Enter the Void (2009)

OT: Enter the Void - 161 Minuten - Drama / Thriller
Enter the Void (2009)
Kinostart: 18.03.2011
DVD-Start: 20.05.2011 - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Enter the Void

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Gaspar Noé ist ohne Zweifel ein radikaler und extremer Filmemacher. Sein letzter Spielfilm Irreversible stammt aus dem Jahr 2002 und jeder der diesen Schlag in die Magengrube erlebt hat, wird ihn wohl noch lebhaft vor Augen haben. Enter the Void ist nun der nächste Streich des “Skandalregisseurs”. Und erneut werden keine Gefangenen gemacht: Enter the Void ist ein kompromissloser, intensiver und denkwürdiger Bilderrausch. Genau wie Irreversible ist auch Enter the Void ein Film, den niemand vergessen wird der ihn einmal gesehen hat.

Oscar (Nathaniel Brown) und Linda (Paz de la Huerta) sind Geschwister, die ihre Eltern bereits in früher Kindheit bei einem Autounfall verloren haben. Vor Jahren hat Oscar seiner Schwester versprochen, dass er sie nie alleine lassen wird. Nun leben sie in Tokio und sind etwas auf die schiefe Bahn geraten. Oscar arbeitet als Drogendealer und ist auch selbst einem Trip nicht abgeneigt. Linda arbeitet in einem Nachtclub. Doch ein Abend soll alles ändern: Oscar wird in eine Falle gelockt und schließlich von der Polizei erschossen. Nun gleitet seine Seele durch das Lichtermeer von Tokio...

Eigenwillig, imposant, kühn, visionär, kompromisslos. Das sind so Schlagworte, die einen sofort einfallen nachdem man Enter the Void gesehen hat. Epilepsie ist auch ein gutes Wort. Und das zeigt sich bereits bei den Credits am Anfang: Unterlegt mit treibenden Elektrobeats flimmern sie in knallbunten und flackernden Bildern über die Leinwand und wer epilepsiegefährdet ist, dem sollte spätestens hier klar werden, dass er im falschen Film sitzt. Enter the Void dringt tief in den Zuseher ein und nimmt ihn mit auf einen existenzialistischen Seelentrip, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Der Fokus liegt dabei radikal auf Oscar. Von Anfang an sehen wir den Film aus seinen Augen - und das ist hier auch wirklich wörtlich zu verstehen. Die Kamera rückt direkt in den Kopf von Oscar und zeigt uns alles, Blinzeln inklusive, aus seinem Blickwinkel. Wir beginnen unsere Reise in Oscars Wohnung, die Neonlichter scheinen herein und es dauert auch nicht allzu lange, bis er sich auf einen Drogentrip begibt und die Leinwand in einem Farbenmeer versinkt. Gaspar Noé schafft es geschickt die Illusion des Eintauchens in den fremden Körper aufrecht zu erhalten.

Alles wirkt wie aus einem Guss. Weite Strecken der Einführung sind ohne Schnitt und verstärken den subjetiven Gestus des Films noch. Enter the Void legt hier äußerst geschickt den Grundstein für den restlichen Film. Der subjektive Blickwinkel wird etabliert und die banalen Gespräche und das Wandern durch diese unglaublich helle Stadt entwickeln einen Sog, dem man sich unmöglich entziehen kann. Es fällt schwer zu beschreiben warum dies so gut funktioniert, aber Gaspar Noé hat ein unglaubliches Gespür für Orte und Atmosphären und zieht uns direkt in seinen Filmstrudel hinein.

Und dann folgt erst einmal der große Schritt hinein ins Nichts. Genau wie Oscar werden wir von den Ereignissen überrollt, sein Ableben trifft uns und es tut weh diese Welt (die in kurzer Zeit aus dem Nichts eine solche Stimmung aufgebaut hat) zu verlassen. Doch nun legt Gaspar Noé erst richtig los. Die Kamera wird entfesselt und darf ihren anmutigen Totentanz in der Leere aufführen. Kreisförmig entzieht sich die subjektive Kamera aus dem leblosen Körper von Oscar - eine Seelenwanderung hinein in eine Zwischenwelt, die wir in Folge erkunden werden.

Und Gaspar Noé legt diese Welt als zeitlosen Container an. Erneut blicken wir durch die Augen des umhergleitenden Oscar, schweben durch das grelle Lichtermeer Tokios und gleiten schließlich zwischen der Zeit hindurch. Bruchstückhaft werden Erinnerungen eingemischt, vergessene Augenblicke, lebensverändernde Momente und auch immer wieder die Figuren die versuchen nach Oscars Tod über die Runden zu kommen. Ohne Grenzen irrt Oscar durch diese Welt, in der es viel Elend und viele Probleme zu sehen gibt. Doch wir sehen dies nur durch den Filter der Zwischenwelt, der alles irgendwie überschattet.

Es ist nicht immer leicht dem Film dabei zu folgen. Enter the Void ist ein existenzialistischer Seelentrip, der auch einige Geduld vom Zuseher einfordert. Denn Gaspar Noé nimmt sich viel Zeit und macht keine Kompromisse. Und obwohl man eingestehen muss, dass es dadurch durchaus einige Längen gibt, ist Enter the Void doch eine so dermaßen kühne und imponierende Vision, dass man über diese Fehler gerne hinweg sieht. Wer sich einmal in diesen Strudel fallen hat lassen, der wird weich dahingetragen und dankbar sein, dass Gaspar Noé den Mut hatte den Film auf genau diese Weise zu inszenieren.

Fazit:

Enter the Void ist kein einfacher Film. Gaspar Noé lässt Erzählstrukturen stets nur aufblitzen und konzentriert sich stattdessen ganz auf die reine Erfahrung. Es ist ein existenzialistischer Seelentrip, den er hier inszeniert hat und man muss zugeben, dass es durchaus etwas vom Zuseher verlangt sich den Film anzusehen. Doch wer sich einmal fallen lässt und in diesem wilden Lichtermeer versinkt, der wird eingestehen, dass Enter the Void ein ganz besonderer Film ist, der auf höchst imponierende Weise etwas Neues wagt. Es haben sich zwar durchaus Längen eingeschlichen, aber im Gesamten betrachtet ist Enter the Void ein beeindruckender und radikaler Film, der hervorragend funktioniert.

 

Wertung:

8/10 Punkte

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