Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada (2005)

OT: The Three Burials of Melquiades Estrada - 121 Minuten - Neo / Western
Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada (2005)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada

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Bereits die Vorzeichen machen diesen Film interessant: Alejandro Gonzalez Innaritus Stammautor Guillermo Arriaga, der unter anderem für die Drehbücher zu Amores Perros, 21 Gramm und Babel verantwortlich ist, verfasste die Vorlage zu The Three Burials of Melquiades Estrada und Tommy Lee Jones brachte den Film, als sein Regiedebüt, auf die Leinwand. Als zusätzlicher Anreiz um das ohnehin schon interessante Projekt noch reizvoller zu machen, holte sich The Three Burials of Melquiades Estrada auch noch den Preis für das beste Drehbuch und den besten Hauptdarsteller in Cannes 2005. Warum es der Film allerdings trotzdem nicht in die heimischen Kinos geschafft hat, ist mir ein Rätsel.

An der Grenze zwischen Texas und Mexiko wird die Leiche eines Mexikaners gefunden, der unliebsam verbuddelt wurde und bereits von den Kojoten angefressen wurde. Als man ihn entdeckt wird er ohne große Umschweife beerdigt und die Sache ist für Sheriff Belmont (Dwight Yoakam) erledigt. Doch dieser hat die Rechnung ohne Pete (Tommy Lee Jones) gemacht. Dieser identifiziert den Ermordeten als Melquiades Estrada (Julio César Cedillo), der nicht nur für Pete gearbeitet hat, sondern auch sein bester Freund war, den er einst ein Versprechen gegeben hat.

Pete sagte Melquiades zu, dass er ihn in seinem Heimatort Jiminez beerdigen würde, falls er vor ihm sterben sollte. Doch Pete will nicht nur sein Versprechen einlösen, er will auch dass Melquiades' Mörder für seine Tat bezahlen muss. Die Behörden haben sich nämlich abgesprochen und so soll der Grenzpolizist Mike (Barry Pepper) nicht für den Mord zur Verantwortung gezogen werden. Doch Pete hat schon andere Pläne mit ihm: Spätnachts entführt er ihn aus seinem Haus und macht sich gemeinsam mit den Überresten seines Freundes Melquiades und dessen Mörder auf nach Mexiko. Wohlwissend dass es für ihn keine Rückkehr geben kann...

The Three Burials of Melquiades Estrada beginnt damit eine staubige, fiebrige Atmosphäre zu erschaffen. Mit seinen unzähligen Figuren, vom Grenzpolizisten Mike, über den raubeinigen Cowboy Pete, bis zur desillusionierten Rachel (Melissa Leo) und zu Mikes Frau Lou Anne (January Jones) zeichnet der Film ein feinfühliges Portrait einer Kleinstadt, dass in seiner Art etwas an Little Children erinnert. Dabei ist es allerdings gerade die drückende Wüstenhitze, die sich von der Leinwand förmlich auf den Zuseher herabbrennt, die den Film in diesen Szenen auflädt.

Zu jederzeit spürbar ist speziell im ersten Abschnitt des Films die Handschrift von Drehbuchautor Guillermo Arriaga, der ähnlich wie in seinen Büchern für Innaritu auch hier wieder seine markante non-lineare Erzählweise einsetzt. Allerdings verkommt sie bei ihm nie zum reinen Selbstzweck, wie bei einigen anderen Filmemachern, sondern man merkt dass die Geschichte in der Hand eines Meisters ist. Arriaga bringt durch die Zeitsprünge und durch das öftere durchlaufen eines Zeitpunktes aus verschiedenen Perspektiven, nicht nur die Geschichte häppchenweise voran, was dem Zuseher zum miträtseln einädt, sondern er spinnt durch diese Erzählweise die Storyfäden immer weiter aus, und zeichnet somit ein detailiertes und feinfühliges Bild der Beziehungsstrukturen unter den Figuren.

Dies bewirkt dass man sich als Zuseher sofort in der Geschichte heimisch fühlt und das genaue Verständnis darüber welches Verhältnis die Charaktere untereinander haben bewirkt dass einem die Figuren sehr vertraut vorkommen und man sich stets als Teil des Geschehens fühlt. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet auch Tommy Lee Jones, der mit seiner ruhigen, stilsicheren Inszenierung stets den richtigen Ton trifft. Seine Bilder bleiben ruhig und ohne Hektik und erzählen die Geschichte ohne Effektharscherei, dafür aber mit umso mehr Gefühl. Von der Kameraarbeit bis zur Musik passt alles perfekt zusammen und ergibt eine angenehme, stimmungsvolle Szenerie, die verzaubert.

In seinem Aufbau ist The Three Burials of Melquiades Estrada ein zweigeteiltes Werk. Während sich Arriaga im ersten Abschnitt noch mit seiner asynchronen Erzählweise austoben kann und den Zuseher auf eine intelligente Spurensuche einlädt, die erst nach und nach verrät was sich beim Mord an Melquiades wirklich zugetragen hat und wer sein Mörder ist, bzw. in welchem Verhältnis die beiden zum Rest des Dorfes stehen, wirkt der zweite Abschnitt des Film wesentlich konstanter und linearer. Wirklich bemerkenswert ist allerdings dass beide Abschnitte auf dem gleichen, aussergewöhlich hohem Niveau operieren.

Die Entführung von Mike stellt dabei das Bindeglied zwischen den beiden Teilen dar. Ab hier verändert sich der Film und geht in eine neue Richtung. Die Zeitsprünge fallen beinahe zur Gänze weg und The Three Burials of Melquiades Estrada konzentriert sich beinahe nur auf Pete und Mike, die im gemeinsamen Zusammenspiel in der Wüste unglaublich stark wirken. Lediglich die Freundschaft zwischen Melquiades und Pete wird in Rückblenden näher erläutert, was insofern notwendig ist, als dass die Beweggründe von Pete beleuchtet werden und nicht nur die Figur des Melquiades eine Gestalt annimmt, sondern vor allem auch Pete ein wenig mehr Profil bekommt.

Pete ist dabei die mit Sicherheit eindrucksvollste Figur des Films. Tommy Lee Jones spielt den romantischen Cowboy, für den ein Versprechen noch etwas bedeutet, aus voller Überzeugung und liefert ein ruhige und bedachte Galavorstellung ab, die ihm zu Recht den Preis als bester Hauptdarsteller in Cannes eingebracht hat. An seiner Seite kann der oftmals nur durchschnittlich agierende Barry Pepper aus seiner Haut fahren und eine Charakterentwicklung zeigen, die nicht nur für seine Verhältnisse wirklich eine Überraschung ist, sondern die vor allem den ausgezeichneten Gegenpol zu Tommy Lee Jones darstellt.

Die wahre Stärke von The Three Burials of Melquiades Estrada ist die Interaktion der Figuren untereinander. Dies beginnt bereits beim genau konstruierten Beziehungsgeflecht in der Kleinstadt, weswegen sich der Film auch genug Zeit nimmt um selbst kleinere Figuren genug zu beleuchten, geht über die liebevoll gezeichnete Männerfreundschaft zwischen Melquiades und Pete und gipfelt schließlich in der herrlich abstrakten Situation wenn Pete versucht mit Mike durch die Wüste, über die Grenze, nach Mexiko zu kommen.

Und eben diese Szenen sind auch der kleine Höhepunkt unter den vielen grandiosen Szenen des Films. Pete treibt Mike mit unerbitterlicher Härte durch die Wüste und hat ihm selbst die Schuhe genommen, damit dieser nicht fliehen kann. Für Mike soll dies seine ganz persönliche Bestrafung werden, für das was er Melquiades angetan hat. Er wird bestraft werden, und ironischer Weise ist die Bestrafung die Pete für ihn vorgesehen hat, wesentlich härter, als die Strafe die das Gesetz für ihn bereit gestellt hätte, von dem er allerdings verschont blieb.

Zuerst lässt er Mike die Leiche von Melquiades vollkommen alleine aus dessen Grab schaffen. Um den Druck auf Mike zu erhöhen verschweigt Pete ihm alles was er weiters vor hat. So muss Mike alle seine Arbeiten in der Überzeugung erledigen, dass er von Pete demnächst erschossen wird. Dann wird er von Pete gezwungen die Arbeitskleidung von Melquiades anzuziehen und während ihrer Reise durch die Wüste muss er stets neben der Leiche sitzen, damit er seine Tat auch immer vor Augen hat. Pete konfrontiert Mike mit seiner Sünde.

Für Mike ist die Reise nach Mexiko die Befreiung von seinen Sünden, seine Reinigung. Er muss sich seinen Taten stellen und Melquiades um Verzeihung bitten. Für Pete ist sie eine Selbstverständlichkeit. Er kann nicht zulassen dass sein Freund als namenlose Nummer im Räderwerk der Bürokratie untergeht. Dabei verändert sich Mike im Laufe der Reise. Zu Beginn versucht er seinem Schicksal zu entfliehen. Er nützt die Gelegenheit die sich ihm zur Flucht bietet und wird von Pete geduldig wieder eingefangen. Am Ende soll er auf den Knien und mit Tränen in den Augen Melquiades um Verzeihung bitten.

Man kann es Tommy Lee Jones gar nicht genug anrechnen wie er es schafft hier eine fabelhafte Atmosphäre zu erschaffen. The Three Burials of Melquiades Estrada ist ein durch und durch gelungener Film, der sich selbst und sein Genre ernst nimmt. Dabei hat man nicht vergessen unglaublich viel schwarzen Humor mit in die Geschichte zu nehmen, die ihn jedoch nicht entschärft, sondern, obwohl man als Zuseher häufig Lachen muss, noch verstärkt. Es erfordert schon einen talentierten Regisseur, damit ein Film, der dermaßen schräge Figuren bietet und den Zuseher auf solch böse Weise unterhält, noch ernsthaft und mitreissend ist. Man balanciert virtuos am Abgrund und trifft dabei immer den richtigen Ton. The Three Burials of Melquiades Estrada behandelt ernste Themen und trägt sie in einem solch stimmigen und unterhaltsamen Gesamtpaket vor, dass man sich fast verneigen möchte.

Neben den Personen die diese Welt bevölkern, ist es vor allem die Welt selbst, die einen Großteil des Gelingens von The Three Burials of Melquiades Estrada ausmacht. Der Neo-Western schlägt gekonnt die Brücke zu unserer Welt. An manchen Stellen wirkt es als wäre die Szenarie dem nächstbesten Leone-Western entsprungen, doch dann tauchen in verstaubten Geschäften Flachbildschirme auf und ein Handy beginnt zu klingeln. Die fiebrige Atmosphäre ist dabei so dicht dass man sie fast greifen kann. Ein Film wie eine Mischung aus Zwei glorreiche Halunken und 21 Gramm, mit einer Prise der Coen Brüder und ein Stück Erbarmungslos. Kurzum ein Meisterwerk.

Fazit:
The Three Burials of Melquiades Estrada ist ein durch und durch hervorragender Film. Das Drehbuch von Guillermo Arriaga liefert eine intelligente, ernsthafte und dennoch mit viel schwarzem Humor ausgestattete Vorlage, die von Tommy Lee Jones, der hier sein Regiedebüt feiert, auf herrlich dezente Weise mit viel Stilsicherheit verfilmt wurde. Die fiebrige Neo-Western Atmosphäre und die groß aufspielenden Darsteller tragen ebenfalls ihren Teil dazu bei um den Film aufzuwerten. Der Film ist das was dabei rauskommt wenn man Zwei glorreiche Halunken, 21 Gramm, Fargo und Erbarmungslos in einen Mixer wirft und die Quintessenz aus diesen Werken herausfiltern möchte. Das Ergebnis ist schlicht ein Meisterwerk und dass dieser Film in Deutschland und Österreich nie regulär im Kino zu sehen war, ist nicht nur schade, es ist ein Armutszeugnis.

Wertung:
9/10 Punkte











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