Le Havre (2011)

OT: Le Havre - 103 Minuten - Komödie / Drama
Le Havre (2011)
Kinostart: 03.11.2011
DVD-Start: 30.03.2012 - Blu-ray-Start: 30.03.2012
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Filmkritik zu Le Havre

Von am
Wunder passieren.

Aki Kaurismäki vermag es wie kein anderer Regisseur zwischen Drama und Komödie zu oszillieren. Sein lakonisch sparsamer Stil zieht sich durch sein Oeuvre ebenso wie seine Figuren alle vom selben Schlag sind: „kleine Leute“, Außenseiter, Arbeiter – Verlierer der Gesellschaft. Nach seiner „Trilogie der Verlierer“ mit Wolken ziehen vorüber, Der Mann ohne Vergangenheit und Lichter der Vorstadt bewegt sich Kaurismäki erneut in ähnliches Milieu. Als Schauplatz wählte er diesmal nicht seine Heimat Finnland sondern Frankreich. Die Geschichte jedoch sei nur bedingt an einen Ort gebunden, schließlich „... könnte die Geschichte überall spielen, in jedem europäischen Land.“ Kaurismäkis Blick besticht stets durch Wertschätzung seiner klar gezeichneten Charaktere, nie setzt er sich über sie hinweg. Seine humanistische Herangehensweise überträgt sich in seinen Filmen auf die Figuren. So auch in Le Havre, seinem aktuellen Streich. Hier steht Menschlichkeit ebenfalls an vorderster Stelle.

Marcel Marx (André Wilms), früher Autor und wohlbekannter Bohemian, hat sich vor längerer Zeit in sein frei gewähltes Exil, die Hafenstadt Le Havre, zurückgezogen. Hier geht er inzwischen der ehrenwerten, aber nicht sonderlich einträglichen Tätigkeit eines Schuhputzers nach. Der Traum vom literarischen Durchbruch ist längst begraben und trotzdem führt er ein zufriedenes Leben mit seiner Frau Arletty (Kati Outinen). Doch plötzlich erkrankt Arletty schwer, gleichzeitig kreuzt das Schicksal seinen Weg in Gestalt des minderjährigen Flüchtlings Idrissa (Blondin Miguel) aus Afrika. Und so ist Marcel gezwungen sich erneut gegen die menschliche Gleichgültigkeit zu erheben. Seine einzigen Waffen sind sein unerschütterlicher Optimismus und die ungebrochene Solidarität der Mitbewohner seines Quartiers. Mit ihrer Hilfe tritt er gegen den blindwütigen Machtapparat des Staates an, der die Schlinge um den Flüchtlingsjungen immer enger zieht. Es wird Zeit für Marcel, seine Schuhe zu polieren und die Zähne zu zeigen...

Es ist schon eine faszinierende Welt, die Kaurismäki in Le Havre zeigt. Im Hintergrund einer idyllischen Kleinstadt kommt im Armenviertel eine schwärmerisch französische Stimmung auf. Selbst im verkommenen Wirtshaus herrscht eine Atmosphäre, die man bis dato vergeblich versucht hat zu finden. Wenn der Lichtkegel auf die sorgfältig typografisch ausgewählten Schilder fällt, die an einer farblich stimmigen, von der Zeit gezeichneten Hausmauer hängen, dann möchte man meinen, dass dies alles zu schön ist um wahr zu sein. Und tatsächlich, ab und zu wirkt alles ein wenig fremdartig und konstruiert. Das märchenhafte offenbart sich in Le Havre schnell durch die Ausstattung. Aber nicht nur diese, sondern insbesondere die Charaktere vermitteln im Film das Fantastische.

In Angesicht der Herzlosigkeit keimt in den Bewohnern des Viertels grenzenlose Solidarität. Der kleine Idrissa weckt in den eigentümlichen Charakteren den Beschützerinstinkt. Nicht nur der sonst etwas unbeholfene Marcel, dargestellt vom charismatischen André Wilms, nimmt sich seiner an. Nach dem französischen Leitspruch Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind alle Bewohner mit an Bord, dem afrikanischen Flüchtlingskind bei Flucht nach London zu seiner Mutter zu helfen. Ob der Hauptkommissar mit seinem ikonisch schwarzen Trenchcoat, Hut und Schnauzer oder der an Bilbo Beutlin erinnernde Rockmusiker Little Bob (den es übrigens wirklich gibt. Er sieht nur so aus als würde er aus Kaurismäkis Feder stammen!). Alle sind Teil dieser wundersamen Welt.

Die Dialoge sind kurz. Das Erzähltempo gemächlich. Der Humor trocken, häufig anzutreffen. Ohne Humor würde auch der Film nicht auskommen. Denn er ist es, das Boot, auf dem das Flüchtlingsthema annehmlich dahinschippern kann, ohne in einem Meer von bedeutungsvoller Ernsthaftigkeit unterzugehen. Kaurismäki schafft es die globalen gesellschaftlichen Missstände aufzuzeigen, besinnt sich aber auf seine Fähigkeiten als reduktionistischer Geschichtenerzähler und bleibt in der träumerisch optimistischen Welt von Le Havre. Und er tut gut daran.

Fazit:
Le Havre ist eine märchenhafte Sozialdramakomödie, die vor allem durch den Charme der Ausstattung und seinen liebenswürdigen Charakteren punkten kann. Die karge, minimalistische Bildsprache in dem romantisch heruntergekommenen Setting einer Hafenstadt zaubert eine außerordentlich dichte Atmosphäre in den Kinosaal und, wenn man sich darauf einlässt, ein permanentes Schmunzeln ins Gesicht des Publikums. Die atmosphärische Außenseitergeschichte fängt allerdings immer dann zu bröckeln an wenn sie versucht, etwa durch reale Fernsehausschnitte von den Aufständen der französischen Migranten, zu kontextualisieren. Das geht insofern nach hinten los, dass die wundersame Märchenwelt einer Zäsur ausgesetzt ist, die der Zuseher mit dem Kinobesuch unter Umständen vermeiden will. Denn Wunder passieren, nur, selten in der Realität.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 8/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 8
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