One Hour Photo (2002)

OT: One Hour Photo - 96 Minuten - Drama / Thriller
One Hour Photo (2002)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: 01.02.2013 - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu One Hour Photo

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Die Kamera Jeff Cronenweths (der u.a. „Fight Club“, 1999, und „K-19: Showdown in der Tiefe“, 2002 fotografierte) fährt durch eine kalte Halle. Blau, Weiß und Grau beherrschen die Szenerie eines Supermarkts, SavMart, in dem sich Menschen mehr oder weniger stumm wie Masken ihrer selbst durch die langen Gänge zwischen den schnurgeraden riesigen Regalen bewegen. Am Ende der Fahrt sieht man Sy (Robin Williams), mit kurz geschnittenen, leicht goldblonden Haaren, freundlich-künstlich lächelnd, unscheinbar, wie hinein montiert in die emotionslose Atmosphäre, mit grauen Hosen und Schuhen und einem blauen Kittel. Man fröstelt. Diesen Sy spielt Robin Williams – noch einmal exzellenter als den Mörder in „Insomnia“ (2002) – nahe an einer künstlichen Figur in einer fast maschinellen Welt, einer Welt, in der nicht nur die Regale und Waren des SavMart leblose Produkte, sondern auch die Verkäufer und Kunden nichts weiter als sich bewegende Marionetten zu sein scheinen.

Sy entwickelt Fotos, achtet auf Präzision. Schon Abweichungen von nur 0,3 sind für ihn Grund genug, einen Streit mit dem Mechaniker anzufangen. Sy will bessere Fotos als in anderen Geschäften. Sy kennt seine Kunden, ihre Adressen, ihre Namen, besonders der Stammkunden, einen Amateur-Porno-Fotografen, einen Unfallsachverständigen, der nur defekte Autos fotografiert, vor allem aber die Familie Yorkin, die er seit gut fünf Jahren als Kunden bedient. Auch Nina (Connie Nielsen), ihr Mann Will (Michael Vartan) und beider Sohn Jakob (Dylan Smith) kennen Sy – als zuvorkommenden Angestellten, der sogar kurz vor Feierabend auf Wunsch in knapp einer Stunde Abzüge produziert. Was sie nicht wissen: Sy macht immer einen Abzug mehr von den Filmen der Familie Yorkin.

So trist und kühl wie der SavMart ist auch Sys Wohnung, karg, spartanisch eingerichtet, im Wohnzimmer ein Fernseher, ein großer Sessel und Scheinwerfer, die auf eine Wand gerichtet sind, auf der penibel in Reih und Glied Dutzende von Fotos der Familie Yorkin aufgeklebt sind, chronologisch, Familienfotos, die glücklichen Momente im Leben einer Familie. Denn, auch das weiß Sy natürlich: Wer fotografiert schon Tristesse und Tragödien? Es ist noch Platz für viele Fotos auf dieser Wand.

Sy ist einsam, hat offensichtlich keine Freunde, keine Familie, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Sy ist nur da, gegenwärtig, vorhanden. Aber Sy ist auch mehr. Er phantasiert sich als „Onkel Sy“, als Teil der Familie Yorkin, er kauft sich ein Buch, das auch Nina liest, kauft Jakob Spielzeug, das ihm seine Eltern verweigern, beobachtet den Jungen beim Fußballspielen. Sy ist nicht „einfach“ einsam. Er ist nicht wie ein alter Mann, der nur noch mit sich und bei sich selbst lebt. Er hat eine Familie, er benutzt sie, ohne dass sie davon weiß. Er konstruiert sie wie die Simpsons, die er im Fernsehen anschaut. Er phantasiert sie vor allem anderen als eine perfekte Familie: den treusorgenden Ehemann, die nice lady and mother, den braven, guten Sohn. Für Onkel Sy stimmt das alles, es funktioniert, ist perfekt – was er Will, als der Computerzubehör kaufen will, auch wohlwollend erklärt. Will könne stolz sein auf seine Familie, sein Haus.

Für Sy gibt es in dieser seiner Welt keine wesentlichen Konflikte, keine Brüche, keine tragischen Ereignisse. Seine defizitäre Einsamkeit kompensiert er mit der imaginierten Perfektion einer Familie. Diese Perfektion ist letztlich ebenso kühl wie die Arbeitsumgebung, in der Sy den einzigen direkten Kontakt zu den Yorkins hat, und sein Zuhause. Ab und zu nähert er sich den Familienmitgliedern, geht dabei weit, über das normale Maß hinaus, aber er überschreitet nicht die Grenze zur Belästigung, zur unerlaubten Handlung und Einmischung, Sy weiß, wann er sich zurückziehen muss.

Das alles wird anders, als er entdeckt, dass Will mit einer Frau, die ebenfalls seine Kundin ist, Maya Burson (Erin Daniels), eine heimliche Affäre hat. Diese Entdeckung schlägt eine tiefe Wunde. Sys Vorgesetzter Owens (Gary Cole) hat herausgefunden, dass Sy heimlich Fotos für sich produziert. Er feuert ihn. Für Sy ist dies eine weitere Wunde, nicht, weil er seine Arbeit verliert, sondern weil diese Arbeit die einzige Verbindung zur Familie Yorkin ist. Die Augenblicke, die auf den Bildern festgehalten sind, die geronnenen Glücksmomente, bar jeder Tragik, die ausgelöscht zu sein scheint, die es scheinbar nicht gibt, sind für Sy lebensnotwendig.

Sy, der bisher nur beobachtet, phantasiert hat, gerät in Panik und Wut. Er zerkratzt auf seiner Wohnzimmerwand das Gesicht Wills auf jedem Foto bis zur Unkenntlichkeit. Er macht Will zur persona non grata, er löscht ihn aus, schickt Nina ein Foto, auf dem Will und Maya in eindeutiger Pose abgelichtet sind. Das alles jedoch reicht Sy nicht. Er schreitet zur Tat.

Romaneks Studie über diesen Mr. Parrish ist ein über weite Strecken überzeugendes, verstörendes Psychodrama über einen verstörten Mann. Romanek setzt auf eine drastische Spannung zwischen Realität und Fiktion. Das Foto scheint diese Ebenen zu vermitteln, für Sy, doch das Foto schlägt zurück: Will hat eine Affäre. Für Sy bricht die Fotolandschaft, die gleichzeitig seine Illusion vom Leben dokumentierte, mit einem Foto in sich zusammen, wie ein Kartenhaus. Cronenweths Bilder, Robin Williams, der so exzellent spielt, dass keine Zweifel aufkommen können, dass es sich bei ihm um diesen Sy handelt, und die subtile Art Romaneks, Realität und Fiktion ineinander fließen zu lassen, um sie dann wieder auseinander zu reißen, machen „One Hour Photo“ zu einem über 80 Minuten spannenden und sehenswerten Erlebnis.

Etwas enttäuschend ist dagegen die Schlussszene des Films, in der Romanek – leider muss man sagen – eine allzu bekannte psychologische Erklärung für die Situation Sys nachschiebt. Das wäre unnötig gewesen und nimmt der düsteren, kühlen Grundstimmung einiges. Zweite Einschränkung: Die Musik Reinhold Heils und Johnny Klimeks ist phantastisch, allerdings an manchen Stellen mir zu drastisch und übertrieben „einmontiert“; ein bisschen weniger wäre besser gewesen.

Romaneks Art der Inszenierung erzeugte bei mir den Eindruck einer weitgehend gelungenen Mischung aus Hitchcock-ähnlichem Suspense und Polanskis „Rosemary’s Baby“, obwohl dieser Film eine ganz andere Handlung hat. Man darf auf den nächsten Film des Clip-Spezialisten gespannt sein.

Wertung:
8/10 Punkte
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Ø Wertung: 7.3/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 13
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