Alles, was wir geben mussten (2010)

OT: Never Let Me Go - 103 Minuten - Romantik / Drama
Alles, was wir geben mussten (2010)
Kinostart: 13.05.2011
DVD-Start: 03.05.2013 - Blu-ray-Start: 03.05.2013
Will ich sehen
Liste
10700
Bewerten:

Filmkritik zu Alles, was wir geben mussten

Von am
Normal. Am Ende des Films ist es dieses Wort, das dem Zuseher in Zukunft höchst suspekt erscheinen muss. Wer Never Let Me Go (oder auf deutsch etwas schwülstig: Alles, was wir geben mussten) gesehen hat, der wird das Wort normal und die Normalität der Gesellschaft wohl nie wieder so betrachten wie zuvor. Denn im Paralleluniversum das der Film schildert ist alles normal. Es gibt keine Aufregung, alles geht seinen Gang, die Menschen scheinen glücklich. Und doch verbirgt sich hinter dieser Normalität der Gesellschaft ein Abgrund, der einen die Tränen in die Augen treibt. Und Regisseur Mark Romanek inszeniert diese gesellschaftliche Apokalypse mit der ruhigen Hand eines Meisters.

Das Internat Hailsham in den 1970er Jahren: Hier wachsen Kathy (Izzy Meikle-Small, später: Carey Mulligan), Ruth (Ella Purnell, später: Keira Knightley) und Tommy (Charlie Rowe, später: Andrew Garfield) gemeinsam auf. Es ist ein normales Leben: Die Kinder spielen, lernen, werden erwachsen. Kathy ist in Tommy verliebt, doch Ruth funkt dazwischen und kommt schließlich mit ihm zusammen. Ganz normal eben. Doch in Hailsham ist nichts normal. Die Kinder werden angehalten besonders auf ihre Gesundheit zu achten. Und das hat auch einen Grund: Denn sie sind nur die Klone von anderen Menschen und wenn sie erwachsen sind dienen sie als lebendes Ersatzteillager...

Die kreative Kombination, die hinter Never Let Me Go steht ist ein Segen für den Film. Basierend auf dem Bestseller von Kazuo Ishiguro (dem Autor von Was vom Tage übrig blieb) verfasste Danny Boyles Stammautor Alex Garland (Sunshine, 28 Days Later, The Beach) sein berührendes Drehbuch, das schließlich von Mark Romanek (One Hour Photo) mit unglaublichem Feingefühl verfilmt wurde. Alleine dieser Kombination aus gefühlvollen und fähigen Menschen hinter der Kamera ist es zu verdanken, dass Never Let Me Go in der Lage ist seine Geschichte auf solch berührende Weise zu erzählen. Denn der absolut hollywooduntypische Stil des Films ist in höchstem Maße essentiell für die emotionale Wucht die dahinter steht.

Denn in Never Let Me Go wird kaum etwas direkt ausgesprochen. Wir sehen keine Gefängnismauern, keine Proteste, keine Verfolgung und keine Konzentrationslager, die dem Grauen ein Gesicht geben. Wir sehen auch keine gefährliche Diktatoren, die das Volk in eine Richtung leiten. Es gibt keine Verführung, keine Irrleitung, keine sichtbaren Gräuel, keinen Massenmord, alles ist einfach normal. Selbst die große Erklärung, dass die Kinder, die wir hier vor uns sehen nie ein normales Leben führen, sondern als lebendes Organlager enden werden, wird nicht an die große Glocke gehängt. Es gibt keine große Aufklärung und schon gar keinen Held der hier etwas verhindern könnte. Es ist einfach so.

Hier spielen viele Komponenten zusammen, die in ihrere Gesamtheit einen Mix erzeugen, der nicht nur besorgniserregend oder beängstigend ist, sondern zu Tränen rührt und gleichzeitig ein Grauen erweckt, das schwer zu artikulieren ist. Ein wichtiger stilistischer Schachzug ist sicher, dass der Film alles so unheimlich beiläufig zeigt. Wir sehen fast keine “normalen” Menschen, sondern befinden uns stets in Gesellschaft der Klone - die ebenfalls völlig “normale” Menschen mit völlig “normalen” Problemen und Sorgen sind. Wir sehen völlig "normale" Leben und doch wissen wir, dass diese Gesellschaft zutiefst falsch ist, es aber keinerlei Möglichkeit gibt etwas dagegen zu unternehmen.

Denn wie soll man etwas bekämpfen, das man nicht sieht? Wo sind die Machthaber, die all dies zu verantworten haben? Sie sitzen direkt im Volk, sind völlig normale Menschen und es ist ihnen auch völlig egal was geschieht - eine schreckliche Erkenntnis. Wie sollen die Menschen auch betroffen sein? Die Klone werden auf unaufdringliche Weise abgeschottet und wenn man sie dennoch auf der Straße sieht kennt man keinen Unterschied. Es ist der perfekte faschistische Apparat - völlig unsichtbar, die Gefängnismauern sind nur Grenzen in den Köpfen der Klone, die ihnen von klein auf eingedrillt werden. Es sind weder Wächter noch Waffen notwendig um diesen Faschismus durchzupeitschen und das ist ebenfalls grausam mitanzusehen. Der Zuseher weiß, dass hier etwas gewaltig schief läuft, aber im Film selbst scheint dies absolut niemand zu sehen. Nicht einmal die Klone selbst.

Ein zusätzlicher Stich ins Herz ist die Leichtigkeit mit der Mark Romanek diesen Film inszeniert. Es ist eine Art “Anti-Leichtigkeit”, denn natürlich ist er sich bewusst, dass seine Geschichte alles andere als leichte Kost ist, sodass die bewusst lockere Inszenierung nur ein weiterer schwerer Stein im Magen des Publikums ist. Genau wie die Gesellschaft im Film gaukelt uns die Inszenierung eine leichtfüßige Normalität vor, die so schlicht nicht exisitiert. Romanek zeigt die wunderschöne Natur, Ausflüge, Banalitäten, Freundschaft und Liebe, wie man es auch in einem Romantik-Drama tun würde - beflügelt von der Leichtigkeit des Seins, aber in Anbetracht der Schieflage die man vor sich sieht, würde man am liebsten aufstehen und die ganze Welt wachrütteln.

Auch die Tatsache, dass Never Let Me Go nicht, wie die meisten SciFi Filme, in eine nahe oder ferne Zukunft verlagert wird, sondern quasi ein alternatives Schicksal für unsere Erde zeigt und deshalb in der Vergangenheit eines Paralleluniversums spielt, wirkt sich doch stark auf die emotionale Ebene des Films aus. Man kann hier nicht von irgendwann in einer fernen Zeit sprechen oder von sterilen, fremden Zivilisationen. Stattdessen rückt das Grauen noch ein Stück näher an uns heran. Es fällt schwer zu beschreiben warum genau das so ist, aber diese Tatsache bringt uns noch näher zu den Figuren und verstärkt die Tragik des Films noch zusätzlich.

Never Let Me Go ist ganz schwere Kost, die den Zuseher lange verfolgen wird. Es genügt rückblickend an den schwelgerischen Erzählton von Carey Mulligan zu denken, die im Alter von 28 Jahren klingt wie eine 90 jährige Frau, die am Ende ihres Lebens noch einmal zurückblickt (eben genau wie das was sie aus der Sicht eines Klons auch ist) und es ist wie ein Stich ins Herz sich diese Geschichte noch einmal vor Augen zu führen. Never Let Me Go zeigt uns die Figuren, wir lernen sie kennen und anschließend zeigt er einfach ihr Schicksal. Es ist die reduzierte Verarbeitung eines enorm komplexen Themas und in all seiner Einfachheit und Kürze erreicht Never Let Me Go eine Wucht, die kaum in Worte zu fassen ist. Eine stille, traurige Wucht die einem die Tränen in die Augen treibt.

Fazit:
Never Let Me Go ist ein Meisterwerk. Vom feinfühligen Drehbuch über die grandiosen Darsteller bis zur dezenten Inszenierung von Mark Romanek greift hier alles ineinander. Never Let Me Go schildert eine Gesellschaft in der alles normal scheint, hinter der aber ein gewaltiger Abgrund lauert. Dabei spricht der Film nur weniges aus, das meiste wird angedeutet und einfach als ganz normal gezeigt - und genau diese Unterwanderung des Normalen ist es was den Film so berührend und schockierend macht. Never Let Me Go ist schwere Kost die wütend macht und zu Tränen rührt. Ein ganz großer Film.

Wertung:
9/10 Punkte

Filmering.at
Community
Ø Wertung: 8.2/10 | Kritiken: 3 | Wertungen: 29
10 /10
10%
9 /10
52%
8 /10
14%
7 /10
14%
6 /10
7%
5 /10
0%
4 /10
0%
3 /10
0%
2 /10
3%
1 /10
0%
Vielleicht interessiert dich auch
The Artist (2011)
Edge of Love (2008)
Das Schicksal ist ein mieser Verräter (2014)
Das Leuchten der Stille (Dear John) (2009)
Flight (2012)
The Best Offer - Das höchste Gebot (2013)
Can a Song Save Your Life? (2013)
Mit Dir an meiner Seite (The Last Song) (2010)
Alle Empfehlungen anzeigen
Der Film ist in diesen Listen
Will ich sehen
Liste von purence
Erstellt: 25.11.2016
Will ich sehen
Liste von celinaah
Erstellt: 24.12.2015
Will ich sehen
Liste von tomdwo
Erstellt: 01.11.2014
Alle Listen anzeigen