Patton

OT: -  170 Minuten -  Kriegsfilm
Patton
Kinostart: 26.03.1970
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Patton

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Für eine der schillerndsten Figuren des Zweiten Weltkriegs eine ebenso schillernde Leinwand-Biografie: Patton. Das siebenfach Oscar-prämierte Meisterwerk von Regie-Ass Franklin J. Schaffner („Planet of the Apes“, „Papillon“) kam im Jahre 1970, also während der heißen Phase des Vietnamkriegs, bestimmt nicht von ungefähr und zeigt auch deutliche Tendenzen gegen den Kommunismus. Man kann ihn nicht mal als Antikriegsfilm bezeichnen, denn so bitter es sich anhört, phasenweise glorifiziert er das Geschehen doch sehr. Solche Filme hatte Amerika, in Skandalen, Rassenproblemen und problematischer Außenpolitik auch bitter nötig, um das angekratzte Nationalbewusstsein wieder aufzupolieren.

Nichtsdestotrotz sind diese drei Stunden nahezu perfektes Unterhaltungskino, das von der Ausstattung bis hin zur brillanten Inszenierung keine Wünsche offen lässt. Stehen und Fallen tut „Patton“ aber mit seinem Hauptdarsteller George C. Scott („Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb”, „The Exorcist III”), der hier eine beispiellose Performance abliefert und Unterricht in Sachen Charakterdarstellung gibt. Scott spielt Patton nicht nur, er lebt ihn in jeder Szene vollends aus. Das beginnt mit dem legendären, einführenden Monolog vor einer riesigen amerikanischen Fahne und endet mit einem einsamen Spaziergang.

„Patton“ beruht auf den beiden Büchern „Ordeal and Triumph“ von Ladislas Farago und „A Soldier’s Story“ von General Omar N. Bradley - einem Freund Pattons, der auch im Film eine nicht unwichtige Rolle (verkörpert von Knollennase Karl Malden) spielen sollte. Für die Ausarbeitung und das letztliche Drehbuch war neben Edmund H. North („Sink the Bismarck!“, „The Meteor“) niemand anderes als Multitalent Francis Ford Coppola („The Godfather“, „Apocalypse Now“) verantwortlich. Von den ersten beeindruckenden und noch überraschenden Erfolgen gegen Wüstenfuchs Erwin Rommel (Karl Michael Vogler), sein Wettlauf gegen den britischen Feldmarschall Montgomery (Michael Bates) auf Sizilien, über seine irreführende Rolle vor der Invasion, bis hin zu seinem, seine Reputation wieder herstellenden, Kommando über die 3. Armee mit der er in Frankreich Unmögliches möglich machte, beinhaltet dieses filmische Denkmal alle wichtigen Episoden seiner militärischen Karriere

Auch wenn das hier eigentlich eine Filmkritik sein soll, will ich es mir in diesem Fall mal nicht nehmen lassen, diesen imposanten wie interessanten Charakter etwas ausführlicher zu analysieren. Natürlich ein unmögliches Unterfangen, hier alles zu besprechen, denn fast jede Szene offenbart etwas über den Charakter Pattons. Freilich spart dieser durch und durch patriotische Film sich alle negativen Seiten Pattons aus. Seine mutigen Angriffe forderten überdurchschnittlich viele Opfer und die hier nur einmal thematisierte Handgreiflichkeit soll auch öfter statt gefunden haben. Halten wir uns aber an das, was der Film zeigt und historisch größtenteils auch so verbürgt ist.

Patton war ein vaterlandstolzer Patriot, der alles aus tiefstem Herzen hasste, was Amerika als Feind ansah. Sein Job war eine Berufung, für die er nicht ausgebildet, sondern geboren wurde. Patton sagte was er dachte, was ihm später mehrmals, zum Beispiel als er laut über ein Bündnis zwischen Deutschland und den Alliierten gegen Russland nachdachte, einiges an Ansehen kostete. Seine persönliche Fehde mit Montgomery, seinem britischen Pendant, der sich und seine Pläne besser darzustellen wusste, zieht sich durch den gesamten Film, weil Patton in Afrika und Sizilien stets die Drecksarbeit für ihn machen musste und selbst zu selten den Ruhm erhielt, der ihm, so meinte er, gebühren würde.

Patton war aber mehr als nur ein zutiefst religiöser Disziplinfanatiker. Seine strategische Brillanz bezog er aus der Studie der Kriegsgeschichte. Von Cäsar über Napoleon bis hin zur Blitzkriegtaktik der Deutschen (die Verehrung Rommels) hatte das Genie sämtliche Taktiken wie ein Schwamm in sich aufgesogen und hielt sich deshalb selbst für einen wiederauferstandenen, anarchischen Kriegsherrn (trug stets einen Colt mit sich) mit ungeheurem Instinkt für die richtigen Entscheidungen. Der Film vereint diese Tatsachen, indem er Patton, wie einen Geschichtslehrer, vor seinen Leuten auf antiken Schlachtfeldern die damaligen Verläufe erklären lässt. Die Gabe traditionelle und moderne Kriegskunst zu kombinieren, machten ihn zu einem scheinbar unberechenbaren, listigen Kommandeur. Einzig und allein der deutsche Hauptmann Oskar Steiger (Siegfried Rauch), der auf der Gegenseite sehr treffend die Person Patton zusammenfasst und bilanziert, versteht es sich in diesen Kopf hineinzuversetzen, trifft bei seinen Vorgesetzten aber lediglich auf taube Ohren.

Patton war gleichzeitig auch ein Mensch, der nie wusste, wann er den Mund zu halten hatte und wann er das Falsche sagte oder tat. Das wusste er selbst nur zu gut, verstand es aber nicht sein Mundwerk zu zügeln – selbst sein Adjutant stand in dieser Hinsicht auf verlorenem Posten. Seine verbalen Fehler machten den Strategen politisch untragbar. Trotz seiner militärischen Erfolge wird ihm, weil eben an der Heimatfront die öffentliche Meinung gegen ihn mobil machte und er internationales Zwischenfälle (besonders gegenüber den ihm verhassten Russen) provozierte, später das Kommando über seine Armee entzogen. Stellvertretend seine Gesinnung stellt diesbezüglich das anfängliche Statement immer noch das Paradebeispiel dar.

Ein wirklich negativer Charakterzug lässt sich im Film jedoch nicht ausmachen. Sein intoleranter Umgang mit verwundeten Soldaten, die sich entweder selbstverstümmelt hatten oder nervlich einfach am Ende waren, ist sicherlich nicht die feine Art und war Wasser auf die Windmühlen seiner Kritiker, gleichzeitig aber auch verständlich. Patton verlangte nie mehr von seinen Männer, als er selbst zu tun bereit war. Das brachte ihm, als einer der sich nicht in Kommandobunkern weit hinter der Front versteckte, sondern immer vor Ort zu finden war, ungeheurem Respekt bei den durch seine pure Präsenz angespornten Truppen ein.

Seine menschliche Schwäche war, dass er sich selbst für überlebensgroß und unbesiegbar hielt (im Innersten aber auch leicht, vor allem wenn er ohnmächtig zuschauen musste, wenn Geschichte geschrieben wurde, zerbrechlich war) und sich nur zu gern selbst darstellte, um im Rampenlicht zu stehen. Er brauchte die Schlagzeilen in den Zeitungen und die Orden. Das war mit Sicherheit ein Vorteil gegenüber den vor Angst erstarrenden Gegnern, kam in Teilen seiner Truppe aber nicht besonders gut an. Die hohen Verluste seiner teilweise aussichtslosen Attacken sprechen diesbezüglich eine leider sehr deutliche Sprache.

„Patton“ lebt während seiner 180 Minuten selbstverständlich nicht nur von der Darstellung seines Titelgebers, sondern hat auch für damalige Zeit referenzverdächtige Materialschlachten zu bieten. Von den sehr imposanten Panzerschlachten ist vor allem der Kampf gegen Rommels Kräfte in der afrikanischen Wüste ein inszenatorisches Highlight, das die Herzen der Genrefans höher schlagen lässt. Schaffner arbeitet als Regisseur natürlich noch nicht mit den heute so hippen Wackelkameras, hektischen Schnitten und Close-Ups, sondern verlässt sich auf beeindruckende Panoramaaufnahmen des gesamten Schlachtfelds, um die dann mit Nahaufnahmen explodierender, ausbrennender Panzer und sterbender Soldaten zu kombinieren. Hier sind einige Aufnahmen zu finden, die in ihrer schlichten Brillanz und Selbstverständlichkeit geradezu nach Meisterwerk und Klassiker schreien.

Bei den begleitenden Charakteren wird sich auf das Nötigste beschränkt. Montgomery kommt als genau das weg, für das ihn Patton hielt: einen unfähigen, selbstfixierten Soldaten. General Omar N. Bradley, im Grunde das genaue Gegenstück von Patton (deshalb ergänzen sich beide auch so gut), wird als durchaus fähig und überlegen dargestellt, erhält allerdings längst nicht den ruhmreichen Auftritt neben der Hauptperson. Es ist eben alles auf Patton zugeschnitten. Interessant ist hierbei die Darstellung der deutschen Figuren. So wenig Zeit Rommel, Jodl und Co auch gewidmet wird, zumindest dürfen sie während des gesamten Films Deutsch sprechen (englisch untertitelt), werden von deutschen Darstellern verkörpert und versinken nicht, und das ist das wichtigste, in den üblichen Nazi-Klischees.

Symbolisch startet „Patton“ und symbolisch endet „Patton“. Der zu Beginn wie ein Mysterium aus dem Nichts erscheinende, ja fast wie ein religiöser Heiland auftauchende Stratege, ist am Ende, nur seinen Hund als Begleiter, wieder genauso einsam, wie zu Beginn. Für den Krieg berufen und nie so etwas wie eine Frau (den Blicken einer ihn auf einer Zusammenkunft mit den Russen anlächelnden Frau weicht er scheu und unbeholfen aus) oder Familie in Betracht gezogen - als Zivilst untauglich. Ob Jerry Goldsmith („Aliens“, „Total Recall“) mit einem wieder mal unvergesslichen Score, Kameramann Fred J. Koenekamp („Papillon“, „The Towering Inferno“), Produzent Frank McCarthy, dessen sieben Jahre später folgender Versuch General MacArthur ein ähnliches Denkmal zu setzen, verglichen hiermit fehlschlug, oder Spezialeffektmann Alex Weldon („Battle of the Bulge“, „Star Trek: The Motion Picture“), allen merkt man das persönliche Engagement an. Schaffner und Scott sind in dieser Hinsicht sowieso unumstößlich brillant. George C. Scott verweigerte übrigens den Oscar seinerzeit, weil er sich nicht in einem Wettkampf mit anderen Schauspielern sah.

Gewürzt mit authentischem Archivmaterial und für die damalige Zeit ungewöhnlichen, inszenatorischen Experimenten (komplette Bild bleibt während der „Intermission“, der Pause, schwarz, Ton läuft allerdings weiter), fehlt es „Patton“ nur an eins – einer kritischen Auseinandersetzung mit der Figur selbst. Bei allem Wohlwollen ist dieses Manko in den knapp drei Stunden nicht zu übersehen – auch wenn man beide Augen fest zudrückt.

Fazit:
Monumentaler Kriegsfilm (kein Antikriegsfilm!) mit einer der besten Schauspielleistungen, die ich je gesehen habe. Unvergessliche 1:1 nachgestellte, historisch verbürgte Szenen mit Patton, brillant inszenierte Schlachten, ein Top-Score, die Wahnsinnskameraarbeit, die originalen Schauplätze und und und... Alles das macht „Patton“ zu einem Genreklassiker, den viel zu wenige kennen. Perfekte Unterhaltung mit Tiefgang und (mit Abstrichen) Anspruch. Die Höchstwertung fällt weg, weil die überdeutliche Glorifizierung kaum einen differenzierten Blick auf Patton zulässt – dennoch ein Meisterwerk. Scotts intensive, facettenreiche Verkörperung wird jedem Cineasten in Erinnerung bleiben.

Wertung:
9/10 Punkte

Filmering.at
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Erstellt: 30.09.2012