Sicko

OT: -  113 Minuten -  Doku
Sicko
Kinostart: 12.10.2007
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Sicko

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Eine Dokumentation sollte eine möglichst realistische, sich sehr an den faktischen Tatsachen orientierende Abhandlung über ein gewisses Thema sein, die nicht nur einseitig von etwas berichtet, sondern alle Parteien zu Wort kommen lässt. Wenn man von dieser oder einer ähnlichen Auffassung des Begriffs Dokumentation ausgeht, dann würden Michael Moores Filme sicher nicht in dieses Filmgenre passen. Der Filmemacher hat eine gänzlich andere Herangehensweise: Wenn ihm ein Missstand in der Gesellschaft auffällt, dann formt er einen Film, der gänzlich seiner ganz persönlichen Meinung untergeordnet ist.

So kommt es nicht selten vor, dass Tatsachen verdreht werden oder Videos im falschen Kontext gezeigt werden, sodass sie besser ins Konzept des Filmemachers passen. Dennoch funktioniert sein Konzept, und seine beiden Filme Bowling for Columbine und Fahrenheit 09/11 wurden nicht nur mit Awards gefeiert, sondern schraubten auch die Boxofficegrenzen für dieses Genre in die Höhe. Der Grund ist einfach: Michael Moore geht eben nicht mit konventionellen Methoden vor, sondern man kann jedem seiner Filme deutlich ansehen, dass er sein ganzes Herzblut hineinsteckt und wirklich von dem überzeugt ist, was er sagt.

Als Stilmittel verwendet Moore häufig humoristische Darstellungen und eine ironische Erzählweise. Dieses Entstauben des Dokumentargenres brachte ihm allerdings nicht nur Lob, sondern von einigen Seiten auch deutliche Kritik ein: Von manchen hieß es gar, durch eine solche Erzählweise würde jede Form des rationalen Denkens ausgeschaltet, und durch die unterhaltsame Darstellung der manchmal verdrehten Fakten würde Moore dem Publikum seine Meinung besonders schmackhaft machen. An diesen Punkten ist sicher etwas dran, und deshalb habe ich für mich persönlich eine Entscheidung getroffen:

Ich sehe Moores Dokumentationen nicht mehr als objektive Abhandlung, sondern als spielfilmähnliche Werbung. Dies soll keinesfalls bedeuten, dass ich sagen will, dass alles, was Moore in seinen Filmen sagt, verdreht oder manipuliert ist, aber ich kann bei ihm nie mit Sicherheit sagen, was denn nun wirklich der Wahrheit entspricht und was etwas übertrieben wurde. Deshalb sehe ich seinie Filme weniger als Dokumentation im klassischen Sinne, sondern gewähre Moore einige künstlerische Freiheit, um sein Thema zu präsentieren. Ich fasse also seinen Film mehr als Spielfilm denn als Doku auf.

Ich sehe es nämlich so, dass Michael Moore ein Mann mit vielen Idealen ist, der sein Herz am rechten Fleck hat und der die Gesellschaft wachrütteln will. Viele mögen sich an seiner Art stören, aber ich verzeihe ihm, dass seine Filme eigentlich sehr viel Werbung für seine Ansichten beinhalten. Denn aus meiner Sicht sind seine Aussagen keinesfalls Lügen. Er verwendet höchstens unübliche Mittel, die nicht der traditionellen Auffassung des Begriffs Dokumentarfilm entsprechen, um uns zu informieren. Und es ist ja nicht so, als würde Moore vollkommen Unglaubwürdiges präsentieren. Das Dramatische an seinen Filmen ist nämlich gerade, dass sie die Wahrheit so unglaublich treffend wiedergeben.

Nach seinen beiden kontroversen Filmen Bowling for Columbine und Fahrenheit 09/11 wendet sich der umstrittene Filmemacher einem Thema zu, das sehr wohl einige Aufmerksamkeit verdient: Eigentlich weiß die gesamte westliche Welt, dass das amerikanische Gesundheitssystem sehr sanierungsbedürftig ist, und man braucht nur jemanden, der die Regierung so wachrüttelt, dass auch etwas geschieht. Vielleicht ist Michael Moore derjenige, der genau das schafft. Denn überraschenderweise gab es nicht wie bei seinen anderen Filmen hitzige Diskussionen um den Film, sondern Sicko fand großflächige Zustimmung. Ob das Michael Moore nicht sogar etwas verwundert hat?

Lediglich ein Aspekt des Films sorgte für Aufregung: Michael Moore drehte einen Teil seiner Doku in Kuba und verstieß somit gegen das amerikanische Embargo. Voraussichtlich wird er sich deswegen noch vor Gericht verantworten müssen. Doch dies soll uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren. Wie gut ist Sicko denn nun wirklich? Um es kurz zu sagen: Michael Moore hat seinen Stil nicht maßgeblich verändert, sondern setzt noch immer auf die altbekannten Mittel. Er redet mit Betroffenen, die auch des öfteren vor der Kamera in Tränen ausbrechen, wagt einige riskante Behauptungen und bringt das Ganze mit viel Humor auf die Leinwand. Wem also Moores bisherige Werke gefallen haben, der wird auch Sicko mögen.

Da der Film sich um das amerikanische Gesundheitssystem dreht, wird auch vorwiegend ein Publikum aus diesen Breitengraden angesprochen, doch auch für die restliche Welt wird genug geboten. Während die Amerikaner nach dem Film wohl am liebsten aufspringen möchten, um ihr System zu verändern, kann man es sich am Ende als Europäer einfach nicht verkneifen, sehr zufrieden zu sein, und man ist sehr froh, dass man es besser hat als die Amerikaner. Moore schafft es aber am Ende, für genug Heiterkeit zu sorgen, sodass jeder zufrieden und mit einem Grinsen auf dem Gesicht den Saal verlassen kann.

Natürlich neigt Moore auch in Sicko wieder zu Übertreibungen, aber es dürfte wohl jedem klar sein, dass der Kontrast zwischen französischen und amerikanischen Krankenhäusern nicht ganz so niederschmetternd ist, wie es hier präsentiert wird. Er versteht sich eben wahnsinnig gut darauf, die extremsten Situationen ausfindig zu machen, die dann im fertigen Film logischerweise für gewaltige Kontraste sorgen. Ob Frankreich und England allerdings wirklich die Schlaraffenländer sind, als die Moore sie präsentiert, darf natürlich bezweifelt werden.

Als besonderen politischen Seitenhieb hat sich Moore auch etwas einfallen lassen: Zunächst lässt er die amerikanische Fassade bröckeln, indem er zeigt, wie weit die Heldenverehrung der Amerikaner wirklich geht. Er zeigt Bilder vom 11. September 2001, als freiwillige Helfer gesucht werden. Diese werden danach von allen gefeiert und als Helden empfangen. Als Gegensatz dazu zeigt er, wie es diesen Helfern heute geht: Ihre Atemwege sind schwer von den Bergungsarbeiten gezeichnet, und der Staat will ihnen nichts für ihre Behandlung bezahlen, da sie nicht offiziell angestellt sind.

Mit den selben "Opfern" des amerikanischen Gesundheitssystem geht Moore auch noch einen Schritt weiter: Zuerst sieht man in einem Fernsehinterview, wie ein hochrangiges Mitglied des Militärs von den Gesundheitsbedingungen im Gefangenenlager von Guantanamo schwärmt. Kurzerhand packt Moore die Helden des 11. September in ein Boot und fährt mit ihnen nach Kuba. Vor dem Lager bittet er schließlich um Einlass, da er gerne möchte, dass die Helden des Anschlags eine gleichwertige Versorgung wie die Täter bekommen. Das ist der zynische Michael Moore, wie man ihn kennt und liebt (oder hasst).

Der politische Nierenschlag gegen die USA geht allerdings noch weiter. Als Happy End werden die Helden Amerikas just im verhassten Kuba behandelt und es wird ihnen nach eigenen Angaben besser geholfen als im eigenen Land. Gerade dies dürfte wohl der Regierung sauer aufgestoßen sein, dass gerade Erzfeind Kuba als besser als man selbst dargestellt wird. Michael Moore hat sich also kein bisschen geändert. Doch aus meiner Sicht braucht er das auch gar nicht. Sein Stil funktioniert, und auf andere Weise würde man die trägen Amerikaner wohl nie hochschrecken. Sicko ist definitiv einen Blick wert!

Fazit:
Sicko ist ein klassischer Michael Moore Film. Wer bis jetzt nichts mit dem Filmemacher anfangen konnte, dem wird auch Sicko nicht gefallen. Doch ich persönlich mag seinen Stil. Natürlich besteht bei Moore immer die Übertreibungs- bzw. Verfälschungsgefahr, aber als Aufbegehren gegen das Gesundheitssystem funktioniert der Film prächtig. Auf unterhaltsame Weise werden dem Zuseher die amerikanischen Missstände präsentiert, sodass sich am Ende alle einig sein dürften, dass es so nicht weiter gehen kann. Moore erreicht sein Ziel, indem er gekonnt gegen das Gesundheitssystem ankämpft, und dem Zuseher wird ein unterhaltsamer und informativer Film geboten. So soll es sein.

Wertung:
8/10 Punkte

Filmering.at
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