Mein Stück vom Kuchen (2011)

OT: Ma part du gâteau - 109 Minuten - Komödie / Drama
Mein Stück vom Kuchen (2011)
Kinostart: 15.09.2011
DVD-Start: 16.02.2012 - Blu-ray-Start: 16.02.2012
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Filmkritik zu Mein Stück vom Kuchen

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Will man die letzten Jahre mit einem Wort beschreiben, so fällt früher oder später ein markantes Schlagwort: Finanzkrise, gefolgt von Spekulation, Verschuldung, Sparen. Der Untergang des Humanismus wird schon seit längerem prognostiziert und in Cédric Klapisch neuesten Film ist „Humanist“ gar zum Schimpfwort degeneriert. Mein Stück vom Kuchen (Ma part du gâteau) ist eine Satire auf unsere postdemokratische Gesellschaft. Gleich zu Beginn des Films konfrontiert uns der Regisseur mit folgender Frage: Kann man einen Kuchen überhaupt in fünfzehn Stücke teilen?

Die allein erziehende Mutter France (Karin Viard) wird nach mehrjähriger Anstellung gekündigt. Alleinstehend, 42 Jahre alt, drei Kinder, arbeitslos. France sieht keinen anderen Ausweg als sich das Leben zu nehmen. Der Selbstmordversuch scheitert und mit neu gewonnen Selbstvertrauen beschließt France nach Paris zu gehen, um als Putzfrau den Lebensunterhalt für ihre Familie zu bestreiten. Dort angekommen findet sie eine Anstellung bei Steve Delarue (Gilles Lelouche), einem aalglatten Börsenhai, der ganz nebenbei auch noch für Frances Entlassung verantwortlich ist. Zwei Welten prallen aufeinander, doch es dauert nicht lange bis beide miteinander sympathisieren und auf einem Trip nach London passiert das Unvermeidliche.

Spätestens seit Barcelona für ein Jahr (L’Auberge Espagnole) wollen alle Studis ihre Auslandserfahrungen in Barcelona sammeln und nach So ist Paris (Paris) kann man sich auch einen Erasmusaufenthalt in der Hauptstadt Frankreichs vorstellen. Beide Filme waren große Publikumserfolge. Klapisch gelingt es ein Lebensgefühl festzuhalten. Ob Mein Stück vom Kuchen an die großen Erfolge seiner Vorgänger anknüpfen wird ist jedoch zu bezweifeln. Im Gegensatz zu Klapisch letzen Filmen konzentriert sich Mein Stück vom Kuchen ausschließlich auf zwei Hauptfiguren. Auf der einen Seite steht France, eine allein erziehende Mutter dreier Töchter, die gemeinsam mit ihren Freunden, Verwandten und Bekannten für die proletarische Gemeinschaft der nordfranzösischen Hafenstadt Dunkerque (zu deutsch: Dünkirchen) steht. Auf der konträren Seite steht Steve, ein aufstrebender Investmentbanker in seinen Mittdreißigern, der seine Mitmenschen nur als potentielle Geldgeber anerkennt.

Soweit die Ausgangslage. Man braucht kein französisch zu sprechen um France als Allegorie auf Frankreich zu erkennen. Mein Stück vom Kuchen könnte also auch folgenden Subplot erzählen. Das alte Frankreich von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wird immer mehr vom Moloch der globalen Marktwirtschaft bedroht. Konsum und Kapital ist Opium fürs Volk und lässt auch France nicht unbeeindruckt. Sind für Steve Geldbeträge nur abstrakte Zahlen, die dem auf und nieder der Börsenkurse unterworfen sind, so zählt France jeden hart verdienten Euro.


Das große Dilemma in das der Film steuert, ist der vorhersehbare Handlungsverlauf und die auf Klischees basierende Charakterentwicklung. Das Schöne an Klischees ist, dass man sie schnell auf eine für alle verständliche kurze Formel bringen kann:

Mutter mit drei Kindern = starke, selbstbewusste, fürsorgliche Frau
Mann mit Krawatte, Sportwagen und Penthouse = egozentrischer Yuppie
Kind mit Blechtöpfen = nerviges Kind
Junge attraktive Frau = naives Mäderl

Das blöde an Klischees ist, dass man es damit übertreiben kann. Muss Steve wirklich erst eine junge attraktive Frau nahezu vergewaltigen, um zu erkennen, dass er eine egozentrische Persönlichkeit besitzt und deshalb Frauen nur als Objekte sexueller Befriedigung sieht? Muss sich France wirklich erst versuchen das Leben zu nehmen, um zu kapieren, dass sie sich in einer ausweglosen Situation befindet? Und wenn wir schon bei Klischees sind: Wie kommt es, dass eine suizidgefährdete Frau plötzlich voller Elan und Selbstbewusstsein nach Paris aufbricht und scheinbar sorgenlos ihrem Tagwerk nach geht?

Robert Bresson hat einmal geschrieben: „Alles zu zeigen, weiht das KINO dem Klischee [...].“ (1) Der Film ist dazu gezwungen sich einem gewissen visuellen Vokabular zu bedienen, um abstrakte Begriffe und Eigenschaften auf der Leinwand für alle begreiflich umzusetzen. So gesehen dürfte man dem Film die sehr klischeehafte Charakterisierung der ProtagonistInnen nicht vorwerfen. An einer anderen Stelle ist jedoch zu lesen: „Dinge sichtbarer gemacht nicht durch mehr Licht, sondern durch den neuen Winkel, unter dem ich sie betrachte.“ (2) Klapisch blendet uns regelrecht mit übertriebenen Stereotypen. Er inszeniert die Klischees zu platt, spricht seinem Publikum somit jegliche Intelligenz ab. Die Charaktere treiben auf der Oberfläche der Handlung vor sich hin. Die Folge ist ein streckenweise langatmiger Film, der jedoch durch einen Schuss Humor und durch rasant inszenierte lyrische Sequenzen aufgelockert wird.

Fazit:
Mein Stück vom Kuchen hat seine guten und seine schlechten Momente. Einige Lacher kann man sich sicher nicht verkneifen und gerade die Figur der France gewinnt durch die sympathische Karin Viard an Reiz. Der für Cédric Kapisch typische Regiestil hat Wiedererkennungswert, doch fehlt dem Film mehr als nur die Tiefenschärfe. Summa summarum ist Mein Stück vom Kuchen einen Kinobesuch durchaus wert, auch wenn er in Gefahr läuft schnell wieder in Vergessenheit zu geraten. Mein persönliches Prädikat zum Film: Nett. Ob das positiv oder negativ zu bewerten ist, davon kann sich jeder und jede selbst im Kino überzeugen.

Wertung:
6/10 Punkte

Robert Bresson: Noten zum Kinematographen. München, Wien: Carl Hanser, 1980. S. 54.
Ebda.: S. 29.

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