Nader und Simin - Eine Trennung (2011)

OT: Jodaeiye Nader az Simin - 123 Minuten - Drama
Nader und Simin - Eine Trennung (2011)
Kinostart: 18.11.2011
DVD-Start: 18.11.2011 - Blu-ray-Start: 18.11.2011
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Filmkritik zu Nader und Simin - Eine Trennung

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Es sind schon gewisse Vorurteile vorhanden, wenn man sich den Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale ansieht. In der Regel erwartet man sich einen politischen Film und gerade wenn man die jüngere Vergangenheit im Hinterkopf hat und dann erfährt, dass der Wettbewerbsbeitrag aus dem Iran das Festival gewinnen konnte, ist der Verdacht auf eine politische Richtungsentscheidung nicht von der Hand zu weisen. Doch Nader und Simin ist schließlich doch ganz anders als man erwarten konnte: Es ist keine Systemkritik die hier stattfindet, stattdessen schafft es Regisseur Asghar Farhadis ausgezeichnet allgemein gültige Fragen zu stellen und diese gleichzeitig mit dem kulturellen Hintergrund zu verzahnen, sodass wir fast beiläufig einen Einblick in die Lebensgewohnheiten der Menschen im Iran bekommen.

Nader (Peyman Moaadi) und Simin (Leila Hatami) stehen vor den Trümmern ihre Ehe. Simin möchte mit Tochter Termeh (Sarina Farhadi) das Land verlassen, aber Nader will sie nicht begleiten, da er sich um seinen Alzheimerkranken Vater (Ali-Asghar Shahbazi) kümmern will. Sie wollen die Scheidung einreichen und Simin zieht aus. Das stellt Nader vor große logistische Probleme. Er stellt die schwangere Razieh (Sareh Bayat) ein, die sich tagsüber um seinen Vater kümmern soll. Zunächst läuft auch alles gut, doch eines Tages kommt Nader nach Hause und findet seinen Vater alleine und ans Bett gefesselt. Wütend stellt er die später wiederkommende Razieh zur Rede und dabei kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall...

Nader und Simin erzählt seine moralisch höchst interessante Geschichte zwar durchaus mit den Mitteln eines Arthousefilms, aber trotzdem lässt sich Regisseur Asghar Farhadis nicht auf wildes Kunstkino ein. Er erzählt seine Geschichte geradlinig, zurückhaltend und mit nüchternem Blick und rückt somit den Zuseher in die Rolle eines Beobachters, der seine eigenen moralischen Entscheidungen treffen muss: Wer lügt hier, wer sagt die Wahrheit - oder viel eher: Wessen Notlügen findet man eher gerecht? Nader und Simin liefert keine einfachen Antworten und bleibt somit auch noch lange nach dem Kinobesuch in Erinnerung.

Interessant ist auch, dass der Film scheinbar losgelöst von den Diskussionen um das Regime im Iran zu stehen scheint. Für politische Fragen interessiert man sich erstaunlich wenig, stattdessen blitzen gewisse Hürden immer wieder im Alltag auf - etwa wenn ein Gericht die Scheidung ablehnt, da der angegebene Grund schlicht nicht ausreichend ist. Auf subtile Weise schafft es der Film aber dennoch ein Portrait vom gegenwärtigen Leben im Iran zu zeichnen - sowohl von etwas wohlhabenderen Familien, als auch von ärmeren und es ist hoch interessant sich diesen kulturellen Beobachtungen hinzugeben.

Die titelgebende Trennung von Nader und Simin ist dabei weniger im Zentrum - sie dient viel eher als Motor, der sowohl die Geschichte antreibt (denn ohne diese Trennung wäre es nie zum Zwischenfall gekommen, der die Figuren beschäftigt), als auch den Charakteren einen belastenden Hintergrund gibt. Und tatsächlich wird diese Trennung auch sehr schön auf subtile Weise thematisiert, etwa wenn man den beiden förmlich anmerkt, dass sie eigentlich noch zusammenbleiben wollen, aber es die gegenwärtigen Umstände beiden nicht ermöglichen: In subtilen mimetischen Ausdrücken erkennt man hier sowohl gebrochene Trauer, als auch hinderlichen Stolz und dank den vortrefflichen Darstellern fließen diese Elemente immer wieder unaufdringlich in die eigentliche “Haupthandlung” ein.

Und diese schafft es durchaus für Spannung zu sorgen. Die beiden Familien geraten immer weiter aneinander und man kann unmöglich vorhersehen wie weit dieser Konflikt gehen wird. Besonders Hodjat (Shahab Hosseini) bringt eine unberechenbare Komponente in die Erzählung, die regelmäßig für Aufregung sorgt. Aber auch die Wendungen, die immer wieder die moralischen Standpunkte des Zusehers ins Wanken bringen sind sehr gut gelungen. Insgesamt gesehen ist Nader und Simin ein beeindruckendes Stück Weltkino, dass sich alle Freunde von subtilem Arthousekino nicht entgehen lassen sollten.

Fazit:
Nader und Simin erzählt eine spannende Geschichte, die den Zuseher vor schwierige moralische Entscheidungen stellt und es auf subtile Weise schafft das moderne Leben im Iran zu schildern. Der Film ist feinfühlig erzählt, ausgezeichnet gespielt und schafft es mit viel Fingerspitzengefühl die verschiedenen Ebenen der Erzählung ineinandergleiten zu lassen und so ein umfassendes Bild von den Figuren und den kulturellen Gegebenheiten zu zeichnen. Nader und Simin ist Weltkino wie es sein sollte und ein absoluter Tipp für alle Cineasten.

Wertung:

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Filmering.at
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