Fenster zum Sommer (2011)

OT: Fenster zum Sommer - 96 Minuten - Drama
Fenster zum Sommer (2011)
Kinostart: 18.11.2011
DVD-Start: 10.05.2012 - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Fenster zum Sommer

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Wer sich schon einmal gewünscht hat, an einen früheren Zeitpunkt in seinem Leben zurückzukehren, um etwas in diesem anders oder gar besser zu machen, dem zeigt die deutsche Produktion „Fenster zum Sommer“ zwar positive, aber eben auch negative Aspekte auf, die ein solcher Zeitsprung in die Vergangenheit mit sich bringen kann. Regisseur Hendrik Handloegten, der für sein Erstlingswerk Paul is Dead (2000) sowie Liegen lernen (2003) mehrfach ausgezeichnet wurde, nahm sich diesem Stoff nach Vorlage des gleichnamigen Romans von Hannelore Valencak an und schafft mit Fenster zum Sommer eine ebenso rätselhafte wie faszinierende Geschichte.

Juliane (Nina Hoss) ist frisch verliebt und gemeinsam mit ihrer neu gewonnenen Liebe August (Mark Waschke) in Finnland mit dem Auto auf dem Weg, um Ninas Vater zu besuchen. Als sie bei einem See Rast machen und Juliane in den Armen des schlafenden Augusts über die Begebenheiten ihres Kennenlernens nachdenkt, fallen auch ihr die Augen zu. Am nächsten Morgen erwacht Juliane und nichts ist wie es war. Oder besser gesagt – alles ist, wie es früher schon einmal war, sechs Monate früher um genau zu sein. Es ist Winter und Juliane lebt immer noch mit ihrem langjährigen Freund Phillip (Lars Eidinger) in der gemeinsamen Wohnung und auch der Kauf einer Eigentumswohnung ist geplant. Auch ihre Arbeitskollegin und beste Freundin Emily (Fritzi Haberlandt), die am Tag von Julianes und Augusts Kennenlernen von einem Auto angefahren wurde und starb, ist noch am Leben. Sie versteht die Welt nicht mehr, August ist noch mit einer anderen Frau zusammen und  kennt Juliane nicht mehr  bzw. noch nicht und so stellt sich für sie die Frage, ob sich eine Liebe zwei Mal finden kann.

Juliane kann sich niemandem anvertrauen, denn wer würde ihr schon glauben? Als sie auf Emilys Sohn Otto (Lasse Stadelmann) aufpasst und ihm die Geschichte schließlich doch, allerdings in Form einer Gute-Nacht-Geschichte verpackt erzählt, bringt sie dieser auf den Gedanken, dass sie alles ändern könne und nur an dem Tag, der genauso ablaufen sollte wie schon ein halbes Jahr zuvor, alles vom „ersten Versuch“ wiederholen müsse. Doch sie bleibt unsicher, versucht sich August zu nähern, was zunächst auch klappt und in einer gemeinsamen Nacht endet, danach macht er sich jedoch aus dem Staub. Und dann wäre da auch noch Emilys tödlicher Unfall, den Juliane ebenfalls verhindern will und sich schließlich zwischen der Verantwortung ihrer Freundschaft und Emilys Sohn gegenüber und ihrem eigenen Glück mit August entscheiden muss...

Der Film scheint in mehreren Hinsichten in verschiedenen Sphären zu spielen, einerseits in der eigentlichen Gegenwart, in der Juliane in der finnischen Mittsommernacht mit ihrem August zusammen glücklich ist und die Vergangenheit, in der Juliane noch mit Phillip zusammen war, eine Affäre mit August begann und Julianes Freundin Emily starb. Und dann wäre da auch noch die neue, eigentlich schon vergangene Gegenwart, in der Juliane in ihr altes Leben zurück geworfen nun alles noch einmal durchleben muss oder aber eben die Chance nutzen kann, etwas zu ändern. Die unterschiedlichen, zeitlichen Dimensionen zeigen sich auch visuell. Während man Juliane und August zu Beginn des Films durch die sommerliche, finnische Landschaft folgt, wird man mit Julianes Zeitsprung in das winterlich, verschneite Berlin versetzt, worin auch ihr Gefühlsleben widergespiegelt ist. Mit ihrem alten Leben mit Ex-Freund Phillip kann die Protagonistin eigentlich nichts mehr anfangen, es lässt sie kalt.  

Die vier Hauptdarsteller Nina Hoss, Mark Waschke (Buddenbrooks, 2008), Lars Eidinger (Alle Anderen, 2009) und Fritzi Haberlandt (Eine Insel namens Udo, 2011)  genossen allesamt ihre Schauspielausbildung an der Ernst-Busch-Schauspielschule und lernten sich schon damals kennen. Diese Vertrautheit macht sich auch auf der Leinwand bemerkbar, die Chemie zwischen den Schauspielern, vor allem zwischen Juliane und August, stimmt einfach. Vor allem Nina Hoss, die für Filme wie Die weiße Massai (2005) oder Yella (2007) bekannt und mehrfach ausgezeichnet ist, in der Rolle der Juliane, beweist viel schauspielerisches Können, indem sie Julianes Handlungen sehr nachvollziehbar und realistisch darstellt und man ihre Verzweiflung nachfühlen kann.  

Mit Fenster zum Sommer gelingt Hendrik Handloegten ein Drama, das trotz seiner rätselhaften Begebenheit keiner Aufklärung bedarf und eine solche letztendlich auch nicht gibt. Durch diese nicht gegebene Erklärung für Julianes Sprung in die Vergangenheit wird der Film davor bewahrt, trotz seiner Science-Fiction-anmutenden Handlung ins Komische oder Unglaubwürdige abzudriften. So folgt der Film dem Stile von Peter Weirs Picnic at Hanging Rock (1975), der den Zuseher bezüglich seines Rätsels um das Verschwinden einiger Schülerinnen ebenfalls im Dunkeln lässt.

Aber auch Juliane selbst sucht erst gar nicht nach einem Grund für das, was ihr passiert ist, sondern nimmt dies vielmehr hin, wie man auch einen Traum als einfach gegeben annimmt. Natürlich ist sie verwirrt und weiß nicht, was um sie geschehen ist, versucht aber dennoch kaum, sich jemandem anzuvertrauen. Lediglich Emilys Sohn Otto deutet sie das Geschehene in eine Geschichte verpackt an. Außerdem startet sie auch einen Versuch, August durch einen Brief, in dem sie ihm schildert, dass sie zwar wisse, dass es unglaubwürdig klinge, sie ihn aber bereits kenne und ihn um ein Treffen bittet. Dieser Versuch trägt jedoch keine Früchte, der Brief wird von Augusts Freundin abgefangen, bevor dieser ihn lesen kann und von dieser als Untreue abgestempelt. Juliane belässt es dabei, was dem Film trotz seiner unfassbaren Geschichte einen ungemeinen Grad an Realität verleiht, man kann Julianes Handlungen durchaus nachvollziehen und würde sich in ihrer Situation vermutlich genauso verhalten. Generell wirkt der Film in Bezug auf die Entscheidungen seiner Charaktere und den Handlungsverlauf von diversen Hollywood-Klischees losgelöst. So wird es Juliane nicht leicht gemacht, ihr altes Leben zu ändern und beispielsweise das Leben ihrer besten Freundin zu retten. Und auch als Juliane August beim zweiten Anlauf neu kennenlernt, verfällt er ihr nicht sofort, sondern lässt sie ohne ein Wort als One-Night-Stand in ihrem Hotelzimmer zurück. Die Handlung ist dadurch nur wenig vorhersehbar und erhält sich fast durch den gesamten Verlauf seine Spannung.

Der besondere Flair des Films entsteht nicht zuletzt durch den idyllischen Kontrast des finnischen Mitsommers zum winterlichen, tristen Berlin. Auch auf akustischer Ebene baut Handloegten, der in jüngster Kindheit in Finnland aufwuchs, einen Bezug zur finnischen Kultur auf, angefangen bei einem finnischen Wiegenlied, das den Einstieg des Films unterstreicht und die Geschichte zusätzlich noch interessanter macht.

Fazit:
Hendrik Handloegtens Fenster zum Sommer beschäftigt sich nach dem Zeitsprung seiner Protagonistin aus dem sommerlichen Finnland ein halbes Jahr in die Vergangenheit ins verschneite Berlin mit der Frage, ob es so etwas wie Schicksal gibt und sich ihre frische Liebe zu August ein zweites Mal finden kann. Ohne viel Erklärung zur Zeitverschiebung begleitet der Film Juliane bei dem Versuch, in ihr neues Leben zurückzufinden, Augusts Liebe noch einmal zu gewinnen und schließlich auch ihre Freundin vor einem tödlichen Unfall zu bewahren, und lässt dem Zuseher somit viel Spielraum, sich das Geschehen selbst zu begründen. Mit den kontrastreichen Bildern des finnischen Mitsommers und des verschneiten Berlins ist dem Film zusammen mit seiner rätselhaften Handlung eine besonders große Spannung sicher, die man sich mit seiner raffinierten Umsetzung nicht entgehen lassen sollte.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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