Wer wenn nicht wir (2011)

OT: Wer wenn nicht wir - 124 Minuten - Drama
Wer wenn nicht wir (2011)
Kinostart: 15.04.2011
DVD-Start: 14.10.2011 - Blu-ray-Start: 14.10.2011
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Filmkritik zu Wer wenn nicht wir

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Aus der Abteilung „Was Sie möglicherweise noch nicht über die RAF wissen“ stammt dieses neue Werk, ein weiteres Paradebeispiel dafür, wie sich das deutsche Kino derzeit an jüngerer Geschichte abarbeitet: Mit viel Engagement in der Sache, aber mutlos in der Durchführung. Die Erkenntnis: So, und nur so kann es gewesen sein…

Wobei man Veils Film damit fast etwas Unrecht tut, schließlich sticht er aus den letzten Bearbeitungen zum Thema positiv hervor: Man erinnere sich an die rasante Bilderbuch-Blätterei in DER BAADER MEINHOF KOMPLEX, an die furchtbar eindimensionale GSG-9 Glorifizierung MOGADISCHU oder an die grausam-dumme Episode in DEUTSCHLAND 09, in der Ulrike Meinhof auf Helene Hegemann trifft. WER WENN NICHT WIR bietet zumindest in seinen ersten zwei Dritteln interessante Aspekte und Zugänge, die uns in so manchen Glücksmomenten die Figuren als greifbar, plausibel, ja „komplex“ erscheinen lassen.

Unter all den „Stars“ der RAF scheint Gudrun Ensslin (im Film dargestellt von Lena Lazemis) noch heute die interessanteste Persönlichkeit zu sein – zumindest hat sich das deutsche Kino mit ihrer Biografie zu Beginn noch ausführlicher beschäftigt als mit der Andreas Baaders – siehe Margarete von Trottas DIE BLEIERNE ZEIT, der auf Ensslins Geschichte basiert. Die 1940 geborene Pastorentochter wächst in einer großen Familie auf, erhält als einziges der sieben Kinder die Möglichkeit zu studieren, geht für ein Jahr in die USA. Ihrem Vater wirft sie vor, trotz seines Wissens um die Naziverbrechen in den letzten Kriegsjahren freiwillig als Soldat gekämpft zu haben. An der Uni lernt sie Anfang der 60er Jahre Bernward Wesper (August Diehl) kennen: Der Sohn eines Blut und Boden Dichters versucht sich zeitlebens vom überdominanten Vater zu befreien, und zugleich seinen Namen als Schriftsteller zu rehabilitieren. Gemeinsam mit Gudrun gründet Bernward den Verlag Studio Neue Literatur, mit dem sich beide mehr schlecht als recht über Wasser halten. Als SPD Wahlkämpfer brauchen sie sich zumindest ab Mitte der 60er keine finanziellen Sorgen mehr machen. Doch die stets fragile Beziehung zerbricht, als sich Bernward mehr und mehr den Drogen zuwendet und Gudrun 1967 Andreas Baader (Alexander Fehling) kennen lernt: Denn der fordert Taten statt Worte…

Penibel recherchiert, sauber inszeniert, fantastisch gespielt: So lange Veils Film gewissermaßen „Sittenbild“ der verstaubten Jahre vor 1968 ist und vor allem die Konflikte Bernwards und Gudruns mit ihren jeweiligen starken Vaterfiguren und den braunen Flecken in deren Vergangenheit thematisiert, funktioniert WER WENN NICHT WIR wunderprächtig, hat uns also etwas zu sagen: Fragen nach Kontinuitäten zwischen dem Dritten Reich und der Nachkriegszeit wirft der Film auf interessante Art und Weise auf und stößt damit weitere, auch heute noch wichtige Diskussionen diesbezüglich an. Oberflächlich bleibt das alles dennoch, gerade weil die brüchige Psyche der beiden Protagonisten oftmals nur angedeutet wird: Er betrügt sie, lässt sie sitzen, fordert ihre Mitarbeit – sie beginnt sich selbst zu verletzen, wieder zurück zu kehren, und sich und ihren kleinen Sohn am Schluss „für die Sache“ aufzugeben. Die Beziehung Ensslin-Wesper zerfällt im Film zum „Best Of“, sicherlich weitgehend getragen von den großartigen Darstellern: August Diehl und vor allem die junge Lena Lauzemis geben alles, um die Figuren nah am Leben zu belassen, die Nebenrollen sind toll besetzt (vor allem Alexander Fehling als frecher Baader und Michael Wittenborn als Helmut Ensslin überzeugen).

Im letzten Drittel geht dem Film doch noch die Puste aus: Bernwards und Gudruns Drift in ihre jeweilige Ausprägung von Wahnsinn wirken vorgeschoben, quasi als Entschuldigung dafür, dass man doch noch ein bisschen mehr RAF in den Film bringen kann. Das, und die etwas unglücklich montierten, dokumentarischen Verbindungsstücke zwischen den einzelnen Zeitabschnitten – unterlegt mit fetzigen 60s Klassikern – lassen den Film nicht über „gutes Mittelmaß“ hinauskommen. Trotz all dieser Schwächen geht zumindest ein Teil der guten Ansätze des Films auf. In jedem Fall ist WER WENN NICHT WIR erhellender als alle anderen Spielfilme in denen Baader und Co. in den letzten Jahren auf der Leinwand von den Toten wiedererweckt wurden.

 

Wertung:

6/10 Punkte

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