Schlafkrankheit (2011)

OT: Schlafkrankheit - 91 Minuten - Drama
Schlafkrankheit (2011)
Kinostart: 16.12.2011
DVD-Start: 27.01.2012 - Blu-ray-Start: 27.01.2012
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Filmkritik zu Schlafkrankheit

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Die Filme der Berliner Schule, rund um Regisseure wie Christian Petzold, Ulrich Köhler, Thomas Arslan, uvm. zeichneten sich bisher neben ihrer ruhigen, spröden Stilistik und den sehr geerdeten Geschichten vor allem auch durch die Fokusierung auf den urbanen Lebensraum aus. In letzter Zeit haben sich die Filmemacher aber immer öfters getraut zu neuen Ufern aufzubrechen: So flirtete Petzold in Jerichow nicht nur mit einem ländlichen Schauplatz, sondern auch mit einem selbstreferenziellen Umgang mit dem Medium Film und Thomas Arslan und Benjamin Heisenberg versuchten sich mit ihren Filmen Im Schatten bzw. Der Räuber an Genrefilmen. Nun folgt mit Schlafkrankheit der nächste Schritt von Ulrich Köhler die Tugenden der Berliner Schule aus ihrem Korsett zu befreien: Dies gelingt nicht zuletzt durch einen radikalen Schauplatzwechsel und einer hypnotisierenden Atmosphäre, die teilweise schon surreale Züge im Stil eines Apichatpong Weerasethakul aufweist.

Ebbo Velten (Pierre Bokma) lebt gemeinsam mit seiner Frau Vera (Jenny Schily) seit Jahren in Afrika um dort als Arzt die Schlafkrankheit zu bekämpfen. Die gemeinsame Tochter Helen (Maria Elise Miller) haben sie ins Internat geschickt und bekommen sie nur selten zu sehen. Doch nun soll sich alles ändern: Vera will zurück nach Deutschland und nachdem alles in die Wege geleitet ist verlässt sie das Land und Ebbo sollte sich eigentlich nur mehr um die restlichen noch offenen Dinge kümmern. Doch kann er das Land wirklich verlassen, oder lässt er seine Familie im Stich?

Schlafkrankheit ist ein außerordentlich hypnotischer Film, der es schafft auf völlig unerwartete Weise für Spannung zu sorgen. Und Ulrich Köhler, der für Schlafkrankheit den Regiepreis der Berlinale erhielt, gelingt es vortrefflich die wesentlichen Aspekte der Berliner Schule aufzugreifen und gleichzeitig sich von festgefahrenen Mustern zu lösen. So harmonieren Schauplatz, Geschichte und Inszenierung perfekt miteinander und es gelingt dem Film dank seiner besonnenen und äußerst interessanten Erzählstruktur fabelhaft für unerwartete Momente zu sorgen, die es auf subtile Weise schaffen zu verblüffen.

Die Themen des Films sind dabei schnell ausgemacht: Es geht um Entwurzelung, der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt und dem Entdecken der eigenen Identität. Entwicklungshelfer Ebbo ist dabei das Paradebeispiel eines rastlosen Suchenden. Er stammt aus Deutschland, doch fühlt sich dort nicht mehr zughörig. Es entsteht jedoch eine große Kluft in seinem Leben als er seine Welten auseinanderdriften sieht: Während seine Frau nach Deutschland geht möchte er in seinem Inneren eigentlich nicht wieder zurück. Er steht vor einer gewaltigen Weiche, die ihn auf der Suche nach dem eigenen Leben schickt.

Besonders spannend ist dabei der zweigeteilte Stil des Films, der für eine hoch interessante Erzählstruktur sorgt. Die Geschichte beginnt aus der Sicht von Ebbo, aber nach der Hälfte des Films - und bevor wir noch wissen wie Ebbos Geschichte endet - wechselt Köhler die Erzäherpektive und startet eine neue Geschichte. Plötzlich findet ein Sprung in die Zukunft statt und wir sehen den schwarzen französischen Arzt Alex Nzila (Jean-Christophe Folly) der sein gewöhntes Leben hinter sich lassen will und nach Afrika gehen möchte - dort muss er aber erkennen, dass er sich schon sehr an die Vorzüge der Zivilisation gewöhnt hat und große Probleme mit dem Alltag in Afrika hat.

Das wirklich herausragende ist wie geschickt es Ulrich Köhler gelingt seine beiden Handlungsfäden miteinander zu verknüpfen. Die vorige Hatfigur Ebbo ist in der zweiten Hälfte des Films nur mehr eine Nebenfigur - aber über das subtile Einbetten seines Werdegangs in die Geschichte von Alex erfahren wir dennoch auf unaufdringliche Weise wie sich das Leben von Ebbo weiterentwickelt hat. Dank der besonnenen Fokusierung auf die zurückhaltende Story und die sensible Charakterzeichnung der einzelnen Figuren entwickelt Schlafkrankheit auf diese Weise eine eigenwillige Faszination.

Dazu trägt auch die unheimlich Dichte Atmosphäre bei. Ulrich Köhler schildert den afrikanischen Alltag unaufdringlich im Vorbeigehen und obwohl der Film weniger ein Film über Afrika, sondern viel mehr über die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt ist, bekommen wir dennoch einen kulturellen Einblick in die Gepflogenheiten des schwarzen Kontinents. Besonders die satten Dschungelimpressionen saugen einen förmlich auf und laden zum tiefen Versinken in die Untiefen des Films ein. Dabei scheint aber durchaus nicht alles bierernst gemeint zu sein. So hat es schon eine gewisse Komik, wenn wir einen Schwarzen sehen, der mit dem Leben in Afrika absolut nicht klar kommt und ganz besonders das transzendale Ende weist doch ein gewisses Augenzwinkern auf - dies alles fügt sich zu einem sehr stimmigen Gesamteindruck zusammen und lässt Schlafkrankheit zu einem Tipp für alle Arthousefans werden.

Fazit:
Ulrich Köhler gelingt es fabelhaft die Tugenden der Berliner Schule ins ferne Afrika zu transportieren und dort um einige fundamentale Konzepte zu erweitern. So erinnert die surreale Transzendenz, die an manchen Punkten durchscheint schon fast an das Kino eines Apichatpong Weerasethakul. Gleichzeitig bleibt Köhler aber seinen großen Eckpfeilern treu: Er erzählt eine Geschichte voller Unsicherheiten über Menschen auf der Suche nach der eigenen Identität und ihren Platz in der Welt. Dank ungeahnten atmosphärischen Qualitäten und einem kreativen Erzählbogen, der die Geschichte auf zwei unterschiedliche Hauptfiguren aufteilt und ab der Hälfte die Erzählperspektive wechselt, bleibt Schlafkrankheit stets ein aufregender und spannender Arthousefilm, der dazu einlädt immer tiefer in seiner satten, nebeligen Atmosphäre zu versinken. Großartig!

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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