Gefährten (2011)

OT: War Horse - xx Minuten - Krieg
Gefährten (2011)
Kinostart: 16.02.2012
DVD-Start: 30.08.2012 - Blu-ray-Start: 30.08.2012
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Filmkritik zu Gefährten

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Steven Spielberg ist ein großer Geschichtenerzähler. Ein ewig jung gebliebener Träumer, der wie kein anderer Welten erschaffen kann, die es schaffen die grenzenlose Kreativität eines Visionärs mit der verspieltem Entdeckerfreude eines Kindes zu verbinden. Seit dem Jahrtausendwechsel hat Spielberg aber etwas von seiner Magie eingebüßt. Abgesehen von seinem Meisterwerk Minority Report kann man keinen Film zu den Prunkstücken seiner Filmographie zählen. Mit Catch Me if You Can und Terminal sorgte er für gute Unterhaltung und mit München drehte er einen respektablen ernsten Film, aber man vermisste doch den Ideenreichtum seiner früheren Werke - von ambivalent aufgenommenen Filmen ala A.I., Krieg der Welten, Indiana Jones 4 und Tim und Struppi gar nicht erst zu reden.

Und gerade in dieser Phase präsentiert Spielberg also Gefährten - einen kitschigen, märchenhaften und romantisierenden Film über eine große Freundschaft zwischen einem einfachen Jungen vom Land und seinem Pferd, angesiedelt während des ersten Weltkriegs. Das Augenrollen kann beginnen, die Scherze dürfen abgefeuert werden, aber man sollte eines nicht machen: Gefährten ungesehen abschreiben. Denn tatsächlich macht Steven Spielberg hier so gut wie alles richtig, und auch wenn sicher einige seinem Film vorab mit äußerster Skepsis gegenüber stehen werden, sollte man nicht den Fehler machen dieses außergewöhnliche Kinoereignis auszulassen. Sicher, Gefährten ist kitschig und drückt auf die Tränendrüse - aber es ist Spielbergs bester Film seit Minority Report.

Der junge Albert (Jeremy Irvine) ist ein gutherziger Brite vom Land, der gemeinsam mit seinen Eltern einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet. Das Leben der Familie ändert sich schlagartig als Vater Peter (Ted Narracott) ein Pferd kaufen will und anstatt eines günstigen Arbeitstieres, den überteuerten und eigenwilligen jungen Hengst Joey mit nach Hause bringt. Peter verzweifelt am Versuch das störrische Tier zum Arbeiten zu bringen. Doch Albert entwickelt eine enge Freundschaft zu Joey und beginnt langsam ihn abzurichten. Es dauert nicht lange bis sie ein unschlagbares Team werden gemeinsam den Bauernhof auf Vordermann bringen. Doch dann nähern sich dunkle Zeiten: Der erste Weltkrieg bricht aus und Peter verkauft Joey an die britische Armee...

Wenn es zwei Themen gibt, die das Werk von Steven Spielberg durchziehen, dann sind es große Märchen und große Kriege. In Gefährten bündelt Spielberg diese beiden Themenkomplexe nun zu einer gesammelten Essenz seines Schaffens. Wie bereits eingangs erwähnt mag die kompromisslose Stilbekenntnis des Films für viele auf den ersten Blick abschreckend wirken. Sieht man Trailer, Bilder, Poster, so ist es ein leichtes den Film ungesehen abzuschreiben. Noch leichter ist es sich darüber lustig zu machen und Spielberg eine aufkommende Altersenilität anzudichten. Und es ist umso beeindruckender, dass Spielberg all diese Gefahren völlig egal sind. Er lässt sich nicht abschrecken und inszeniert Gefährten als großes, romantisiertes Märchen mit Mut zum (guten) Kitsch und beweist viel Feingefühl im Umgang mit den Figuren.

Erzählt wird die Geschichte vor allem aus der Sicht von Pferd Joey. Doch der Fokus liegt nicht etwa starr auf Joey, sonder gleitet fließend auf jene Figuren, die in der jeweiligen Station des Abenteuers gerade mit Joey interagieren. Pferd Joey hingegen wird zum Faden, der die einzelnen Subgeschichten zu einem großen Ganzen verbindet. Er ist Antrieb und Beobachter der vielen kleinen Geschichten, in denen sich Nationalitäten und Seiten auflösen und nur der Mensch im Zentrum steht. Es erfordert immer Mut wenn man Gefühle zeigt und in Anbetracht der reinen und berührenden Emotionalität die in Gefährten aus jedem Frame herauszubrechen scheint kann man nur vom vielleicht mutigsten (Hollywood-)Film des Jahres sprechen.

Im Verlauf seines Abenteuers bekommt Joey immer wieder neue "Besitzer" zur Seite gestellt und Spielberg nutzt diese Ausgangslage um einen umfassenden Querschnitt des Lebens während des ersten Weltkrieges zu zeigen. Natürlich ist Gefährten nicht primär als erschütterndes Kriegsdrama zu sehen, sondern viel mehr als märchenhaftes Abenteuer, aber trotzdem gelingt es Spielberg quasi im Vorbeigehen immer wieder die Schrecken des Krieges aufzuzeigen - und das aus zahlreichen Perspektiven: Joey reitet für die britische Kavallerie, hilft zwei deutschen Brüdern die desertieren, leistet einem kranken Mädchen und ihrem Großvater Gesellschaft, schleppt Waffen für die Deutschen und sorgt für einen ruhigen Moment im Schützengräben als er im Stacheldraht zwischen deutscher und britischer Seite gefangen ist.

Spielberg gelingt dabei das Kunststück seine Figuren zu profilieren, obwohl diese in der Regel nur wenig Screentime zur Verfügung haben. Dazu trägt auch bei, dass Gefährten kein starbesetzter Film ist, sondern großteils eher weniger bekannte Schauspieler die tragenden Rollen übernehmen. Natürlich wäre es für Spielberg ein leichtes gewesen die gesammelte Hollywoodpräsenz für seinen Film zu gewinnen, aber die Entscheidung auf unverbrauchte Gesichter zu setzten war goldrichtig. Alle Darsteller machen ihre Sache großartig und der Ansatz unterstreicht nicht nur den mutigen, kompromisslosen Ansatz des Films, sondern verpasst den Figuren einen universelleren Charakter, der mit einem Starensemble wohl nur schwer erreichbar wäre (obwohl z.B. Contagion bewiesen hat, dass es durchaus möglich wäre).

Was Gefährten aber wirklich auszeichnet ist der sensible, humanistische Blick auf die Geschichte und ihre Charaktere. Natürlich ist Gefährten ein großes Epos, das auch über beeindruckende Bilder verfügt (Spielbergs Stammkameramann Janusz Kamiński hat wieder einmal großartige Arbeit geleistet), aber im Zentrum des Films stehen vor allem große Emotionen. Gefährten ist ein Film der das Herz am rechten Fleck hat und eine pure Unschuld verströmt, die zu Tränen rührt. Eben jene reine, unverfälschte Emotionalität des Films, kombiniert mit großen Träumen und einer großen Freundschaft (was im Wesentlichen Spielbergs Stil in reinster Form bedeutet) ist es auch was Gefährten anfällig für Spott macht.

Aber man soll sich dieses Erlebnis nicht madig machen lassen: Ja, Gefährten ist an manchen Stellen kitschig und der märchenhafte Blick auf das Leben selbst führt zu Szenen die man nicht unbedingt als "realistisch" bezeichnen kann. Aber warum sollte eine Parabel über Freundschaft auch einen "Realismusanspruch" erfüllen? Gefährten ist ein mutiges Stück Zelluloid, ein großes Abenteuer und ein dermaßen reines, gefühlvolles und einfach wunderschönes Kinoerlebnis, dass man Steven Spielberg nur danken kann dass er den Film genau auf diese Weise gedreht hat. Jeder der sich diesen unglaublich berührenden Film entgehen lässt ist selbst Schuld, denn mit Gefährten ist Steven Spielberg ein emotionales Meisterwerk gelungen, das beweist, dass Spielberg immer noch einer der großen Traumfabrikanten Hollywoods ist.

Fazit:
Gefährten ist der vielleicht mutigste und schönste Hollywoodfilm des Jahres. Steven Spielberg inszeniert ohne Kompromisse ein reines, herzerwärmendes Abenteuer, das es schafft seinen Stil punktgenau auf die Leinwand zu bündeln. Gefährten ist dabei ein Film, dem (speziell vor dem Ansehen) heftige Skepsis entgegen kommen wird - aber man sollte sich davon nicht abhalten lassen sich eine eigene Meinung zu bilden. Denn Spielbergs Film versteht sich vor allem als Parabel, die auf märchenhafte Weise eine Geschichte über Freundschaft und das Leben selbst erzählt. Ich selbst war im Vorfeld äußerst kritisch (vor allem, da Spielberg nun schon seit einiger Zeit wieder ein Meisterwerk schuldig ist) - aber Gefährten gelingt das Kunststück auch die Skeptiker um den Finger zu wickeln. Der Film sorgt für große Emotionen und dank der unglaublich mutigen Herangehensweise von Spielberg ist es sein bester Film seit Minority Report.

Wertung:
9/10 Punkte
Filmering.at
Community
Ø Wertung: 7.6/10 | Kritiken: 2 | Wertungen: 18
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