Geständnisse (2010)

OT: Kokuhaku - 106 Minuten - Drama / Mystery / Thriller
Geständnisse (2010)
Kinostart: 28.10.2011
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Geständnisse

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Rache als Leitmotiv. Die asiatische Filmbranche scheint der Schrittmacher dieser Thematik zu sein. Der Südkoreaner Park Chan-wook hat mit seiner Rache Trilogie Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy & Lady Vengeance den Weg für seine Landsmänner geebnet. War es letztes Jahr eine Mutter die sich auf die Suche nach einem Mörder begibt, der seinen Mord ihrem Sohn angehängt hat (Mother von Joon-ho Bong), so ist es dieses Jahr eine zierliche Lehrerin, die den Tod ihrer kleinen Tochter rächen will. Nun hat der japanische Regisseur Tetsuya Nakashima (Memories of Matsuko) ein Rachedrama nach dem gleichnamigen Roman von Kanae Minato geschaffen, das dem Großmeister in nichts nachsteht. Confessions ist ein irrwitziger Trip in kalte fernöstliche Gefühlswelten, der einen erschreckenden Blick in den unterbewussten Abgrund der japanischen Gesellschaft gewährt. Vielleicht hat der Film gerade deshalb in Japan sowohl massenweise Preise und lobenswerte Kritiken eingeheimst als auch das Publikum scharenweise in den Kinosaal gelockt.

Die alleinstehende Lehrerin Yuko Moriguchi hat es nicht leicht. Ihre Schüler schenken ihr keinen Respekt, jeder macht im Unterricht was er will: Es herrscht pures Chaos. Die ausgeteilte Milch wird nicht nur getrunken, sondern fliegt quer übers ganze Klassenzimmer. Während sich die junge Meute mit sich selbst beschäftigt, fängt die Lehrerin ruhig und beherrscht an eine Geschichte zu erzählen. Als sie vorwegnimmt, dass dies ihr letztes Jahr an der Schule ist werden ihre Schüler aufmerksamer. Als sie dann noch erzählt, dass vor kurzem ihre Tochter gestorben ist (an einem Freitag den 13.) und die Mörder in ihrer Klasse sitzen, wird es ganz plötzlich still. Da das Jugendrecht in Japan die Täter vor gerechten Strafen schützt hat sie sich etwas Besonderes ausgedacht: Die Milchtüten der Täter habe sie mit HIV-infiziertem Blut gemischt. Das zuvor stillgelegte Chaos potenziert sich, die Lehrerin verabschiedet sich und lässt die Jugendlichen mit der tödlichen Erkenntnis alleine...

Confessions begrüßt den Zuseher mit einem gut 20 minütigen Monolog der Lehrerin. Und dabei bleibt es nicht. Die Vocie-Over Geständnisse aller Beteiligten fungieren als fragmentierte Rekapitulation der Geschehnisse: Die Handlungen sind allesamt bereits geschehen, nichts daran kann mehr gutgemacht werden, sie bleiben irreversibel. Während Moriguchi in der chaotischen Klasse die Ereignisse nacherzählt wird die Milchtüte derart penetrant emotional aufgeladen, sodass man das Unglück förmlich schmecken kann. Was folgt ist eine rekurrierende Aufarbeitung der Geschehnisse aus unterschiedlichen Sichtweisen. Neben der Visualität ist die Struktur der Erzählform, die Dramaturgie, die größte Stärke des Films. Mit jedem Geständnis wird man weiter in die Spirale der Gewalt hineingezogen, mit jedem Geständnis ist man der Lösung des Puzzles ein Stück näher, mit jedem Geständnis schlägt der Film eine neue Richtung ein bis sich schlussendlich und unvermeidbar der emotionale Abgrund der Figuren offenbart. Im Showdown erreicht die Boshaftigkeit ihren Klimax den man so nicht vorhersehen kann.

Bei der Inszenierung hält sich der Regisseur freilich nicht zurück, frei nach dem Motto nicht kleckern sondern klotzen. Ob Regen, Milch oder Blut, alles fließt in Strömen. Aber Confessions hat auch seine ruhigen, meditativen Stellen die durch ihre kühle und glasklare Bildsprache den Zuschauer einnehmen. Die Abwechslung sorgt für ein ausgewogenes Bild. Als besonderes Stilelement geht schon von Beginn an die Slow Motion hervor. Nakashima schafft es sie so (oft) einzubauen, dass sie nicht nervtötend ist sondern der Zuseher sie als Gestaltungselement akzeptiert (wie auch Dolan in Les Amours Imaginaires). Insgesamt ist die visuelle Inszenierung in sich stimmig, wenn doch ein bisschen artifiziell.

Bei den Schauspielern setzt Nakashima lediglich auf eine prominente Persönlichkeit, Takako Matsu, die die Lehrerin darstellt. Die übrigen Rollen besetzt der zum Großteil mit unbekannten Gesichtern. Und da stechen besonders die Jugendlichen hervor. Den für die Asiaten bekannten ausdruckstarken ostentativen Schauspielstil praktizieren nicht nur die Erwachsenen sondern auch die Jungschauspieler bravourös. Ganz besonders tritt der Ersatzlehrer, Werther, der ganz konträr zu seinem berühmten Namensgeber eine Frohnatur ist. Seine überfürsorgliche und fröhlich optimistische Art steht jedem anderen Charakter in Confessions gegenüber. Man möchte meinen, der Charakter wäre ein zynischer Seitenhieb auf die Darstellung des Lehrers des westlichen Kinos (Good Will Hunting, etc.), wo der Lehrer stets selbstlos um das Seelenheil des Schülers sorgt. Denn Seelenheil findet in Confessions niemand, jeder benützt hier jeden für sein perfides Spiel.

Die Bildsprache wird durch einen atmosphärisch elegischen Soundtrack getragen. Während des anfänglichen Monologs passen die sphärischen Post-Rock Klänge zu dem kargen, grau-blauen minimalistischen Bildern punktgenau. Immer wieder, scheinbar als Motiv, ist Radioheads Last Flowers zu hören, ebenso wie von The XX Fantasy. Beide Lieder verbreiten hoffnungslose Tristesse. Mit den Bilder und der Geschichte im Hintergrund scheint dies des Öfteren als zu viel des Guten. Man wird mit der grau-depressiven Stimmung förmlich erschlagen. Hier hätte eventuell eine kontrastreiche musikalische Untermalung geholfen die bizarre Geschichte authentischer wirken zu lassen.

Fazit:
Confessions ist ein visuell beeindruckendes Gedicht über Rache. In einer stimmigen Inszenierung lösen schier unglaubliche Geständnisse eine albtraumhafte Achterbahnfahrt in die Abgründe des menschlichen Wesens aus. Dabei stehen die jungen Teenager den Erwachsenen in nichts nach. Die einzig negativen Aspekte sind zum einen womöglich die Künstlichkeit der Inszenierung die den Zuschauer auf Distanz hält und ihn daran erinnert, dass es sich hierbei wohl kaum um die Realität handelt. Und zum anderen kommt gegen Ende des Films das Gefühl auf, dass die Geschichte etwas überkonstruiert erscheint. Confessions lässt einen schließlich mit mehr Fragen zurück, als einem lieb ist: Wo befindet sich die Grenze von Unschuld und wo fängt die Mündigkeit an? Kann Rache jemals produktiv sein? Und ist das Vergiften von Milchtüten ein adäquates pädagogisches Mittel um seine Schüler zu disziplinieren?

Wertung:
8/10 Punkte
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