The Tree of Life (2011)

OT: The Tree of Life - 138 Minuten - Drama
The Tree of Life (2011)
Kinostart: 17.06.2011
DVD-Start: 10.11.2011 - Blu-ray-Start: 10.11.2011
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Filmkritik zu The Tree of Life

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Terrence Malick ist ein großer Eigenbrödler und eine Ausnahmeerscheinung im amerikanischen Kino. Nach seinen ersten beiden, begeistert aufgenommenen, Debütfilmen Badlands und In der Glut des Südens ließ er sich erst einmal zwei Dekaden Zeit, bevor er mit Der schmale Grat sein Comeback feierte und gleichzeitig sein absolutes Meisterwerk ablieferte. Es dauerte sieben Jahre bis mit The New World sein nächster Film in die Kinos kam und weitere sechs Jahre bis nach unzähligen Verschiebungen nun endlich auch sein neuester Streich The Tree of Life zu sehen ist. Prompt mit der Goldenen Palme in Cannes prämiert liefert Malick hier seinen wohl eigenwilligsten und schwierigsten Film bis dato ab - ein Erlebnis, dessen Rezeption sehr stark vom Zuseher abhängig ist.

Amerika irgendwann in den 50er Jahren: Der Vater der Familie O’Brien (Brad Pitt) tut sein bestes um seine drei Söhne Jack (Hunter McCracken), R.L. (Laramie Eppler) und Steve (Tye Sheridan) zu guten Männern zu erziehen. Dabei führt er die Familie mit strenger Hand und wird deshalb von seinen Kindern auch gefürchtet. Seine Frau (Jessica Chastain) hingegen ist das genaue Gegenteil. Sie verströmt Liebe und will die Kinder zu gefühlsvollen Menschen machen, denen alles Leben am Herzen liegt. Diese duale Erziehung der beiden Elternteile hat Jack (als Erwachsener: Sean Penn) stark geprägt und auch als er längst erwachsen ist und aktiv in der Geschäftswelt unterwegs ist zweifelt er immer noch was der “richtige” Weg durchs Leben ist...

Wer die Produktion des Films etwas verfolgt hat, der dürfte sich wohl des Öfteren am Kopf gekratzt haben. Zunächst war natürlich kaum etwas bekannt, dann hieß es The Tree of Life würde ein Familiendrama in den 50er Jahren werden und schließlich kam die Meldung, dass man den Filmstart verschieben müsste, weil man mehr Zeit für die Spezialeffekte benötigt. Familendrama, Spezialeffekte? Spätestens als dann schlussendlich bekannt wurde, dass auch Dinosaurier vorkommen sollen und Malick eventuell auch eine thematisch verwandte IMAX-Dokumentation realisieren möchte, dürfte die Verwirrung perfekt gewesen sein. Doch was hat es damit nun konkret auf sich?

Zunächst: Die Gerüchte stimmen tatsächlich. The Tree of Life ist wohl das erste 50er Jahre Familiendrama in dem Dinosaurier vorkommen. Denn Terrence Malick versucht die menschliche Seele zu ergründen und als Regieexzentriker sind ihm ausgetrampelte Pfade scheinbar fern. Er kleckert nicht, sondern klotzt und nimmt dabei auch sehr gerne in Kauf, dass sehr viele Zuseher dabei auf der Strecke bleiben werden. The Tree of Life ist nichts weniger als das bisher ambitionierteste und unkommerziellste Projekt von Malick. Das bedingt auch, dass den Film wohl jeder etwas anders wahrnehmen wird und auf Grund des existenzialistischen Ansatzes des Films wird es in der Rezeption wohl fundamentale Unterschiede bei den einzelnen Zusehern geben.

Die visonärsten und besten Szenen des Films zeigt Malick dabei in der ersten Hälfte. Die Geschichte beginnt mit der Nachricht vom Tod eines Sohnes der Familie O’Brien, und in Folge zaubert Malick einen umwerfenden Bilderstrom aus dem Hut, der wohl zu den bemerkenswertesten cineastischen Leistungen der letzten Zeit zählt. Ohne wirklichen Plot schwebt er durch die Zeit, zeigt uns Sean Penn als Jack, wie er scheinbar ohne Lebensziel durch die Häuserschluchten irrt und gleichzeitig wie er erwachsen wird. Man hört hier nur Wortfetzen, die aber auch nur Beiwerk sind, denn die wahre Geschichte erzählt der umwerfende Assoziationsstrom aus Bildern, der uns ein ganzes Leben vor Augen führt.

Doch Malick geht sogar noch weiter (und hier kommen auch die bereits angesprochenen Dinosaurier ins Spiel). Eingeflochten in die Entwicklungsgeschichte von Jack findet sich die Entstehungsgeschichte des gesamten Universums. Planeten formen sich aus dem Nichts, auf der Erde spucken Vulkane ihre Lava und schließlich sehen wir Dinosaurier durch die Welt waten. Aber bereits hier werden sich die Geister spalten: Wer nicht in diesen Strom aus Erinnerungsfetzen und wilden Assoziationen hineinkippt, der bleibt aussen vor - und der wird sich auch in Folge gewaltig langweilien. Wer allerdings von der Wucht dieser grandiosen Bilder und der kühnen Vision Malicks mitgerissen wird, der bekommt ein äußerst beeindruckendes Erlebnis geboten.

Problematisch wird es allerdings nach gut einer Stunde, wenn der Film völlig seine Richtung ändert - aus einem imponierendem kosmischen Schauspiel wird allzu schnell ein (im Verhältnis zur ersten Hälfte) relativ konventionelles Familiendrama. Es fehlt jedoch der Brückenschlag. Malick gelingt es schlicht nicht seinen großartigen Ansatz auf gebührende Weise in das rein menschliche Drama zu destillieren. Und gerade weil er es nicht schafft die Teile gut zu verbinden, hängt die erste (bessere) Hälfte etwas in der Luft und viele werden sich fragen ob dieser Schwenk hin zur Entstehung des Lebens notwendig gewesen wäre - und das ist schade, denn der Ansatz Malicks die Persönlichkeit eines einzelnen Menschen aufzubrechen und quasi alles anzudeuten was diese Persönlichkeit geformt hat, ist großartig, aber eben nicht optimal umgesetzt.

Erschwerend hinzu kommt, dass die zweite Stunde auch deutlich langweiliger und öder als der visuell beeindruckende erste Teil des Films ist. Die Erzählung wirkt hier stellenweise zu elliptisch und zu zerfranst, als dass man wirklich eine emotionale Bindung zu den Figuren herstellen könnte. Und das führt auch dazu, dass die Geschcihte der Familie nie die notwendige dramatische Wucht bildet um einen gleichwertigen Gegenpol zur visuellen Wucht der ersten Stunde zu bilden. Die letzten zehn Minuten des Films in denen sich Malick völlig der Spiritualität verschrieben hat und bis ans Ende aller Zeit springt, sind ebenfalls wenig gelungen, erwuchs die Spiritualität des Films doch zuvor vor allem aus dem Glauben der Menschen - weswegen es sehr unklug ist diese Spiritualität in viel zu absolute Bilder zu pressen.

Und diese Schwächen des Films sind wirklich schade. Denn in der ersten Stunde ist The Tree of Life schlicht enorm gut und auch die zweite Stunde zeigt viel Potential. Zum Beispiel liefert Brad Pitt als strenger Patriarch eine Galavorstellung, aber leider verpufft die Wirkung über weite Strecken. Es wird sicher eine gewisse Gruppe an Filmliebhaber geben, die The Tree of Life abgöttisch lieben werden, aber bis dahin ist es ein schwieriger Weg: Die überwiegende Mehrheit wird schon beim abstrakten Beginn aussteigen und von den wenigen die hier noch voll in den Film kippen werden viele Probleme beim radikalen Stilwechsel in der Mitte des Films haben. Wer da noch über bleibt, für den wird The Tree of Life ein einmaliges Ereignis, für manche andere (wie den Autor dieser Kritik) ist es ein Film mit viel Potential von dem einiges verschenkt wurde und für die Mehrheit der Menschen wird es wohl ein kryptischer “Kunstfilm” bleiben.

Fazit:
The Tree of Life ist der bisher ambitionierteste und schwierigste Film des großer Regieexzentrikers Terrence Malick. Die erste Stunde sprüht nur so vor kühnen Visionen und radikalen Ideen und gehört zu den beeindruckendsten Filmmomenten der letzten Zeit. Nach dem radikalen Wechsel vom kosmischen Existenzdrama, hin zum klassischen Familiendrama verliert der Film aber einiges. Trotz eines großartigen Brad Pitt und einer nicht minder wundervollen Jessica Chastain schafft es der Film hier nicht so recht die Fäden der ersten Stunde aufzugreifen und leidet zusätzliche an einer sehr elliptischen Erzählweise. The Tree of Life ist trotz seinen Schwächen ein höchst interessanter und diskussionswürdiger Film, der mit Sicherheit von jedem anders betrachtet wird, aber auf Grund der konzeptionellen Probleme ist es leider nicht das erhoffte Meisterwerk geworden.

Wertung:
7/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 6.7/10 | Kritiken: 2 | Wertungen: 43
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