Die Höhle der vergessenen Träume (2010)

OT: Cave of Forgotten Dreams - 90 Minuten - Dokumentation
Die Höhle der vergessenen Träume (2010)
Drehbuch:
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Kinostart: 04.11.2011
DVD-Start: 13.03.2012 - Blu-ray-Start: 13.03.2012
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Filmkritik zu Die Höhle der vergessenen Träume

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Werner Herzog ist ein Filmemacher, der das Extrem liebt. Er hat Schiffe über Berge ziehen lassen (Fitzcarraldo), ist einem drohenden Vulkanausbruch nachgereist (La Soufrière), hat unzählige Male dem Wahnsinn ins Auge geblickt (sei es durch seine Filme mit Klaus Kinski, oder seine zahlreichen Drehs im Urwald) und unzählige Abenteuer erlebt, die als Spielfilme oder Dokus seine beeindruckende Filmographie zieren. Er ist mit Sicherheit einer der faszinierendsten Personen im Filmgeschäft und deshalb kann man seinen neuen Filmen immer mit Vorfreude entgegenblicken, denn mit Überraschungen und ungwönlichen Einblicken kann man immer rechnen.

Seine neueste Doku führt ihn aber weder in die Antarktis (Encounters at the End of the World), noch an sonstige lebensfeindliche Orte. Stattdessen geht es für Werner Herzog nach Frankreich ins Ardèche-Tal zu den Chauvet-Höhlen. Dort wurden in einer Höhle die ältesten Höhlenmalereien der Geschichte gefunden. Eine äußerst fragile Angelegenheit, weswegen die Höhle auch streng abgeriegelt ist und nur wenige Wissenschaftler Zutritt haben. Die französische Regierung hat es lediglich Werner Herzog unter strengen Auflagen gestattet die Malereien der Höhle zu filmen und somit den Menschen auf Umwegen zugänglich zu machen...

Man muss schon zugeben: In Anbetracht der ansonsten vergleichsweise radikalen und spektakulären Themen die Herzog immer auf seine ganz eigene Art und Weise verfilmt, klingt Die Höhle der vergessenen Träume auf den ersten Blick fast langweilig. Dem Filmemacher wurden starre Grenzen gezogen - so ist das Fortbewegen innerhalb der Höhler nur auf einem schmalen Gang möglich und das Team war stark limitiert, weswegen man die Filmemacher auch immer wieder vor der Kamera sieht - und abgefilmte Höhlenmalereien werden für viele jetzt nicht so fesselnd klingen.

Aber es wäre ein großer Fehler einen Film des Meisterregisseurs alleine anhand von Vorurteilen ausfallen zu lassen. Denn natürlich geht es Herzog wie immer um mehr, als um das offensichtliche. Zwar erfüllt er durchaus die ihm auferlegte Pflicht die Höhlenmalereien zu dokumentieren - aber wie so oft in seinen Filmen ist es vor allem die Tonspur die den Film besonders aufwertet. Herzog ist dafür bekannt seine Gedanken gerne einmal schweifen zu lassen, Interpretationen anzustellen und auf diese Weise eine gehörige Prise Subjektivität in seine Dokumentationen zu bringen.

Aber genau dieser Stil ist es auch, was seine Filme so spannend macht: Herzog dreht nicht die gewohnt trockenen, braven, Dokus, sondern erlaubt sich über den Tellerrand hinauszublicken und dabei auch schlicht wilde Assoziationen anzustellen. So sieht er in den Malereien in den Chauvet-Höhlen eine Art Geburtsstätte des Kinos, wenn etwa in den Bildern Bewegungen angedeutet werden, die im Spiel der Schatten ein Eigenleben entfalten. Auch die Ideen des Regisseurs zu den Hintergründen und Zusammenhängen in der Bilderlandschaft sind spannend und wie immer unterhaltsam.

Interessant ist auch wie es Herzog gelingt seinen Gesprächspartnern ihre Lebensgeschichten zu entlocken. So bekommen seine Filme auch stets eine interessante Subebene, auf der sich die verrücktesten Charaktere tummeln. Es scheint ein reines Fest für den Regisseur zu sein wenn er Rollenklischees durchbricht, und z.B. Wissenschaftler von ihrem Leben berichten, das völlig anders gelaufen ist, als man es sich erwarten würde. Auch in Die Höhle der vergessenen Träume finden sich wieder diese besonderen Charakterköpfe, die perfekt in das Oeuvre des Regisseurs passen. Hinzu kommt eine wie immer tolle audio-visuelle Kulisse, die ähnliche wie in Encounters at the End of the World den filmischen Raum in eine sakrale Spiritualität taucht und so eine anmutige Atmosphäre kreiert.

Aber obwohl es Herzog gelingt die Starrheit des Konzepts zu unterwandern und seinen eigenen Stil in diese etwas eingeschränktere Dokumentation zu bringen, bleibt der Film dennoch hinter seinen letzten Arbeiten zurück. Zu repetitiv sind die Bilder in den Höhlen, zu beschränkt scheinen die Filmemacher an vielen Stellen und zu langatmig ist der Film in seiner Gesamtheit. Auch beim Kommentar driftet Herzog an manchen Stellen fast schon zu sehr ab. Das hat er zwar ansonsten sehr gut im Griff, aber in Die Höhle der vergessenen Träume sind seine Assoziationen fast schon zu verworren und abgehoben, sodass es dem Film schlicht an der Kraft seiner letzten Dokus fehlt (besonders wenn man ihn mit den überragenden Dokus Grizzly Man oder Encounters at the End of the World vergleicht).

Fazit:
Man sollte sich von dem etwas trockenem Thema nicht abschrecken lassen: Werner Herzog erfüllt zwar seine Chronistenpflicht, aber vergisst auch seine Fans nicht. Herzogs Erkundung der Chauvet-Höhle ist eine spirituelle Reise hin zur Wiege der menschlichen Kulturgeschichte. Wie immer lässt der Regisseur seine Gedanken kreisen, driftet ab und findet spannende Charaktere die sein Oeuvre schon immer durchzogen haben. Aber man muss schon zugeben, dass Die Höhle der vergessenen Träume hinter den letzten Filmen des Regisseurs zurückbleibt. Grund dafür ist vor allem, dass man die Limitierungen in der Gestaltung des Films doch spürt, sich einige repetitive Elemente in den Film geschlichen haben und sogar der Kommentar von Herzog manchmal zu verworren und abgehoben erscheint. Trotzdem: Ein Film von Werner Herzog ist immer sehenswert, auch wenn er einmal nicht großartig ist.

Wertung:
7/10 Punkte
Filmering.at
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