Ausweg aneinander gepresst. Ihre krassen Gegensätze reiben sich aneinander und bringen die darunterliegenden Menschen zum Vorschein. Sie finden einander sympathisch, doch ihre großen Unterschiede lassen die Lage immer wieder eskalieren. Jenny kann sich nicht beherrschen und wirft Traude verbal immer wieder alles Mögliche an den Kopf. Somit baut sich eine stete Wechselwirkung im Film auf. Traude und Jenny finden zusammen, und sobald sie einen gewissen Punkt erreicht haben, bekommt Jenny ihre Tobsuchtsanfälle und die Spannung ist wieder entfacht.

Gespielt werden die beiden Hauptfiguren virtuos von der alteingesessenen Schauspielerin Monica Bleibtreu und der Neuentdeckung Hannah Herzsprung. Beide ergänzen sich perfekt und schaukeln sich zu wahren Höchstleistungen hoch. Während Monica Bleibtreu den ruhigeren Part übernimmt und viel allein durch ihre Mimik erzählen darf, hat Hannah Herzsprung den physischeren Part. Sie muss schreien und um sich treten. Sie darf alle Emotionen rauslassen, hat aber auch genügend Klasse, um ihre Figur ambivalent zu gestalten. Sie ist mit Sicherheit die Neuentdeckung des Films und wird noch ein große Karriere vor sich haben.

Das Einzige, das den Film etwas abwertet, sind seine Rückblenden, die in Fragmenten aus der NS-Vergangenheit von Traude berichten und beleuchten, was denn nun die Last ist, die seit Jahren auf ihren Schultern liegt. Zwar sind diese Szenen durchaus wichtig, um die Figur der Traude besser zu verstehen und ihr Profil zu verleihen, aber auf der anderen Seite bremsen sie den Fluss des Films und stören die sinusförmige Spannungskurve etwas. Hätte man sich ausschließlich auf den zentralen Konflikt der beiden Hauptfiguren konzentriert, wäre es sicher besser für den Film gewesen.

Neben den beiden Hauptfiguren spielt selbstverständlich die Musik eine zentrale Rolle in Vier Minuten. Perfekt begleitet sie die Szenerie und erzählt eine Geschichte für sich. Nur wenn sie spielen, sind Traude und Jenny so, wie sie sein wollen. Am Ende, in den titelgebenden Vier Minuten, in denen Jenny schließlich ihren Wettbewerb bestreitet, konzentriert sich die gesamte aufgebaute Spannung des Films und entlädt sich schließlich auf ungeheuer kraftvolle Weise. Diese Sequenz ist nicht nur die stärkste des Films, sie ist auch die Sequenz, an die man sich immer erinnern wird, wenn man an den Film Vier Minuten denkt.

Fazit:
Vier Minuten ist ein herausragender Film, der sich ganz auf seine beiden Hauptfiguren konzentriert und nur durch die inneren Konflikte dieser und durch die Unterschiede der beiden, welche sich aneinander aufreiben und ihr Innerstes zeigen, überzeugt und den Zuseher fast 2 Stunden lang fesselt. Am Ende entladen sich alle Konflikte des Films in den titelgebenden vier Minuten, in denen Jenny schließlich spielt. Definitiv ein denkwürdiger und großartiger Film!

Wertung:
8/10 Punkte

Filmering.at
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