Jahr 2022 - Die überleben wollen (1973)

OT: Soylent Green - 97 Minuten - SciFi / Drama / Thriller
Jahr 2022 - Die überleben wollen (1973)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Jahr 2022 - Die überleben wollen

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Thorn: „I know, Sol, you've told me
a hundred times before. People
were better, the world was better...”
Sol: „Ah, people were always lousy.
But there was a world, once.”

Die Substanz gewordene Möglichkeit einer fiktiven, grausamen Verlängerung der Gegenwart – der von damals oder der von heute –: das ist Richard Fleischers „Soylent Green”. Fleischer hatte sich immer wieder mit dem Genre des Sciencefiction befasst, in „20.000 Meilen unter dem Meer” (1954) und zwölf Jahre später in „Die phantastische Reise”. Als in den 70er Jahren allmählich immer mehr Menschen ein Gespür dafür entwickelten, dass der Raubbau an den natürlichen Ressourcen schrecklich enden müsse, wenn man ihm nicht Einhalt gebot, entwickelten sich natürlich auch die ersten Schreckensszenarien. Kaum eines dieser Szenarien ist düsterer als „Soylent Green” – und hat vor allem an Aktualität kaum etwas verloren.

New York, 2022. Die Stadt der Städte ist eine Wüstenei in jeder Hinsicht geworden. 40 Millionen Menschen drängen sich neben unzähligen Autowracks in den Straßen, Müll, in verpesteter Luft; sie schlafen, weil sie keine Wohnungen haben, in den Treppenhäusern derjenigen, die noch eine Wohnung oder auch nur ein heruntergekommenes Loch besitzen, das sich Wohnung nennt. In einer dieser eher schlechteren Wohnungen haust Detective Thorn (Charlton Heston), zusammen mit dem steinalten Sol Roth (Edward G. Robinson in seiner letzten Rolle; er starb kurz nach den Dreharbeiten). Sol ist nicht etwa ein Mitmieter, nein, er gehört zu jenen „Inventar” titulierten Menschen, die bei Wechsel des Mieters oder Eigentümers wie die Möbel weitervermietet werden. Sol ist so eine Art „Polizeibuch”, einer, der Thorn bei dessen Ermittlungstätigkeit unterstützt. Sol kennt noch die Welt von früher, Wiesen, rauschende Bäche, Berge, das Meer, Natur, eben. Thorn ist in eine Welt geboren, die das alles und viel mehr nicht mehr gesehen hat.

Als Sich Thorn, der eigentlich bei der Aufstandsbekämpfung eingesetzt wird, eines Abends wieder einmal durch zahlreichen schlafenden Armen im Treppenhaus hindurch geschlängelt hat, wird er in das Haus einer jener wenigen Reichen geholt, die im Luxus leben. Der Mann heißt Simonson (Joseph Cotton) und ist erschlagen worden. Seinen Leibwächter Tab Fielding (Chuck Connors) und sein „Inventar” Shirl (Leigh Taylor-Young) hatte er kurz zuvor zum Einkauf frischer Lebensmittel geschickt, die nur noch für Reiche erschwinglich sind. Ein paar Erdbeeren kosten etwa um die 150 Dollar. Alle anderen, die etwas besser lebenden Menschen wie Thorn, aber vor allem die Millionen Armen bekommen aus Plankton hergestellte Nahrung, die ein Konzern mit dem Namen Soylent vertreibt. Es handelt sich um rote, gelbe und seit neuestem grüne plättchenförmige Nahrungsmittel, die rationiert ausgeteilt werden.

Thorn spürt sofort, dass es sich nicht um einen Raubmord, sondern um eine regelrechte Hinrichtung gehandelt hat. Unschwer ermittelt er, dass der ehemalige Politiker Simonson zusammen mit dem derzeitigen Gouverneur Santini (Whit Bissell) in einer Anwaltskanzlei tätig war und beide auch im Aufsichtsrat von Soylent saßen. Thorn findet zwei Bücher über Soylent in Simonsons Wohnung, und auch sonst lässt er noch einiges mitgehen – vor allem frische Lebensmittel und Schnaps. Last but not least betrachtet er auch Shirl als sein Inventar und beginnt mit ihr eine wenn auch kurze Beziehung. Verdächtig erscheint ihm vor allem der Leibwächter Tab. Und als Pater Paul (Lincoln Kilpatrick), bei dem Simonson kurz vor seinem Tod gebeichtet hatte, im Beichtstuhl ermordet wird, nachdem Thorn ihn zuvor vergeblich nach dem Inhalt der Beichte befragt hatte, steht für den Polizisten fest: Hier ist jemand ermordet worden, der zu viel über etwas wusste, was niemand erfahren darf.

Und: Thorn selbst wird observiert und entkommt nur knapp einem Mordanschlag. Obwohl ihm sein Chef Hatcher (Brock Peters) mitteilt, auf Anordnung von ganz oben müsse er die Akte Simonson schließen, ermittelt Thorn weiter – und stößt auf ein grausiges Geheimnis ...

„Soylent Green” – mit dem dümmlichen deutschen Titel „Jahr 2002 – Die überleben wollen” – beginnt düster, verläuft düster und endet düster, und das in einer Zeit des Umbruchs und der Euphorie jener 70er Jahre, in denen viele an vielen Orten von einer neuen Welt träumten. So ist denn der Plot selbst – die Aufdeckung der Hintergründe des Mordes – auch „nur” ein wesentlicher Teil der Geschichte. Vor allem nämlich besticht „Soylent Green” durch die Inszenierung einer Welt des Grauens. Millionen Menschen leben in bitterer Armut – widerstandsunfähig und abhängig von einem Mammutkonzern, der sie füttert, einer Staatsmacht, die sie in Schach hält, und Medien, die im wesentlichen Propaganda für den Konzern und die Staatsmacht veranstalten. New York ist zum Sinnbild der Apokalypse degeneriert – eine dahin siechende Metropole des Verfalls. Etliche Menschen werden nicht nur als „Inventar” gehandelt; die meisten der Millionen vegetieren im wahrsten Sinn des Wortes dahin.

In einer Szene räumen die „Sicherheitskräfte” mit Schaufelbaggern protestierende Menschen weg, als wenn es sich um Müll handeln würde. Der Staat hat für des Lebens überdrüssig gewordene, aber wohl auch für „ausgedientes Inventar” eigens eine Art Euthanasie-Institution geschaffen. Dort kann man sich einschläfern lassen. Und einer zumindest tut dies freiwillig, nachdem er von den Hintergründen des Mordes an Simonson erfahren hat: Sol. Er, der die Welt von früher noch kennt, will nicht mehr leben. Die Welt von „Soylent Green” kennt keine blühenden Landschaften, keine Wiesen, keine Blumen, keine singenden Vögel – sie kennt nichts außer dem Abfall, dem Zusammenbruch, der Zerstörung, der Verschmutzung, der sozialen Degeneration. In nebligem Grün, verpesteter Luft, bewegen sich die Menschen, wenn sie ihre Häuser oder Baracken oder die Treppenhäuser verlassen, in denen sie übernachtet haben – eng an eng geschmiegt und ohne Aussicht, dass sich etwas an ihrer Situation ändern könnte.

Fleischer zeichnet in einer Zeit reformerischer Euphorie und teils revolutionsgläubiger Jugendlicher und junger Erwachsener ein Szenario des Zerfalls der sozialen Strukturen. Es impliziert die Möglichkeit, dass sich die bestehenden Gesellschaften sozusagen „selbst an die Wand fahren”. Der Film erzählt eine Geschichte abseits jeglichen Glaubens, jeglicher Hoffnung des Sieges der Vernunft und der Humanität. Eine fast nur noch durch Gewalt legitimierte Staatsmacht, mit verantwortlich für die massive Zerstörung der natürlichen Ressourcen, gründet ihr Handeln auf eine einzige große Lüge. Der Selbstmord von Sol erscheint vor dem Hintergrund dieser Lüge als eine durchaus verständliche individuelle Lösung für diejenigen, die die alte Welt noch kannten.

Denkt man die Geschichte weiter, so bleibt nur so etwas wie der kollektive Selbstmord bzw. der staatlich organisierte Massenmord übrig. Es gibt keine Perspektive der Umkehr, des Auswegs, der Lösung von Problemen. Korruption, Lüge, Intrige und Gewalt scheinen die einzigen Komponenten dieses Verfalls.

Dabei ist „Soylent Green” nicht einmal ein Film, dem man bloß eine gewisse historische Berechtigung zuerkennen kann, aber mehr auch nicht. Dass sich die heute existierenden Gesellschaften in Zukunft auf einen Weg der Selbstzerstörung begeben könnten, liegt durchaus im Bereich des Möglichen; Anhaltspunkte existieren dafür mehr als genug – auch wenn viele dies nicht wahrhaben wollen, verdrängen oder gar als abstruse Vorstellung zurückweisen mögen.

Es sind vor allem Charlton Heston und Edward G. Robinson, die dem apokalyptischen Szenario eine fatale Lebendigkeit geben. Heston spielt einen Polizisten, der einerseits der Korruption genauso verfallen ist wie seine Kollegen, andererseits aber nach der Wahrheit sucht, die große Lüge ahnt, sie aufdecken will. Robinson in seiner letzten Rolle als alter Mann, der die Welt von früher noch in seiner Erinnerung trägt, glänzt ein letzes Mal als verzweifelter Mann, der im Selbstmord die letzte Möglichkeit einer aufrechten Existenz für sich sieht.

 

Wertung:

8/10 Punkte

 

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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