An jedem verdammten Sonntag

OT: -  163 Minuten -  Drama
An jedem verdammten Sonntag
Kinostart: 09.03.2000
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu An jedem verdammten Sonntag

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Es war auch mal an der Zeit, dass Hollywood sich des wohl populärsten US-Sports, dem American Football, widmet. Weder Eishockey, Baseball oder Basketball reichen in Sachen Beliebtheit an Amerikas Volkssport heran. Ausgerechnet Querdenker Oliver Stone („Platoon“, „Natural Born Killers“) schrieb zu diesem Thema zusammen mit dem Autorenduo Daniel Pyne („The Sum of All Fears“, „The Manchurian Candidate“) und John Logan („Gladiator“, „The Last Samurai“) ein Drehbuch, das dann auch die Stone-typischen kritischen Aspekte beinhaltet. Wenn der unbequeme Geist sich voll und ganz in seinem Element wohl fühlt, entwickelt er eine visuelle Kreativität, die ihn zu Hollywoods Großen hinaufkatapultiert. Stone lässt bei seinen Filmen ab und an diese Klasse vermissen, hier ist er jedoch in absoluter Topform und entfacht einen zweieinhalbstündigen Bildersturm, den man getrost als den definitivsten filmischen Beitrag zum Football bezeichnen kann. Oliver Stone kann sich hier nicht nur seine beeindruckende und durchgehend makellos aufspielenden Starriege, sondern vor allem auf sein Talent als Regisseur verlassen. In „Any Given Sunday“ ist der Slogan „Mittendrin statt nur dabei” keine Plattitüde, sondern die einzige Möglichkeit den Film mit vier Worten zu beschreiben.

Sich dieser Stärke bewusst, beginnt der Film dann auch erst mal mit einem Footballspiel, das, während es die Funktionen aller Beteiligten, vom Cheftrainer, über seinen Assistent, bis hin zum Arzt erklärt, den Zuschauer direkt auf den Rasen zwischen die Spieler versetzt. Man kann den Schweiß, die Emotionen, Angst, Wut und das Adrenalin förmlich riechen. Das ist eine ganz große Stärke des Films: Er versetzt den Zuschauer mit einer wackeligen Handkamera mitten auf das Feld, zeigt Spielzüge aus der Egoperspektive und passt sich dem Geschehen dann auch akustisch an. Prallen Gegner zusammen, bleibt kurz der Ton weg, um dann wieder brüllend einzusetzen, der zeremonielle Einmarsch der Spieler gleicht denen der Gladiatoren in der Antike. Diverse Ohrwürmer werden quer durch die Musikstile eingespielt, dazu Kommentatoren und Journalisten, die ihre Meinungen zum Besten geben, tosende von Zuschauermengen und das traumhafte Gefühl zu punkten. Stone ist ein Virtuose wenn es um Bildmontagen geht, das hat er schon mit „Natural Born Killers“ bewiesen, sein Meisterstück heißt aber ganz eindeutig „Any Given Sunday“. Das Szenario verpackt er in Hochglanzoptik, zeigt sich in Kameraführung und Tonbegleitung zwar nicht revolutionär, wohl aber sehr eigen und innovativ. Die Beobachter wechseln von Zuschauer, über Spieler bis hin zum neutralen Blick Stones und der schafft es tatsächlich alles Wichtige, was auf dem Spielfeld und abseits des Spielfeldes passiert auch einzufangen – ein visueller Orgasmus.

Der kritische Blick findet abseits des Spielfeldes statt. Es ist der Blick hinter die Kulissen, hinter die Fassade des längst dem Kommerz verfallenen Sports. Als Aufhänger hat er sich die fiktiven Miami Sharks gewählt. Ein Team, das gerade mitten in einer Negativserie von vier Niederlagen in Folge wegstecken muss und innerhalb einer Halbzeit erst ihren Starquarterback Jack „Cap“ Rooney (Dennis Quaid, „Wyatt Earp“, „Savior“) und dann dessen Ersatzmann verliert, weswegen Willie Beamen (Jamie Foxx, „Collateral“, „Ray“) völlig ohne Spielpraxis in das kalte Wasser geworfen wird und seine Feuerprobe zu bestehen hat...

Nun kann man Oliver Stone sicherlich vorwerfen, dass er den Sport anhand längst bekannter Klischees anprangert, aber warum sie denn nicht so kompakt nutzen, wenn sie der Realität entsprechen. Football, den Sport an sich, gibt es nicht mehr. Es geht nur noch um eins: das Geld. Coach Tony D'Amato („Heat”, „The Insider”) beklagt genau diese Entwicklung. Er ist ein alter Hase im Geschäft, muss nun aber zusehen, dass die Moderne ihn nicht überrollt und unter sich begräbt. Als Coach steht er vor einem möglichen Nichts, denn er hat sein Leben lang nur für Football gelebt. Was bleibt also wenn man aufhört? Nichts. In Scheidung lebend, telefoniert er noch höchstens mit seiner Frau, gibt sich dem Alkohol hin und schläft mit Edelhuren. Seine kläglichen Versuche sozialer Kontakte scheitern kläglich – egal ob mit der Prostituierten oder seinen Spielern (schönes Beispiel der verklemmte Dialog im Flugzeug mit Jamie Foxx). Der ständige Druck droht ihn zu zermürben. Seine Präsidentin, die junge Christina Pagniacci (Cameron Diaz, „There's Something About Mary“, „Charlie's Angels”) ist ihm dabei keine Hilfe. Sie pfuscht ihn in seinem Job herum und versucht hinterrücks den Club zu verscherbeln. Ihr verstorbener Vater, das genaue Gegenteil von ihr, sah den Verein als sein Lebenswerk an und ließ D'Amato in Ruhe arbeiten. Keine Erleichterung also für den Coach, der langfristigen Erfolg entwickeln will, kurzfristigen Erfolg aber als Maxime vorgesetzt bekommt.

Nun muss er sich jedoch auch innerhalb der Mannschaft mit einigen Problemkindern herumschlagen, denn die meisten verfügen nicht über einen sonderlichen hohen IQ. Da gibt es Saisonspieler, die man besser als Söldner tituliert, die ihre Gesundheit nicht riskieren, sich nicht mit dem Verein identifizieren, keinen Kontakt mit den Fans pflegen und sich nur Sorgen um ihre Werbeverträge machen. D’Amato sucht nach einer scheinbar ausgestorbenen Art von Spielern, nämlich denen, die für das Team und nicht für das Geld kämpfen. Muss sich aber mit dem Material, das er hat, begnügen.

„Any Given Sunday“ ist sehr direkt und schnörkellos wenn es um das Anprangern von Missständen geht. Sportler ruinieren ihren Körper und stopfen sich mit Schmerzmitteln voll, um das nächste Spiel zu überstehen. Der Mannschaftsarzt duldet das, wie er vorgibt um den Träumen der Sportler nicht im Wege zu stehen („Wer bin ich, ihnen ihren Traum zu verbieten?“), hat im Hinterkopf aber nur seine Vertragsverlängerung (harmlose Prognosen ziehen eben keine teuren Untersuchungen nach sich). Dank des neuen Assistenzarztes reagiert D’Amato darauf. Sein wirkliches Problem sind jedoch die Quarterbacks. Cap, die alt und müde gewordene, an sich selbst zweifelnde Clublegende, die nicht gänzlich davon überzeugt ist noch einmal die Kraft zum Comeback zu haben, an seine Zukunft denkt und seine Verletzung nur zu gern als halbherzigen Grund vorschieben würde um seine Karriere zu beenden, wird der heiße Beamen vor die Nase gesetzt. Sein wenig mannschaftsdienlicher Egoismus soll schließlich wieder Caps Ehrgeiz wecken und ihn zu einem fulminantem und würdigen Abschied verhelfen. Quaid ist in dieser Rolle, wie eigentlich immer sehr sympathisch und bringt den alternden Star besonders auf emotioneller Ebene hervorragend rüber.

An seinem Nachfolger Beamen erkennt man die totale Kommerzialisierung des Sports. Das Geld, der plötzliche Ruhm und die vielen Frauen machen ihn größenwahnsinnig. Seine Freundin verlässt ihn, stattdessen tritt er in Werbespots auf und legt sich mit seinem Coach an, handelt nicht nach dessen Vorgaben und wird schließlich in einem symbolisch von einem Gewitter beglückten Spiel von seinen Mannschaftskollegen zur Abschlachtung freigegeben. Die Rehabilitierung soll folgen. Von exzessiven Partys ins Luxusvillen, dicken Autos, Prostitution und Drogen schildert Oliver Stone eindringlich das sündige Leben der Stars. Die Presse feiert das Team wenn es gewinnt, zerreißt es wenn es verliert, passt sich der Stimmung an und zeigt sich äußerst wankelmütig. Aufdringlich, wie lästige Parasiten, kreieren sie ihre eigenen Sensationen, mit denen sie die Fans füttern können. Stones immer wieder aufkeimende Kritik der Medien findet auch in „Any Given Sunday“ wieder statt.

Al Pacino hält sich hier meist zurück, darf als ausgebrannter Coach, der Angst hat sein ein und alles, seinen Instinkt, zu verlieren, aber auch nicht in die Vollen gehen, ist aber zur Stelle, wenn es um aufrüttelnde Predigten vor dem Spiel geht. Das Heißreden der Stars perfektioniert er hier geradezu. So beeindruckend namhaft besetzt hier auch alle Rollen (u.a. James Woods, LL Cool J, Matthew Modine, Aaron Eckhart) sind, viele gehen unter. Haften bleiben eine absolut hochnäsige Cameron Diaz, die als kalt berechnende Präsidentin ihren Club verschachern möchte, später aber geläutert wird und Jamie Foxx in seiner ersten wirklich wichtigen Rolle. Die Klasse von „Collateral“ lässt er hier zwar noch vermissen, als egozentrischer Star, der aufgrund Fehlentscheidungen anderer schon seine halbe Karriere vertan hat und nun zum Ruhm drängt, ist er aber kritiklos.

Oliver Stone folgt während der 150 Minuten den Beteiligten überall hin. Vom Spielfeld in die Umkleidekabinen bis hin in die Duschen und auf das Klo, besucht sie in ihren Luxusvillen (Quaids ist beispielsweise echt) und auf den Partys. Dazu die passenden Tracks, um jeweils die Stimmungen treffend einzufangen. Zum Schluss steht nicht der Erfolg, etwa der Superbowl, sondern ein neues Kapitel für alle Beteiligte. D’Amato hat da gleich in doppelter Hinsicht noch eine Überraschung im Gepäck.

Fazit:
Sein Fazit muss der Zuschauer letztlich selbst ziehen, Stone bietet nur die Grundlage an, zeigt das Geschäft eines von Geld gelenkten Sports, in dem Menschsein nichts mehr zählt – intensiv, emotionell und rasant. Während seiner stattlichen 150 Minuten kommen die Charaktere vielleicht hin und wieder etwas zu kurz, aber das ist der Grund, warum das Publikum sich hier zum Schluss selbst seine Gedanken machen muss. „Any Given Sunday“ ist ein unnachahmlicher visueller Rausch, der vor allem auf dem Spielfeld zu einer dynamisch inszenierten Symphonie der perfekten Montage von Bild, Schnitt und Ton wächst.

Wertung:
9/10 Punkte

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