Eine fatale Entscheidung

OT: -  110 Minuten -  Cop / Drama
Eine fatale Entscheidung
Kinostart: 17.08.2007
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Eine fatale Entscheidung

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Eigentlich ist der deutsche Verleihtitel Eine fatale Entscheidung eine sehr unglückliche Veränderung des franösischen Originaltitels Le Petit Lieutenant. Der Grund dafür ist nicht etwa, dass der Titel schlecht klingen würde oder gar nicht zum Thema des Films passen würde. In diesen Punkten gibt es weitaus schlimmere Vertreter. Das Problem ist allerdings, dass man als Zuseher vom Titel Eine fatale Entscheidung einen falschen Eindruck bekommt, da man sofort Tempo, Dynamik und Spannung daraus schließt. Die Stärke des Films ist allerdings, gerade diese Elemente nur wohldosiert einzusetzen und damit die von Hollywood ausgehende Ansicht über die Polizeiarbeit zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen.

Antoine Derouére (Jalil Lespert) hat gerade die Polizeiakademie absolviert und nun gibt es für ihn nur noch ein Ziel: Raus aus der Provinz und rein nach Paris, um etwas zu erleben. Seine Frau will ihn dabei allerdings nicht begleiten, und so entstehen Spannungen im Umfeld der beiden. Doch Antoine will unbedingt in die Großstadt, um seine Fähigkeiten zu testen. In Paris angekommen wird er gleich der erfahrenen Polizistin Caroline Vaudieu (Nathalie Baye) zugeteilt, die nach einer Pause, hervorgerufen durch Alkoholsucht, wieder zurück in den Dienst kehrt.

Als Antoine schließlich den Dienst antritt, holt ihn seine Arbeit zurück auf den Boden der Tatsachen. Wie er selbst erwähnt, hatte er sich, hervorgerufen durch unzählige Filme, ein viel spannenderes Bild von der Polizeiarbeit gemacht. Stattdessen kehrt schnell Routine ein, und er schlägt sich mit Betrunkenen, Papierkram und Telefondienst herum. Die Sache scheint sich jedoch zu ändern, als ein Obdachloser ermordet im Fluß gefunden wird. Gemeinsam klemmt sich das ganze Team hinter die Ermittlungen und macht sich auf die Jagd nach den beiden Russen, welche die mutmaßlichen Mörder sind. Als Antoine und sein Partner einige Hotels abklappern, treffen sie jedoch eine fatale Entscheidung...

Eine fatale Entscheidung ist ein äußerst beeindruckendes Stück Zelluloid mit einer großartigen Nachwirkung.
Xavier Beauvois spielt mit der Erwartungshaltung des Zusehers auf virtuose Weise und schafft es, ihn immer wieder hinters Licht zu führen. Ich persönlich hatte mich im Vorfeld nicht besonders gut über den Film informiert, und deshalb fiel mir der Einstieg in die filmische Welt auch relativ schwer. Mit der Erwartung, einen gewöhnlichen Cop-Thriller, wie man sie aus Hollywood kennt, zu sehen, lag ich jedenfalls so falsch, wie man bei diesem Film nur falsch liegen kann.

Eine fatale Entscheidung bringt den Cop-Thriller zurück in die Realität. Hollywood präsentierte uns die Arbeit der Polizisten so lange schon als halsbrecherischen Wahnsinnsjob voller Schießereien, Explosionen und Verfolgunsjagden mit gehörigem Materialschaden, dass man sich zugegebenerweise bereits an diese Vorstellung gewöhnt hat. Gerade deshalb fällt es auch zunächst sehr schwer, sich in der Welt von Eine fatale Entscheidung zurecht zu finden. Denn Xavier Beauvois' Ansatz gibt dem Genre einen völlig neuen Schwenk und rettet es aus den es ewig hochstilisierenden Fängen der Traumfabrik.

Der Regisseur und Drehbuchautor Xavier Beauvois ließ sich, um dies zu erreichen, selbst eine Marke verpassen und ging mit den Polizisten in Dienst. Über mehrere Monate hinweg begleitete er einen Hauptkommissar und gab sich sogar selbst als Polizist aus, um zu Tatorten Zutritt zu bekommen. Durch diese Erfahrungen inspiriert schrieb er das Drehbuch zu seinem Film Eine fatale Entscheidung, welches zum Großteil völlig von der Realität inspiriert ist. Selbst einige Figuren und Dialoge entstammen nicht der Fantasie, sondern sind direkt dem Polizeialltag entnommen.

Diesem beispiellosen Körpereinsatz ist es auch zu verdanken, dass Eine fatale Entscheidung ein wirklich guter Film geworden ist. In seiner nüchternen, stets auf Genauigkeit ausgelegten Darstellung der Ereignisse ist er für den Cop-Thriller das, was David Finchers Zodiac für den Serienmörderfilm war: Der Film, der das Genre darauf hinweist, dass es sich zu sehr von der Realität entfernt, und der den Wink in die richtige Richtung gibt. Nachdem der Serienmörderfilm immer weiter ins Unermessliche gesteigert wurde und nach Filmen wie der Saw-Reihe eigentlich nur mehr kreative Folterungen zählten, inszenierte just David Fincher, der diesen Trend mit seinem Meisterwerk Sieben zu gewissen Teilen eingeläutet hatte (auch wenn Sieben viel mehr zu bieten hatte und in seiner Qualität noch immer unerreicht ist), den bodenständigen Zodiac, der beweist, dass es auch anders geht.

Xavier Beauvois macht mit dem Cop-Thriller nun etwas Ähnliches. Nachdem sich die Polizisten immer mehr verfremdeten, was seinen Höhepunkt in Bad Boys 2 fand, welcher wiederum von Hot Fuzz grandios parodiert wurde, nimmt er sie bei der Hand und bringt sie zurück in die Realität. Eine fatale Entscheidung besteht nur aus gewöhnlicher Polizeiarbeit. Es werden Betrunkene eingesperrt, es wird mit den Kollegen gemütlich ein Bier getrunken und gequatscht, und es wird auf sehr bodenständige Art und Weise ermittelt, wie es auch bei Zodiac der Fall ist. Obwohl die Klasse von Finchers Film nicht ganz erreicht wird.

Der Grund dafür ist, dass die Verbrechen selbst eine absolut untergeordnete Rolle spielen. Es wird der Fall zweier Russen untersucht, die außer Rand und Band geraten. Der Fall selbst spielt sich jedoch nie auf. Der Fokus bleibt immer auf den wunderbar ausgearbeiteten Charakteren, die dem Zuseher sehr ans Herz wachsen und die alle ihre Momente bekommen. Besonders wichtig sind natürlich die beiden Hauptfiguren des Films, der kleine Kommisar Antoine und seine Vorgesetzte Caroline, auf denen auch das Hauptaugenmerk der Story liegt. Ein weiterer Grund, warum Eine fatale Entscheidung hinter Zodiac zurückbleibt, ist der relativ schwierige Einstieg in den Film, der einige langatmige Passagen beinhaltet.

Dabei ist bei Eine fatale Entscheidung etwas Besonderes zu beobachten. In seinem Aufbau erinnert er an ein Diptychon (=zweiteiliges Werk),  welches mit der Hauptfigur des kleinen Kommisars Antoine beginnt, dessen Einstieg in der Polizei beobachtet und schließlich mit Caroline als Hauptfigur endet. In der Mitte des Films steht eben jene fatale Entscheidung, die dem Zuseher förmlich einen Hieb in den Magen verpasst, da der eher gemächliche Aufbau des Film damit absolut nicht rechnen ließ. Dieses Ereignis ist auch das Bindeglied der beiden Filmteile, nachdem von einer Hauptperson auf die nächste gesprungen wird.

Auch erweisen sich alle Schauspieler als gelungen besetzt und beinahe jeder Kollege von Antoine bekommt einen kleinen Auftritt, der ihn in Erinnerung behalten lässt. Besonders ergreifend ist der Auftritt von Louis (Antoine Chappey), der schließlich einen Fehler begeht und am Ende desillusioniert zurückbleibt. Doch auch bei den Darstellern bleiben, wie schon bei der Figurenzeichnung, speziell die beiden Hauptdarsteller des Films in Erinnerung. Dabei hat
Jalil Lespert die etwas einfachere Aufgabe als klarer Sympathieträger, der sich in seinem Beruf zurechtfinden muss.

Die bessere Vorstellung und somit auch der klare schauspielerische Höhepunkt des Films gelingt Nathalie Baye, die ihre ambivalente Figur mit viel Feingefühl darstellt. Sie ist Jean Luc Godards große Entdeckung gewesen und konnte mit ihrer Darbietung in Eine fatale Entscheidung bereits zum vierten Mal den Cèsar als beste Hauptdarstellerin gewinnen. Den hat sie sich auch redlich verdient, denn ihr Schauspiel ist schlicht atemberaubend. Als ehemalige Alkoholikerin, die sich Mühe gibt, trocken zu bleiben, wieder zu arbeiten und schließlich doch wieder rückfällig wird, ist sie die tragischste Figur des Films. Am Ende ist sie es, die auf völlig unheldenhafte Weise die Geschichte zu Ende führt. Damit setzt sie einen Schlusspunkt, der zutiefst nüchtern und doch ergreifend ist. Die letzte Einstellung des Films zeigt ihr Gesicht am Strand, und dann beginnt der Abspann, unterlegt mit Meeresrauschen. Zeit, in sich zu kehren und zu reflektieren. Das hat man nach diesem Film auch notwendig.

Fazit:
Eine fatale Entscheidung führt den Cop-Thriller auf gelungene Weise zurück in die Realität. Kein Actionoverkill, keine halsbrecherischen Verfolgungsjagden, aber dafür viel Gefühl, bodenständige Herangehensweise und interessante Charaktere. Fast um den Zuseher immer daran zu erinnern, scheint ihm beinahe in jeder zweiten Einstellung im Polizeirevier ein Filmplakat entgegen. Am Ende erreicht Eine fatale Entscheidung gerade durch seine Bodenständigkeit eine großartige Wirkung, aber nur wenn man den Film auch Revue passieren lässt. Lediglich einige langatmige Passagen verhindern ein Meisterwerk.

Wertung:
7/10 Punkte

Filmering.at
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