Shame (2011)

OT: Shame - 101 Minuten - Drama
Shame (2011)
Kinostart: 09.03.2012
DVD-Start: 13.09.2012 - Blu-ray-Start: 13.09.2012
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Filmkritik zu Shame

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Hypersexualität wird in der Medizin, Psychotherapie, klinischer Psychologie und Sexualwissenschaft als ein gesteigertes sexuelles Verlangen bzw. sexuell motiviertes Handeln bezeichnet. Sexsüchtig kann jeder sein – Mann und Frau jeden Alters. Und dass diese Krankheit weniger lustig ist, als sie sich anhört, erzählt der Film Shame.

Brandon Sullivan (Michael Fassbender) lebt ein auf den ersten Blick makelloses Leben: guter Job, tolle Wohnung, blendendes Aussehen und unzählige Angebote verschiedenster Frauen. Hinter der traumhaften Fassade, verbirgt sich jedoch eine kranke Psyche. Brandon ist süchtig nach Sex. Vor der Arbeit in der Dusche, in der Arbeit auf der Toilette, zuhause vor dem PC – wenn er nicht masturbiert, treibt er es mit Bar- Bekanntschaften in einer dunklen Gasse, oder mit einer Prostituierten in der eigenen Wohnung, oder gleichzeitig mit mehreren Prostituierten in einem Hotelzimmer. Die Sucht belastet ihn sichtlich, vor allem aber deren Geheimhaltung. Als seine psychisch vollkommen labile Schwester Sissy (Carey Mulligan) auftaucht und vorübergehend bei ihm einzieht, sieht sich Brandon in seiner heimlichen, perversen Welt gestört. Mit Sissy ist die Erinnerung an ein vergangenes Leben mit eingezogen, die er eigentlich für immer vergessen wollte...

Steve McQueen gelang mit Hunger 2008 ein packendes Drama über den Hungerstreik eines inhaftierten IRA- Kämpfers (ebenfalls grandios gespielt von Fassbender). Auch sein neuester Film wird nicht minder gelobt und heimste schon einige Auszeichnungen ein, beispielsweise den Darstellerpreis für Michael Fassbender bei den Filmfestspielen von Venedig. Der Regisseur erzählt eine Geschichte über ein Thema, das bislang kaum angesprochen wurde. Sexsucht zerstört dein Leben, vergleichbar wie die Sucht nach Alkohol oder Glückspielen und genau auf Basis dieser Tatsache, stelllt McQueen seine Charaktere vor, während ihm dabei ein kleines Wunder gelingt: Wenn Brandon alleine durch das kalte, sterile, menschenleere New York joggt, kurz bevor und nachdem er sich wieder entweder alleine oder mit Hilfe von leichten Damen befriedigt, empfindet der Zuschauer weder Ekel noch Abscheu. Während Brandon heimlich in der Bürotoilette onaniert und wenige Stunden später vor dem Spiegel in seinem Badezimmer, will der Zuschauer nicht wegsehen, er will ihm helfen. Der Mann, der in einer Woche mit mehr Frauen Sex hat, als viele innerhalb ihres ganzen Lebens ist bemitleidenswert. Der Mann, der mehr Frauen in einer Woche trifft, als viele innerhalb ihres ganzen Lebens ist unbeschreiblich einsam. Der Mann, der in einer Woche mit mehr Frauen Körperflüssigkeiten ausgetauscht hat, als viele innerhalb ihres ganzen Lebens, zuckt zusammen bei einer ehrlichen, liebevollen Berührung. Ein kurzer Rock reicht aus für eine Erektion, ein ehrlicher, zärtlicher Kuss erzeugt bei ihm Impotenz.

McQueen und nicht zuletzt Fassbender schaffen mittels nahezu perfekter Inszenierung und mitreißendem Schauspiel, aus einem sexbesessenen Perversen einen nach Hilfe schreienden, armen Menschen zu machen, der sichtlich versucht etwas zu verdrängen, etwas zu kompensieren oder etwas zu ertragen. Als die kleine, hilfose, psychisch nicht weniger gestörte Schwester einzieht, scheint die Mauer aus purem Sex aufzubrechen. Spätestens als Mulligan eine wunderschöne Version von New York, New York vorträgt, erkennt der Zuschauer in Brandons Gesicht die Trauer und den Selbsthass, sowie den eindeutigen Beweis, dass auch er Emotionen zeigen kann.

Leider lässt McQueen den Zuschauer in seinem neuesten Film zwar eindeutig emotional an beiden Schicksalen teilnehmen und mitfühlen, allerdings lässt er keine Schlussfolgerung zu. Er lässt das Publikum zwar äußerst detailliert an den freudlosen Sexabenteuern von Brandon teilhaben, verrrät aber nichts über dessen Ursprung oder gar seine persönliche Vergangenheit. Er lässt den Zuschauer zwar immer wieder auf Brandons Umdenken hoffen, etwa als man im Büro seine Festplatte voller Harcore- Pornos findet oder als Sissy von ihm zärtlich in den Arm genommen wird, jedoch spätestens in der nächsten Szene, in der sich Brandon dann wieder seinem Lieblingshobby widmet, muss man relativ bald feststellen, dass man ihm einfach nicht helfen kann.

Durch die immer wiederkehrenden Szenen, die sich nur durch unterschiedliche Settings unterscheiden, verliert Shame leider spätestens in der Mitte des Films an Spannung und somit auch an Eindringlichkeit, was auch nicht von Fassbender’s ausgezeichnetem Method Acting und Mulligans hinreißenden Versuchen ihrem Bruder (emotional) näher zu kommen, wieder gut gemacht werden kann. Wo kommen die beiden her? Warum sind beide psychisch dermaßen beschädigt? Was hat es zu bedeuten, wenn Sissy ihrem Bruder auf die Mailbox spricht „We’re not bad people, we just come from a bad place”? Genauso wie in Brandon immer wieder der Drang aufkommt Sex zu haben, will das Publikum tiefer in dessen Vorgeschichte eindringen, will verstehen und findet sich jedoch immer wieder nur vor einer riesigen Wand stehen aus vielen Vermutungen, noch mehr Fragen aber keinen Antworten. Leider ist gerade diese Entscheidung der Charakterdarstellung der Grund, warum der Film weniger bedeutend wirkt, als er es eigentlich sollte.

Fazit:
Shame ist in erster Linie herausragend, weil es sich einem Thema widmet, das bislang gänzlich totgeschwiegen wurde. McQueen gelingt mittels künstlerischer und sensibler Regiearbeit ein Tabubruch und eine Emotionsentwicklung beim Zuschauer, die beispiellos ist. Leider kann Shame dieses Niveau aufgrund eines sich immer wiederholenden Schemas nicht halten und wirkt somit frustrierend auf das mitfühlende Publikum, das beide Hauptdarsteller langsam aber sicher in den Abgrund laufen sieht, ohne dabei jemals zu erfahren, was diese zu so verzweifelten Existenzen gemacht hat. Nichts desto trotz absolut empfehlenswert, vor allem wegen der herausragenden Schauspielleistung der beiden Hauptdarsteller.

Wertung:
7/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 7.8/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 25
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