Der Prozess (2011)

OT: Der Prozess - 116 Minuten - Dokumentation
Der Prozess (2011)
Kinostart: 25.11.2011
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Der Prozess

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"Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."

- Franz Kafka in „Der Prozess


13 Tierschützer. 100 Tage Untersuchungshaft. Etwa 427 Verhandlungstage. Ein rund 20.000 Seiten umfassender Hauptakt. Kolportierte 5.500.000 Euro Prozesskosten – 0 Verurteilungen: Im März 2010 fand im Landesgericht Wiener Neustadt ein Prozess statt, der nicht nur mit dieser grotesken Bilanz aufhorchen ließ sondern schon vorher ein mediales Echo generierte, dass sich wie ein Lauffeuer verbreitete und eine Dimension erreichte, wie es zuvor selten der Fall war. Im Rahmen der vagen Formulierungen des sogenannten „Mafia-Paragrafen“ 278a StGB, welcher die Bildung einer kriminellen Organisation vorsieht, wurden 13 Tierschützer angeklagt. Der Paragraf sollte vor allem dazu dienen, terroristische Handlungen zu unterbinden. Warum sich deshalb gerade Tierschützer mit diesem Paragrafen konfrontiert sahen, wurde letztendlich im Zuge der Verhandlungen aufgeklärt. Der österreichische Dokumentarfilmer Gerald Igor Hauzenberger (Einst süße Heimat. Begegnungen in Transsylvanien) hat den angeklagten Obmann des Vereins gegen Tierfabriken (VGT) Martin Ballauch und dessen Mitstreiter seit den Verhaftungen im Jahr 2008 und folgend während dem „Monsterprozess“ begleitet. Das Ergebnis ist ein dokumentierter Irrsinn, in der sich die Exekutive und Legislative jeweils gegenseitig ad absurdum führen und das zum Leidwesen der Bürger, die sie eigentlich schützen sollten.

Über ein Jahr dauerte der Prozess gegen 13 TierschützerInnen, die nach Paragraf §278a, dem sogenannten Mafia-Paragrafen, angeklagt wurden. Den NGO-AktivistInnen wurde die Bildung einer kriminellen Organisation vorgeworfen. Zwei Jahre lang hatte die Polizei die politischen Aktivisten überwacht, sogar eine verdeckte Ermittlerin eingeschleust. Der Prozess endete dennoch mit einem Freispruch in allen Anklagepunkten. Viele der Aktivisten stehen wegen der Prozesskosten aber vor dem finanziellen Ruin. Handelt es sich also um einen Musterprozess gegen zivilen Ungehorsam? Muss sich jeder, der sich aktiv in einer NGO engagiert, fortan fürchten, als Mitglied einer terroristischen Organisation angeklagt zu werden?

270 Stunden Film. Das ist das Ergebnis von drei Jahren Recherchearbeit die der Regisseur und sein Team geleistet haben. Die Geduld, die dabei aufgewendet wurde scheint bei den bürokratischen Hürden einem Kraftakt zu gleichen. Der Film schildert zwar die Ereignisse rund um den Prozess, das allerdings sehr einseitig. Es kommen verschiedene Unabhängige Gutachter und Rechtsexperten zu Wort, die allesamt die Unrechtmäßigkeit der Vorgänge an den Pranger stellen. Die Tierschützer werden in ihrem privaten Bereich gezeigt und einige Parlamentarier kommen kurz zu Wort. Wo bleibt denn da die andere Sichtweise?

Im Film tritt Hauzenberger mit Telefon zwei Mal vor die Kamera. Er möchte zu den Vorkommnissen ein Statement vom Innenministerium bekommen um ein möglichst ausgeglichenes Bild zu rekonstruieren. An der einsilbigen Sprecherin des Innenministeriums beißt er sich aber die Zähne aus. Ebenso scheinen die  Polizisten und der Staatsanwalt, ja die ganze Linie der Ankläger, nicht zu einem Interview bereit zu sein. Fußt etwa die nicht vorhandene Bereitschaft von Kommentaren auf dem Bewusstsein, dass sie sich auf dünnem Eis bewegen? Lediglich die damalige Justizministerin Bandion-Ortner macht ein kleines Zugeständnis und zweifelt an der Wirksamkeit des Paragrafen. Das Zugeständnis wird allerdings im Laufe des Films wieder relativiert als sie mit dem politischen „Who is Who“ der Konservativen des Landes am Jägerball anzutreffen ist.

Chronologisch erzählt Hauzenberger die Geschehnisse. Da während den Verhandlungen im Gerichtssaal die Öffentlichkeit ausgeschlossen wurde, werden die Sitzungen, von dem angeklagten Chris Moser illustriert nachgestellt, der rote Faden dadurch sichergestellt und die Intransparenz der Justiz dargestellt. Zwischen den Gerichtsverhandlungen werden immer wieder Sequenzen der einzelnen „Hauptdarsteller“ in ganz privaten Momenten eingeblendet. Dieses Stilmittel nimmt dem Film deutlich an Geschwindigkeit ab, verleiht ihm zusätzlich eine emotionale Komponente. Das abrupte Ende transferiert die Ohnmacht der angeklagten Tierschützer während des Prozesses direkt auf den Zuseher: Fassungslos von den Fakten und absurden Vorgängen innerhalb unseres Rechtssystems, wer ist noch vor dieser scheinbaren Willkür sicher?


Fazit:

Hauzenberger und sein Team schaffen mit Der Prozess ein gleichsam erschreckendes wie eindringliches Bild eines Prozesses, ein fragmentiertes Resümee der kafkaesken Ereignisse. Der Prozess ist auch eine Ernüchterung für alle Beteiligten. Die freigesprochenen Tierschützer werden mit immensen finanziellen Schulden vom Gericht in die Realität entlassen. Gleichzeitig verlässt man als Zuschauer kopfschüttelnd von den eben dokumentieren Absurditäten den Kinosaal. Die Angst, von einem Polizeitrupp nachts mit vorgehaltener Waffe gewaltsam aus dem Bett gepfercht und anschließend von einem unvorbereiteten Staatsanwalt im Sinne des Paragrafen 278a StGB angeklagt zu werden, ist angesichts der  schwammigen Formulierung des Gesetzestextes also durchaus präsent. Während sich die konservative Politik in apathischer Ignoranz und euphemistischer Zurückhaltung übt, müssen die österreichischen Bürger erfahren, dass die Ereignisse vom 11. September 2001 und die daraus resultierenden „Reformen“ der Freiheit und Privatsphäre schließlich in der kleinen Republik Österreich halt gemacht haben.

Wertung:
8/10 Punkte

Anmerkung: Der Prozess wurde auf der Viennale 2011 als „Beste Dokumentation des Jahres“ ausgezeichnet.

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