Kabinett außer Kontrolle (2009)

OT: In the Loop - 106 Minuten - Komödie
Kabinett außer Kontrolle (2009)
Kinostart: 01.02.2012
DVD-Start: 22.02.2011 - Blu-ray-Start: 22.02.2011
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Filmkritik zu Kabinett außer Kontrolle

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In the Loop ist die Spielfilmadaption der britischen BBC-Politsatire The Thick of It, die für das Kino aufpoliert wurde und mit etwas Verspätung zumindest für zwei Vorstellungen in ein österreichisches Kino kommt. Für das Spinn-Off zeigt sich wieder Armando Iannucci verantwortlich, der einen Großteil seines alten Teams für den Film um sich sammelt. Viele der im Film auftretenden SchauspielerInnen hatten bereits eine Rolle in der BBC-Serie letztendlich durften jedoch nur Peter Capaldi und Paul Higgins ihre Serienrolle beibehalten. Mit Anna Chlumsky bekommt man auch ein Gesicht zu sehen, dass irgendwie vertraut wirkt, jedoch auf den ersten Blick nicht konkret zuzuordnen ist.

„War is unforseeable.“ Mit diesem vieldeutigen Satz gerät Simon Foster (Tom Hollander), Secretary of State for International Development, ins Fadenkreuz der nationalen und internationalen Kriegsdebatte. Die US-Regierung plant eine Invasion im Mittleren Osten und sucht prominente Unterstützung auf Seiten Großbritanniens. Sowohl die Kriegsbefürworter, als auch die Kriegsgegner sehen in Foster (oder „Fluster“), der doch eigentlich nur eine einfache Randfigur sein möchte, eine nützliche Marionette um die kontroverse Debatte für sich zu entscheiden. Eine politische Schnitzeljagd des Wortverdrehens beginnt. Ist der Krieg unvorhersehbar oder vorhersehbar? Ist er unvermeidlich oder vermeidlich? Wer ist das Flugzeug und wer ist der Berg? Gibt es eine geheimes War Committee oder doch nur einen neuen Khomeini oder Kitty oder Itty? Die Argumente für oder gegen einen anstehenden Krieg drehen und wenden sich wie der Hahn im Wind. Dreh- und Angelpunkt scheint Simon Foster zu sein. Um den hilflosen Minister wieder auf Parteilinie zu bringen wird er unterstützt von seinem neuen Assistenten Toby (Chris Addison) und gepeinigt vom ständig fluchenden Spindoctor des Prime Ministers Malcolm Tucker (Peter Capaldi).

Armando Iannucci bleibt seinem Stil treu und präsentiert den Film gänzlich in einem dokumentarisch wirkenden Vérité-Stil. Ähnlich wie in der wahrscheinlich bekannteren Serie The Office wird die Kamera frei herum geschwenkt, oft gezoomt und selten auf ein Stativ gestellt. Dadurch entsteht ein authentisch wirkender Blick hinter die Kulissen der Politikmaschinerie. Zusätzlich wird gänzlich auf eine klassische Charakterentwicklung verzichtet und auch eine kohärente lineare Handlung lässt sich kaum erkennen. Diese bewusst eingesetzte Inszenierung findet seinen Vorreiter bereits in der Serienvorlage, wirkt im Film jedoch exakter arrangiert. Von einer Produktion à la West Wing ist der Film dennoch Meilenweit entfernt, eine Tatsache die definitiv gewollt ist. Mag der eigenwillige Kamerastil zu Beginn noch etwas irritierend wirken, so scheint er im Verlauf des Films sehr passend und vermittelt eine gewisse reportagenhafte improvisierte Glaubhaftigkeit.

Das Schöne an In the Loop ist jedoch nicht die Kameraarbeit, sondern die vielschichtigen und dichten Dialoge mit zahlreichen meist sarkastisch derben Anspielungen und einem Namedropping von Frodo über „Nazi Julie Andrews“ bis Debussy. Verantwortlich für das Drehbuch zeigt sich dasselbe Erfolgsteam wie schon bei der Serienvorlage, das sich für In the Loop prompt eine Oscarnominierung einheimste.

Die Vieldeutigkeit, Schnelligkeit und Gleichzeitigkeit in der die Gespräche geführt werden verursacht nicht nur Misskommunikation und Interpretationsvielfalt zwischen den USA und Großbritannien, sondern auch bei den ZuschauerInnen. Oft weiß man selber nicht genau über was gerade gesprochen wird. Diese Unklarheit wird auch im Plot aufgegriffen und führt zu einem regelrechten Wettkampf des Wortverdrehens und Uminterpretierens. Offiziell heißt es so, inoffiziell so und eigentlich ist doch alles nur bullshit.

Getragen werden die Dialoge von einer schier unfassbaren Kreativität an Kraftausdrücken. Rädelsführer ist Malcolm Tucker dessen Wortschatz nur Fluch- und Schimpfwörter zu umfassen scheint. Ein kleiner Wehrmutstropfen, denn Malcolms Fluchtriaden funktionieren nur wenn ihm ein ebenbürtiger Gegner gegenüber steht. So zum Beispiel der niemals fluchende Linton Barwick (David Rasche) oder der, mit James Gandolfini hervorragend besetzte, General Miller. Andernfalls ufert Malcolms Schimpfen in übertriebenes Fluchen aus, das etwas am Ziel vorbei schießt. Die lose Anlehnung Malcolms Charakters an Alastair Campbell, ehemaliger Director of Communications and Strategy der Blair-Ära, dürfte ebenfalls nur den Feinspitz zum Lachen bringen.

Es existiert allerdings auch ein Humor abseits derber Sprüche und Flüche. Simon Foster, der völlig hilflos und unbeholfen von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt. Ein aufgeregter Bürger (Steve Coogan), der die Sicherheit seiner Mutter durch eine einsturzgefährdete Mauer bedroht sieht oder das wohl beste Argument für einen Seitensprung: Um den Krieg zu stoppen! Sieht man einen General desjenigen Landes mit den weltweit höchsten Rüstungsausgaben vor einem Spielzeuglaptop sitzen funktioniert der Witz auch ohne große Wortgefechte. Diese fast schon „besinnlichen“ Momente im Film gehören mitunter zu den gelungensten.

Mit In the Loop knüpft Armando Iannucci nahtlos an der Serienvorlage an, erweitert sie um einen internationalen Aspekt und macht den Inhalt einem breiteren Publikum zugänglicher. Assoziationen mit den Ereignissen rund um die Invasion des Iraks im Jahr 2003 sind gewollt und helfen den ZuseherInnen den internen politischen Querelen besser zu folgen. Dass der Film dennoch sehr britisch ist, kann man nicht von der Hand weisen. Wer allerdings die nationale und internationale Politik etwas verfolgt, der erkennt durchaus gewisse Parallelen zum realen Politalltag und die Grenzen zwischen fiktiver Satire und Realität scheinen zu verschwimmen.

Fazit:
Sehr britisch, aber gerade deswegen auch sehr komisch kommt In the Loop daher. Wer durch Hollywoodkomödien sozialisiert wurde ist anfangs vielleicht etwas irritiert, doch lässt man sich auf die vielschichtigen Worteskapaden ein, braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben über den teils tief schwarzen Humor zu lachen: Easy peasy lemon squeezy. Wer den britischen Humor schätzt oder gerne einmal etwas intellektuellen Kontrast in den fast schon tristen Komödieneinheitsbrei bringen will, dem sei In the Loop auf wärmste ans Herz gelegt.

Wertung:
8/10 Punkte
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