Poll (2010)

OT: Poll - 129 Minuten - Drama
Poll (2010)
Kinostart: 06.05.2011
DVD-Start: 21.10.2011 - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Poll

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Fast fünf Jahre ist es mittlerweile her, dass Chris Kraus mit seinem intensiven Drama Vier Minuten für Aufsehen unter den Kritikern sorgte. Nun kommt mit Poll sein dritter Spielfilm in die Kinos und erneut schafft es Kraus auf seine Art zu faszinieren. In seinen besten Momenten erinnert Poll fast an Michael Hanekes atemberaubendes Meisterwerk Das Weisse Band und besticht mit einer grandiosen Atmosphäre und fabelhaften Bildern. Auf Grund der Tatsache, dass sich die Geschichte aber als etwas sperrig erweist, ist der Film jedoch nicht gerade leicht zugänglich und zieht sich mit seiner Laufzeit von 129 Minuten schon einmal etwas in die Länge.

Estland am Vorabend des Ersten Weltkriegs: Oda von Siering (Paula Beer) ist genau wie das Jahrhundert 14 Jahre alt. Nach dem Tod ihrer Mutter kehrt sie zu ihrem Vater Ebbo von Siering (Edgar Selge) zurück, der mit seiner neuen Frau Milla (Jeanette Hain) in Poll lebt. Während ihr Vater versucht mit seinen Forschungen am Gehirn das menschliche Wesen zu erklären, hat Oda große Probleme sich im neuen Umfeld einzugewöhnen. Durch Zufall entdeckt sie einen verwundeten Anarchisten, den sie fortan „Schnaps" (Tambet Tuisk) nennt. Kurzerhand gewährt sie ihm Unterschlupf und pflegt ihn, obwohl ihr bewusst ist, dass sie dadurch ihre ganze Familie in Gefahr bringt...

Chris Kraus versteht es hervorragend Atmosphären heraufzubeschwören und Stimmungen darzustellen. Wie es in Poll gelingt unaufgeregt eine eigene Gesellschaft zu schildern, die auf den ersten Blick von der Aussenwelt abgeschottet scheint und eine eigene Subzivilisation bildet ist schlicht wundervoll. Und wie diese eigenwillige Gesellschaft droht von den herannahenden Umbrüchen in der Welt aufgefressen zu werden und wie man förmlich spürt, dass hier die ganze Menschheit auf neue Ufer zusteuert ist ebenfalls großartig.

Dies gelingt vorwiegend durch die atemberaubende Bildsprache und die gesamte verblüffende visuelle Ebene des Films. Angefangen beim mysteriösen Design des Landhauses, das auf Stelzen im Meer steht und die faszinierende Aura eines Monolithen hat, über die verträumten Einstellungen, bis hin zur generell sehr stilsicheren Inszenierung schafft es Poll ein rundes Gesamtbild zu erzeugen und so eine betörende Atmosphäre zu erschaffen, in der man sich verlieren kann. Besonders auch, da viel Detailarbeit in die Rekonstruktion der Epoche gesteckt wurde.

Ebenfalls hoch interessant ist der Charakter des Ebbo von Siering, wundervoll dargestellt von Edgar Selge, der mit seinen Forschungen an menschlichen Überresten einen mysteriösen Touch bekommt. Die Entdeckung des Films ist aber ohnehin die absolut großartige Paula Beer, die in ihrem Spielfilmdebüt eine grandiose Leistung zeigt und mit einer bezaubernden jugendlichen Unschuld und starker Leinwandpräsenz überzeugt. Das Problem ist nur, dass es teilweise so scheint als wollte Regisseur Chris Kraus die Fallstricke von vielen Historienfilmen fast schon zu bemüht vermeiden.

Denn viele opulente Kostümdramen bleiben an der Oberfläche haften und setzen auf allzu kitschige, aufdringliche Melodramatik. Poll geht nun genau ins andere extrem: Der Film wirkt sehr distanziert, zurückhaltend und auch teilweise kalt. So fällt es aber schwer sich wirklich auf die Figuren einzulassen. Genauer gesagt lernen wir sie nie wirklich kennen, sodass sie uns nie nahestehen und der Film auf emotionaler Ebene nicht durchgehend funktioniert. Dies lässt Poll auch irgendwie sperrig wirken, weswegen er für die breite Masse auch sehr unzugänglich bleiben wird. Ein Arthouse-Publikum wird aber wohl dennoch Freude an der gelungenen Atmosphäre und den betörenden Bildern haben.

Fazit:
Poll ist ein gelungenes Drama vor historischer Kulisse, das vor allem mit einer betörenden Bildsprache, einer dichten Atmosphäre und starken Darstellern überzeugt. Der etwas distanzierte Stil, der den Film an manchen Stellen etwas sperrig wirken lässt, verhindert aber, dass Poll auf emotionaler Ebene durchgehend überzeugt. Dennoch ist der Film für das richtige Publikum ein Tipp, denn besonders die durchdachten Bilder und die eigenwillige Ausstrahlung des Films bleiben im Gedächtnis.

Wertung:
7/10 Punkte

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