Der große Crash (2011)

OT: Margin Call - 109 Minuten - Thriller / Drama
Der große Crash (2011)
Kinostart: 08.12.2011
DVD-Start: 02.03.2012 - Blu-ray-Start: 24.02.2012
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Filmkritik zu Der große Crash

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Es ist das derzeit wohl immer noch zentrale Thema in den Medien rund um den Globus: Die 2008 losgetretene Finanzkrise, die ausgehend von der Börse nicht nur Industrien, sondern ganze Länder in den finanziellen Abgrund riss und immer noch nicht ausgestanden ist. Schlagartig wurden der Welt die zahllosen Finanzhaie wieder vor Augen geführt, wie sie Oliver Stone bereits in den 80ern mit seinem pulsierendem Zeitzeugnis Wall Street protraitierte. Von eben jenem Oliver Stone konnte man sich demnach auch einiges erwarten, als er 2010 seinen lange erwarteten Nachfolger Wall Street 2 - Geld schläft nicht präsentierte, aber trotz der grandiosen Vorraussetzung fiel den Altmeister überraschend wenig zur aktuellen Krise ein. Da ist es umso wohltuender, dass es gerade Regiedebütant J.C. Chandor mit seinem grandiosen Finanzdrama Margin Call gelingt den Zeitgeist punktgenau zu beschreiben.

New York am Vorabend der großen Finanzkrise: Bevor noch jemand ahnt, dass die Wirtschaft in der nächsten Zeit brach liegen wird, herrscht großer Kahlschlag bei einer Investmentfirma. Unter anderem wird der leitende Riskioanalyst Eric Dale (Stanley Tucci) gefeuert. Doch kurz bevor er geht, weist er einen seiner Angestellten Peter Sullivan (Zachary Quinto) auf seine aktuellen Arbeiten hin: Es steht etwas großes vor der Tür. Noch am selben Abend beginnt Peter die Unterlagen durchzugehen und die Modelle von Eric zu vervollständigen: Und er entdeckt etwas, dass nicht nur das Ende seiner Firma, sondern das Ende des Finanzmarktes wie man ihn kennt, bedeuten könnte. Schnell informiert er seinen Freund Seth Bregman (Penn Badgley), seinen Vorgesetzten Will Emerson (Paul Bettany) und seinen Abteilungsleiter Sam Rogers (Kevin Spacey). Doch auch diese wissen bald nicht mehr weiter, sodass bald schon die Oberbosse der Firma zu einem mitternächtlichen Notfallmeeting einfliegen um zu beraten wie man noch reichzeitig den Kopf aus der Schlinge bekommt...

Margin Call ist ein äußerst stilsicheres Regiedebüt, bei dem J.C. Chandor enormes Inszenierungsgeschick beweist. Bereits von Anfang an ist das Tempo sehr flott, die Schauplätze und die zahlreichen Nebenfiguren (die allesamt von absolut hochkarätigen Schauspielern verkörpert werden) werden im vorbeigehen etabliert und ehe wir uns noch richtig in dieser hektischen Welt orientiert haben, befinden wir uns auch schon mitten im Chaos und versuchen aus den hitzigen Dialogen die nötigen Informationshäppchen zu gewinnen um uns unser eigenes Bild vom Schlamassel machen zu können. Chandor gelingt es dabei sehr schön das Mantra der Hochfinanz einzufangen und eine fiebrige Atmosphäre der Ungewissheit zu erschaffen.

Dabei ist die eigentliche Stärke des Films vor allem das Drehbuch (welches ebenfalls von Chandor stammt). Er schafft es sehr gut Spannung aufzubauen, ohne dabei auf völlig abstruse Luftschlösser zu setzen. Man hat über die ganze Laufzeit hinweg den Eindruck, dass es so, oder so ähnlich, wirklich in diversen Hinterzimmern der Finanzwelt zugehen könnte. Natürlich kann man sich beschweren, dass man kaum etwas von den Charakteren erfährt - aber ehrlich gesagt ist dieser Ansatz auch sehr erfrischend. Chandor konzentriert sich aufs Wesentliche und bläst den Film nicht unnötig mit emotionalen Ballast auf, wie es etwa Stone in Wall Street 2 getan hat. Lediglich aus dem Privatleben von Kevin Spaceys Figur bekommen wir einige Ausschnitte zu sehen, was aber auf Grund der sehr wohl dosierten Ablenkung und ihrer raffinierten Inszenierung nicht weiter störend ist.

Sehr gut ausbalanciert ist auch die charakterliche Darstellung der Börsenhaie. Margin Call gewährt uns Einblick in diverse hierachische Ebenen der Finanzindustrie und beweist dabei viel Fingerspitzengefühl. Die Banker sind ja bereits die gesellschaftlichen Bösewichte unserer Zeit, also wäre eine einseitige “Gordon Gecko” ähnliche Darstellung wohl etwas zuviel gewesen, aber Margin Call macht auch nicht den Fehler die Finanzjongleure als Unschuldslämmer zu zeigen. Stattdessen findet der Film genau den richtigen Ton, der wohl auch recht nahe an der Wirklichkeit ist. Wir sehen hier eine Gruppe von toughen Geschäftsleuten, die einfach etwas ausprobieren um Geld zu machen - man hat hier den Eindruck, dass kaum jemand mehr das System durchschaut. Als das Kartenhaus allerdings vor dem Kollaps steht wollen sie einfach die eigene Haut retten - im vollen Bewusstsein, dass andere dabei draufzahlen werden.

Das ist zwar keine rühmliche Darstellung, aber auch nicht einseitig dämonisierend. Dabei sind Chandor die einzelnen Charaktere wirklich fabelhaft gelungen. Der Film wird im Wesentlichen erzählt aus der Sicht von Zachary Quintos Figur, die allerdings recht blass bleibt - was wohl auch dazu dienen soll dem Zuseher eine Hülle anzubieten durch deren Augen wir das Geschehen beobachten können. Profilieren können sich eher die Nebendarsteller: Besonders erwähnenswert ist z.B. Kevin Spacey, der seinen Abteilungsleiter wohl balanciert spielt, sich dabei sowohl die Menschlichkeit bewahrt, als auch die Notwendigkeit ausstrahlt zu tun, was nun mal zu tun ist, auch wenn er das vielleicht nicht gerne macht. Ebenfalls hoch interessant ist Paul Bettany als rechte Hand von Spacey: Er spielt einen energetischen, leicht abgehalfterten, aber dennoch loyalen Finanzhai, der zwar vielleicht nicht der Klügste ist, aber dank seiner Kaltschnäuzigkeit dennoch immer gut dasteht.

Aber das eigentliche Highlight ist der grandiose Jeremy Irons in der Rolle als Oberboss. Er zelebriert hier seine Auftritte perfekt, immer am Rand des Overactings, aber letztendlich doch perfekt ausbalanciert. Alleine wenn er sich vorstellt und gleich klarstellt, dass er von dem Finanzblabla nichts hören will, sondern man ihm alles wie einem kleinen Kind (oder einem Hund) erklären soll, ist das schon pures Gold wert, aber auch im weiteren Verlauf des Films schafft er es immer wieder seine Rolle so geschickt auszupendeln, dass man ihn nie richtig durschauen kann, aber letztendes auf jedenfall davon überzeugt ist, dass dieser abgbrühte Hund am Ende sicher nicht als Verlierer dastehen wird.

Fazit:
Man soll sich vom trockenen Thema “Finanzkrise” nicht abschrecken lassen: Margin Call ist ein hochspannender Film, der die Fehler von Oliver Stones Wall Street 2 nicht wiederholt. Emotionale Einblicke gibt es nur wohl dosiert, stattdessen steht vor allem das Business im Vordergrund. Und der Film schafft es ausgezeichnet uns durch die verschiedenen Ebenen der Hochfinanz zu bugsieren, während wir gespannt dem Dialogfeuerwerk lauschen um weitere Einblicke in diese sich anbahnende Krise zu bekommen. Margin Call bringt den Zeitgeist des Finanzwesens sehr gut auf den Punkt und schafft es dank seines hohen Tempos und seiner kompakt inszenierten Geschichte für sehr viel Spannung zu sorgen. Sehr sehenswert!

Wertung:
8/10 Punkte
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Ø Wertung: 7.5/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 17
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Liste von Steffi89
Erstellt: 05.01.2013