Michael (2011)

OT: Michael - 96 Minuten - Drama
Michael (2011)
Kinostart: 02.09.2011
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Michael

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Die Fälle Natasha Kampusch und Josef F. haben innerhalb kurzer Zeit das Thema Kindesmissbrauch auf grausamste Weise ins kollektive Gedächtnis gerufen. In Anbetracht der Tatsache, dass zwei so ähnliche Fälle innerhalb so kurzer Zeit in Österreich bekannt wurden, war klar, dass es wohl nicht allzu lange dauern wird, bis sich auch die Filmindustrie diesem Thema annimt. Und man kann dem Filmgott nur auf Knien danken, dass es nun Markus Schleinzers großartiges Regiedebüt Michael ist, das es als erster Film zu diesem Thema in die Kinos schafft. Der Lohn war eine Aufnahme in den Wettbewerb von Cannes und jetzt kann man dieses Thema auch wieder ruhen lassen. Denn einen Kommerzschinken zu diesem Thema braucht niemand - Markus Schleinzers etwas sperriger und unbequemer Ansatz ist da schon goldrichtig.

Michael (Michael Fuith) ist 35 Jahre alt. Er lebt einen geregelten Alltag. Nach der Arbeit geht es nach Hause, das Essen wird zubreitet, die Jalousien werden geschlossen und schließlich geht es in den Keller runter. Dort lebt Wolfgang (David Rauchenberger), ein 10 jähriger Junge, den Michael entführt hat. Wolfgang ist hinter einer Sicherheitstür eingesperrt und das Verhältnis zu seinem Entführer ist schwierig. Zwar versucht Michael auf der einen Seite ein liebevolles Verhältnis zu etablieren, andererseits kommt es aber auch zu sexuellem Missbrauch...

Es ist ein bitteres, schwermütiges und ganz schwieriges Thema dessen sich Michael annimt. Und genau als solches inszeniert es Markus Schleinzer auch. Er versucht nicht etwas zu vereinfachen oder aufzulockern, was man bei diesem Thema auch einfach nicht darf. Deshalb ist Michael naturgemäß auch kein einfacher Film. Es ist ein bittere Pille, die nicht unbedingt leicht zu schlucken ist, aber gerade in Anbetracht seiner subtilen Kraft und seiner nachhaltigen Wirkung ist Michael ein äußerst lohnender und bewegender Film, der auch lange nach dem Ende des Abspanns noch nachhallt.

Dabei verzichtet Michael vollständig auf explizite Bilder. Die sexuelle Übergriffe werden nur angedeutet, alle Gewalt des Films ist verborgen hinter Anspielungen die sich in der minutösen Alltagsrekonstruktion verbergen. Besonders mutig auch die zurückhaltende Inszenierung von Markus Schleinzer. Der Regisseur nimmt lediglich eine beobachtende Position ein und versucht nicht die Täterfigur moralisch zu positionieren - was ohnehin nicht notwendig ist, da jedem die Abschäulichkeit seines Verbrechens bewusst sein sollte. Stattdessen versteht er es geschickt ein äußerst vielschichtiges Psychogramm eines Pädophilen zu entwerfen. In der Kühle und Rationalität des Films fühlt man sich auch schon manchmal an den grandiosen Michael Haneke erinnert.

Besonders interessant ist hierbei, dass sich die schrecklichsten Szenen des Films im Kopf des Zusehers abspielen, bzw. nur angedeutet werden. Stattdessen sehen wir Täter Michael in vielen Facetten. Er ist nicht der allseits böse Psychopath, sondern ein Mensch mit vielen Ebenen. Gerade durch diese differenzierte Beobachtung rückt der Täter nicht in die ferne Position eines abstrakten Monsters, sondern wir nehmen ihn als wirkliches Individuum war, das auch einen sehr tragischen Aspekt der Ablehnung beinhaltet. Markus Schleinzer balanciert in Michael äußerst geschickt an der Grenze, schafft es aber stets den richtigen Ton zu treffen, was in Anbetracht dieses ungeheuer schwierigen Themas eine wahre Meisterleistung ist.

Auf visueller Ebene ordnet sich der Film dabei völlig seiner Geschichte unter. Im Zentrum stehen präzise Beobachtungen, kleine Alltäglichkeiten und der Versuch einer äußerst akuraten Schilderung einer schwierigen Person. Michael konzentriert sich dabei (mit wenigen Ausnahmen) völlig auf den Täter und nimmt auch dessen Perspektive ein. Demnach wird auch der Zuseher dazu gedrängt die Welt aus der Sicht von Michael zu sehen - eine beklemmende und äußerst verstörende Erfahrung, die hinter der Ruhe, hinter der sich der Film verbirgt, einen wahren Tsunami entfacht.

Besonders eindringlich sind jene Momente in denen der Film sein Gleichgewicht überraschend aufgibt. Es soll hier nicht zu viel verraten werden, aber an manchen Stellen bricht Markus Schleinzer das ruhige Gefüge seines Films unerwartet, durch Szenen die einen bestimmten Schock auslösen. Sei es ein Anflug von lakonischem Humor, der schließlich wieder aufgegriffen wird um dem Zuseher das Lachen im Halse zu ersticken oder sonstige kleine Szenen, die innerhalb dieses aussergewöhnlichen Films eine ganz besonders Wirkung entfachen. Michael ist ein ganz ruhiger, präziser Film unter dessen Oberfläche es brodelt. Großes Kino aus Österreich: Schockierend, verstörend und großartig inszeniert und gespielt.

Fazit:
Michael ist ein ruhiger, präziser Film, der ein unglaublich schwieriges Thema aufgreift und es nahezu perfekt umsetzt. Markus Schleinzer gelingt es ausgezeichnet den Zuseher in die Welt eines Pädophilen zu versetzen. Die Umsetzung ist genau so wie sie sein muss: Sperrig, schwierig, ambivalent und ganz weit weg vom Boulevard. Michael ist ganz großes Kino aus Österreich, das schockiert, berührt und verstört. Immer wieder bricht Schleinzer das ruhige Gefüge seiner Erzählung durch gezielte Schläge in die Magengrube des Zusehers und erschafft dabei eine zutiefst mulmige Atmosphäre des schleichenden Grauens hinter der Fassade der alltäglichen Normalität. Er charakterisiert den Täter ohne ihn einseitig zu dämonisieren - ein schwieriges Unterfangen in Anbetracht des Themas, aber Markus Schleinzer meistert es mit der Hand eines wirklich talentierten Filmemachers. Michael ist ein ausgezeichneter Debütfilm und nach Atmen bereits der zweite herausragende österreichische Film des Jahres.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 7.8/10 | Kritiken: 3 | Wertungen: 16
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