Atmen (2011)

OT: Atmen - 90 Minuten - Drama
Atmen (2011)
Kinostart: 30.09.2011
DVD-Start: 26.04.2012 - Blu-ray-Start: 26.04.2012
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Filmkritik zu Atmen

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Mit seiner Hauptrolle in Stefan Ruzowitzkys Die Fälscher war Karl Marokovics wesentlich am österreichischen Oscartriumph beteiligt. Nun hat sich der Darsteller dazu entschlossen sich auch einmal hinter der Kamera zu versuchen. Dabei überzeugt sein Regiedebüt Atmen mit einer überraschenden Stilsicherheit und mit viel Feingefühl, sodass man sehr gut nachvollziehen kann, warum er mit seinem bemerkenswerten Film zum Filmfestival von Cannes eingeladen wurde. Überraschend ist nur, dass der künstlerisch durchaus beeindruckende Film nicht gleich in den Wettbewerb gehievt wurde, sondern “nur” in der Nebenschiene Quinzaine des Realisateurs gelaufen ist - verdient hätte es sich der Film allemal, der erneut den Beweise liefert wie wunderbar Kino aus Österreich sein kann.

Roman Kogler (Thomas Schubert) ist 19 Jahre alt und sitzt im Gefängnis. Seine Mutter hat ihn als Kind weggegeben und seitdem ist nichts so gelaufen wie man es sich wünschen würde. Roman will seine Haftentlassung aus der Jugendstrafanstalt beantragen, doch die Aussichten sind nicht allzu rosig: Denn er ist ein Einzelgänger, verschlossen und schwierig. Außerdem tut er sich schwer einen Job zu finden den er auch behalten kann. Doch dann bewirbt sich Roman bei einem Bestattungsunternehmen und die Erfahrungen die er dort macht verändern sein Leben...

Atmen ist ein wunderbar “österreichischer” Film - von den Drehorten, über das Verhalten der Figuren bis hin zu den Dialogen ist es Karl Markovics vortrefflich gelungen die Feinheiten unseres Landes einzufangen. Und das ist schon einer der wirklich schönen Pluspunkte des Films: Er verstellt sich nicht. Er will nicht irgendein anderer glattgebügelter Film nach amerikanischem Vorbild sein, der halt in Österreich produziert wurde, sondern stellt seine Herkunft direkt ins Schaufenster. Atmen ist ein wichtiger Film, der unserer Filmlandschaft nur gut tut.

Mit viel Feingefühl hängt sich der Film an die Fersen seiner Hauptfigur. Wir sehen den Alltag im Gefängnis - Kontrollen nach dem Freigang, Sport, leichter Austausch mit den Mithäftlingen - die pure Routine eben. Mit maschinellen Wiederholungen und lakonischem Humor etabliert Karl Markovics sein Setting und die filmische Welt - und man folgt ihm gerne auf dem weiteren Weg des Films. Thomas Schubert spielt die Hauptfigur Roman Kogler mit viel Energie und subtiler Kraft, als wunderbar mysteriöse Figur von der man gerne mehr erfährt und besonders wenn es an den Alltag im Bestattungsunternehmen geht entfesselt Atmen seine wahren Stärken.

Karl Markovics balanciert seinen Film hier irgendwo zwischen Six Feet Under, The Messenger und Komm Süßer Tod, gewürzt mit viel Eigenständikeit und einer - besonders für einen Debütfilm - unwahrscheinlich stilsicheren Inszenierung. Von den Vorurteilen gegenüber dem Häftling innerhalb der Arbeitsgruppe, über eine Arbeit die für die Bestatter Routine und für die Betroffenen der pure Ausnahmezustand ist, bis hin zu den subtilen Veränderungen, die der neue Beruf in Roman hervorruft ist es gelungen Markovics ein ungeheuer fesselndes und detailiertes Bild zu zeichnen.

Ein besonderes Highlight in diesen Szenen ist die wunderbare Darbietung von Georg Friedrich, dessen Verkörperung des Bestatters durchaus an die grandiose (oscarnominierte) Performance von Woody Harrelson in The Messenger erinnert. Die Beziehung zwischen seiner Figur des Rudolf Kienast und Hauptfigur Roman Kogler ist einer der magischen Aspekte des Films, der es auf völlig undramatisierte Weise schafft zu berühren und dennoch ganz normal zu wirken. In Atmen ist nichts überzogen, nichts wirkt gestellt, stattdessen zeigt uns der Film einfach die vielen kleinen und großen Dramen des menschlichen Lebens. Und dabei gibt es einige Szenen, die in ihrer Darstellung schon einmal äußerst unerwartete Richtungen einschlagen.

So z.B. das Abholen der Leiche einer älteren Dame. Während im Vordergrund die Bestatter ihre schwierige Arbeit verrichten, dringen aus dem Hintergrund immer wieder Gesprächsfetzen durch, die geschickt zwischen Tragik und österreichischem Humor hin und her pendeln. Oder wenn die Bestatter zu einem Einsatz gerufen werden, das Opfer aber eigentlich noch gar nicht tot ist und es deshalb zu einer lautstarken Auseinandersetzung mit den Angehörigen kommt. Karl Markovics gelingt die Mischung perfekt und Atmen ist ein in allen Bereichen äußerst gelungener und beeindruckender Film den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Fazit:
Atmen ist ein herausragender Film, der zeigt, dass das Filmland Österreich immer wieder in der Lage ist wahrhaft großartiges zu leisten. Karl Markovics inszeniert ruhig und stilsicher und seine Darsteller leisten durch die Bank fabelhafte Arbeit. Besonders hervorzuheben sind die Leistungen von Hauptdarsteller Thomas Schubert und die imponierende Darbietung von Georg Friedrich. Atmen versteht es wunderbar auf subtile Weise die Charakterentwicklung der Hauptfigur auf völlig natürliche Art zu schildern und dabei Spannung zu erzeugen ohne, dass man den realistischen Ansatz des Films verrät. Der Film erinnert dabei stellenweise an einen Mix aus Six Feet Under, The Messenger und Komm Süßer Tod. Auf jeden Fall kann man Karl Markovics für sein großartiges Debüt nur gratulieren - Atmen ist ein Film den man gesehen haben muss.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 7.7/10 | Kritiken: 2 | Wertungen: 37
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