We Need to Talk About Kevin (2011)

OT: We Need to Talk About Kevin - 110 Minuten - Drama / Thriller
We Need to Talk About Kevin (2011)
Kinostart: 05.10.2012
DVD-Start: 08.11.2012 - Blu-ray-Start: 08.11.2012
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Filmkritik zu We Need to Talk About Kevin

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Wir müssen über Kevin reden. Besser gesagt über den Film. Denn Lynne Ramsay hat basierend auf dem gleichnamigen Buch von Lionel Shriver mit ihrem dritten Langspielfilm ein Werk erschaffen, das mit mütterlicher Verzweiflung und juveniler Bosheit durchzogen, ein beklemmendes Familienportrait in einer vermeintlich wohlwollenden Vorstadtlandschaft zeichnet. Wie schon in American Beauty oder Das weiße Band tragen komplexe (familiäre) Dynamiken dazu bei, dass es in der kleinstädtischen Idylle unter der Oberfläche heftig brodelt. Sie setzt bei der Inszenierung aber keineswegs auf Klarheit oder strenges Schwarz-weiß sondern verdichtet die Geschichte mit einem bunten, gemischten visuellen Wasserfall, dessen Bildersog zum Ertrinken einlädt. Aber Ramsay verlässt sich nicht nur auf die fantastischen Bilder, sie weiß auch, dass sie mit Tilda Swinton und dem Drehbuch zwei Asse im Ärmel hat.

Um der Wirkung des Films seine volle Geltung zukommen zu lassen, wird hier nur auf exemplarische Szenen eingegangen und kaum etwas vom Plot verraten. Es wird empfohlen sich nicht über die Geschichte zu informieren, je unbekannter die Geschichte ist desto wirkungsvoller kann sich die Erzählstruktur entfalten.

Die ehemalige Star-Abenteurerin Eva (Tilda Swinton) trägt eine schwere Last auf ihren Schultern. In ihrer Heimat am Rande New Yorks wird sie wie eine Aussätzige behandelt und von ihren Mitbürgern terrorisiert. Das Glück ihrer Familie zerbrach nach einem dramatischen Zwischenfall in tausend Stücke. Sie lebt entfremdet von ihrem Mann Franklin (John C. Reilly) und ihrer kleinen Tochter Celia (Ashley Gerasimovich). Ihr 16-jähriger Sohn Kevin (Ezra Miller) sitzt im Gefängnis. Was sind die Umstände dieses Unglücks? Wie konnte es soweit kommen? Eva erinnert sich nach und nach...

Eingeleitet wird das Drama, das übrigens im weiteren Verlauf eine Dimension griechischen Ausmaßes erreicht, so viel sei hier bereits vorweggenommen, mit einem Vorgriff. Die Kamera fährt entschleunigt auf eine geöffnete Tür zum Garten zu. Das Licht des Mondes und der Wind verleihen den Gardinen eine bedeutungsschwere Symbolhaftigkeit unterstützt von einem verhängnisvollen Spränklergeräusch. Schnitt. Eva (Tilda Swinton) befindet sich auf dem Tomatina, einem jährlichen Fest in Valencia an dem unreife Tomaten in einer Schlacht durch die Straßen geworfen werden.

Der Übergang ist insofern interessant, als dass er den Zuseher auf die kommende Lesart des Films einstellt. Zum einen weist er auf die Montage hin, die im weiteren Verlauf die Grenzen der Wahrnehmung des Zusehers auslotet und zum anderen lässt er einen Ausblick auf die fantastische Bildsprache zu.

Wie suggestiv die Montage wirkt zeigt sich in der Sequenz, in welcher der Hamster der kleinen Celia verschwindet: Nach ausgiebiger Suche wird ihr beigebracht er sei im Hamsterhimmel mit seinen Artgenossen. Schnitt. Die Kamera ist auf den Abfluss der Abwasch gerichtet als Eva mit dem, für amerikanische Verhältnisse beliebten, Zerkleinerer im Abfluss die Reste des Frühstücks entsorgen will. Als plötzlich was Wasser übergeht, der Abfluss also verstopft ist, braucht sie nicht lange um zu realisieren was passiert ist. Sie richtet ihren Blick auf Kevin im Garten, dieser erwidert ihn und man meint in seinem Gesicht ein leichtes Grinsen auszumachen. We Need To Talk About Kevin lebt von dem Unausgesprochenen, von den Blicken zwischen einer Mutter und ihres Sohnes, von dem was zwischen den Zeilen des Drehbuchs und vor der Kamera passiert.

Ein piktorales Beispiel: Als die kleine Schwester ihr Auge verliert (sie hat es sich mit einem hochgiftigen Lösungsmittel verätzt; auch das wurde nicht direkt gezeigt, sondern kommt erst danach, im Gespräch zur Sprache) konfrontiert sie Kevin mit dem Vorwurf, dass er mit Absicht das Lösungsmittel in der Reichweite der kleinen Schwester platziert hätte. Während ihm seine Mutter die Schuld zuweist, schält er gelassen eine Litschi um dann, während er alles abstreitet, in einer nahen Einstellung in die augenapfelähnliche Frucht hineinzubeißen und der Saft der Litschi zwischen seinen Zähnen hervorquillt. Eben genau diese brutalen Zwischentöne beschwören einen suburbian-horror herauf, der im Kopf des Zusehers viel mehr anrichtet als auf dem audiovisuellen Tablett präsentiert.

Die charakteristische visuelle Gestaltung nimmt in We Need To Talk About Kevin eine offensichtlich tragende Rolle ein. Angefangen von den seltenen glücklichen Erinnerungen, die unscharf, verwackelt und mit Linsenflackern versehen sind über den distinktiven Rotton, der allgegenwärtig zu sein scheint. Von Tomaten, über Kleider, Teekannen und vielem mehr. Ihr Haus und ihr Auto werden in einem Racheakt von Unbekannten damit gebrandmarkt. Im Laufe des Films sieht man Eva des Öfteren beim Versuch die Farbe loszuwerden. Sie kratzt, schabt und putzt aber die Farbe will einfach nicht verschwinden. Der Fleck, der auf ihrem Leben haftet (ihr eigener Sohn) lässt sich nicht so einfach abwaschen. Das erkennt sie auch zum Schluss, als sie Abneigung gegenüber Kevin und seinen Taten überwindet und endlich Erlösung findet durch das Einnehmen einer Rolle, der sie sich bis dahin verweigert hatte bzw. nicht fähig war einzunehmen: Die Rolle der Mutter.

Das zentrale Motiv des Films ist die Schuldfrage, die sich Eva stellt. „Ist Kevin böse geboren oder ist sein Verhalten etwa meine Schuld?“ Das diese Frage nicht so leicht zu beantworten ist oder eher auf letzteres zurückzuführen ist, ist der Tatsache geschuldet, dass Eva eine unverlässliche Erzählerin ist, da die Geschehnisse ausschließlich aus ihrer Perspektive erzählt werden (ein prominentes Beispiel eines unverlässlichen Erzählers ist Edward Norton in Fight Club, wo wir erst am Ende auf seine Persönlichkeitsstörung aufmerksam gemacht werden und durch diese Irreführung ein äußerst wirkungsvoller Twist generiert wird).

Durch ihre Augen manipuliert Kevin die Familie, insbesondere den Vater, der durch Evas Augen äußerst naiv portraitiert wird. Das man als Zuseher ihr nicht ganz trauen kann, liegt an ihrer Erzählweise. Man bekommt stets einzelne Gedankenfragmente in Form von kurzen, scheinbar unzusammenhängenden Flashbacks serviert und muss die Geschichte Puzzleteil für Puzzleteil selbst zusammenfügen. Die überlagernde, fast schon fließende Tonmontage von Szene zu Szene macht die Sache naturgemäß nicht einfacher, dafür wesentlich interessanter: Während der Geburt schreit Eva vor lauter Schmerz – im  Krankenhaus nach der Geburt schreit das Baby – nach dem Krankenhaus schreit das Baby zu Hause – (Zeitsprung) Eva kratzt die rote Farbe an ihrem Haus mit einer Flex ab, dessen Geräusch dem Geschrei des Babys äußerst ähnlich ist – das Baby schreit erneut – Eva stellt sich mit dem Kinderwagen neben eine Baustelle – das Geschrei ist aufgrund des lauten Presslufthammers nicht mehr zu hören und Eva sowie der Zuschauer können endlich entspannen(!). Großartig.

Aber genau diese auslassende Erzählweise macht das Erzählte so interessant. Der Zuseher ist angewiesen die Fragmente aus ihrer Erinnerung selbst zu zusammenzuflicken. Wenn man, Hinweis für Hinweis, eine Ahnung von dem potentiellen (eingangs erwähnten, griechischen) Ausmaß der Geschehnisse bekommt, dabei hofft, dass man aus diesem Albtraum aufwacht bevor er eintrifft um schließlich enttäuscht zu werden und die volle Breitseite der offenbarten Grausamkeit erntet, ist der Klimax perfekt. Aristoteles hätte es nicht besser machen können.

Tilda Swinton liefert eine schmerzvoll grandiose Leistung ab. In einer Tour de Force macht sie dem Zuseher deutlich, dass der Film, so, ohne ihr nicht die Schlagkraft gehabt hätte die ihm letztlich innewohnt. Als eine freiheitsliebende Frau opfert sie ihr persönliches Glück ihrer Familie, nicht wissend, welcher Tortur sie sich damit aussetzt. Dabei scheint sich das Talent der Schottin durchzusetzen, moderne Frauen in widrigen (Familien)Verhältnissen darzustellen, deren geplagtes Handeln sich am Ende immer durch eine gewisse menschliche Würde auszeichnet. Und tatsächlich, die rar gesäten Anzeichen von menschlicher Zuneigung gehen alleine von ihr aus. Sofort und noch in derselben Interaktion, werden diese Zugeständnisse von Kevin allerdings gegen die Wand gefahren.

Ezra Miller als Kevin, dessen Berg an Zurückweisungen (der Hauptgipfel neben der Unzahl an Nebengipfeln ist erreicht, als er bereits als Kleinkind auf das Liebesgeständnis seiner Mutter „I love you“ sie eiskalt nachäfft) die Mutter vor ein unüberwindbares Hindernis stellt, spielt mit einer diabolischen Finesse, zu kurzen T-Shirts und einem Hang zu steinzeitlichen Waffen den „Satansbraten“. Auch er wurde fraglos auf den Punkt gecastet, eine Eigenschaft, die John C. Reilly nicht unbedingt zuzuschreiben ist. Die Rolle des liebevollen, verspielten und fürsorglichen Familienvaters beherrscht er ohne weiteres, die Chemie zwischen Swinton und ihm will aber nicht so recht aufkommen. Das kann allerdings eine kalkulierte Intention sein, sind die beiden Eltern doch gänzlich unterschiedliche Charaktere.

Fazit:
In einer kohärent ästhetischen Bildsprache und mit einer Erzählstruktur die sich durch mangelnde Stringenz auszeichnet wird die vermeintlich konventionelle Geschichte einer Mutter und ihrem scheinbar böswilligen Sohn erzählt. We Need To Talk About Kevin ist ein grandios gespieltes, furios inszeniertes und famos erzähltes Indie Drama, dass die universelle Thematik von Schuld & Vergebung im Mikrokosmos einer Familie abhandelt und weder Antworten liefert noch Lösungsansätze anbietet. Dabei entwickelt das Drama eine derartige Schlagkraft, dass der Zuseher nach dem Film seine Fassung unter den Kinositzen suchen kann. Bleibt zu hoffen das dem Film, der bereits im Mai letzten Jahres in Cannes Premiere feierte und Ramsay prompt eine Nominierung für die goldene Palme einbrachte, bei aller Unwahrscheinlichkeit ein Kinostart gegönnt ist.

Wertung:
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Ø Wertung: 7.7/10 | Kritiken: 3 | Wertungen: 23
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