Papillon

OT: -  145 Minuten -  Drama
Papillon
Kinostart: 20.12.1973
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Papillon

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Auf dem Höhepunkt ihres Schaffens angekommen, drehten Regisseur Franklin J. Schaffner („Planet of the Apes“, „Patton“) und Filmikone Steve McQueen („Bullitt“, „The Getaway“) gemeinsam den wohl besten Film ihrer Karrieren: „Papillon“. Das längst zurecht seinen Klassikerstatuts genießende Abenteuerdrama basiert auf dem autobiographischen Roman von Henri Charrière, der tragischerweise im gleichen Jahr, als der Film in die Kinos kam, verstarb und wurde von den kompetenten Drehbuchautoren Dalton Trumbo („Spartacus“) und Lorenzo Semple Jr. („Three Days of the Condor“, „Never Say Never Again”) adaptiert. Auch wenn sich inzwischen herausgestellt hat, dass Charrière in seinem Buch so einiges ausgeschmückt und dazugedichtet hat, schmälert das den Film nicht im Geringsten. Schließlich handelt es sich hier auch nicht um eine realitätsnahe Dokumentation, sondern um ein Drama und als solches funktioniert „Papillon“ tadellos.

Henri Charrière, aufgrund seines Brusttattoos, einem Schmetterling, von allen nur Papillon genannt, genießt einen hervorragenden Ruf als Safeknacker, wird jedoch zu Unrecht wegen Mordes verurteilt und deswegen nach Französisch-Guayana deportiert, um dort zunächst seine Strafe abzusitzen und danach als Kolonist seine Zeit abzuarbeiten. Bereits auf der Schiffsfahrt dorthin, beschließt er sich mit Louis Dega (Dustin Hoffman, „Straw Dogs“, „Meet the Fockers“) zusammenzutun, denn der verfügt dank lukrativer Fälschungen über die finanziellen Mittel ihm eine Flucht zu ermöglichen, wohingegen Papillon ihn vor mordlüsternen Mitinsassen beschützt. Den ersten Vorfall dieser Art gibt es bereits an Bord, doch sein Bodyguard erweist sich als wenig zimperlich im Umgang. In der jahrelangen Gefangenschaft soll sich ihre Partnerschaft zu einer innigen Freundschaft entwickeln...

Das in den Dreißigern angesiedelte Szenario geht weit über die Standards eines Gefängnisfilms hinaus, zeigt sehr authentisch die damalige Wirklichkeit und verfügt zudem über eine intensive Charakteranalyse. Denn dieser Papillon ist kein schlechter Mensch, er sehnt sich nur nach Freiheit und diesen unbändigen Willen können weder fehlgeschlagene Fluchtversucht, noch Einzel- oder Dunkelhaft brechen. In dem Wissen, sein Leben im Grunde vertan zu haben, ist er davon beseelt in die zivilisierte Welt zurückzukehren, koste es was es wolle. Das unendliche Meer, das ständige Wissen, dass im ihn herum zwar ein nahezu unbewachter Dschungel existiert, er aber ohne fremde Hilfe nicht in der Lage ist, ihn zu überleben, spornt ihn nur immer wieder zu neuen Versuchen an. Sein Mut und seine Risikobereitschaft scheint dabei keine Grenzen zu kennen.

Sein Kumpan Dega sieht die Sache da etwas anders. Er will, in der Hoffnung, dass seine Frau in der Heimat seine Entlassung erwirkt, nur möglichst bequem seine Zeit absitzen, muss aber schon, als es um die Verteilung der Jobs geht, feststellen, dass er mit Geld nicht alles kaufen kann und landet deswegen zusammen mit Papillon in den Sümpfen, um Baumstämme zu schleppen. Die Absurdität dieser Gefangenschaft spiegelt sich nicht nur in Papillons Zynis- und Sarkasmus wieder, sondern auch in völlig abstrakten Szenen, in denen den Gefangenen beispielsweise Netze in die Hand gedrückt werden, damit sie Schmetterlinge fangen oder sich selbst ein Stück Holz in den Rachen rammen, um daran zu ersticken. Frankreich hat sie vergessen, wie gleich in den ersten Sätzen des Films angemerkt wird. Außer Krankheit und Arbeit erwartet in Französisch-Guayana die Gefangenen nur der Tod.

Steve McQueen liefert hier eindeutig die beste Leistung seiner Karriere ab, für die er seinerzeit leider nicht mal für den Oscar nominiert wurde, denn sein Papillon geht weit über seinen Standardtypen des coolen Rebellen hinaus. Allein sein aus den unmenschlichen Haftbedingungen resultierender, körperlicher Verfall, der schlurfende Schritt, der müde Gesichtsaudruck und der zwischenzeitlich Beinaheverfall in Wahnsinn wird von ihm ungewohnt facettenreich dargestellt. Den Rest erledigten die Make Up-Leute mit ergrauten Haaren, Zahnausfall und eingefallenen Wangen. Der noch junge Dustin Hoffman ergänzt ihn, weil mental schlicht das Gegenteil verkörpert. Ein verschüchterter, sehr intelligenter Mann, dessen Glauben an seine Frau ihn diese Hölle lange Zeit durchstehen lässt. Mit den dicken Brillengläsern, der scheuen Art und seiner damit heruntergespielten Intelligenz scheint Hoffman sich an der Klasse von McQueen zu orientieren und von ihm mitreißen zu lassen.

Wie hoffnungslos ihre Lage ist und wie gnadenlos das Gefängnisregime zu handeln vermag, erfährt jeder kurz nach ihrer Ankunft dank eines Beispiels mit der Guillotine. Das tropische, schwüle Wetter fordert Malaria-Opfer, um sich dagegen zu schützen nehmen die Häftlinge in Form von Käfern Chinin zu sich. Später lebt Papillon in Dunkelhaft fast nur noch von ihnen, weil man ihn verhungern lassen will, sofern er Dega, der ihm heimlich Essen zukommen ließ, nicht verrät. „Papillon“ bleibt trotz seiner ab und an mal humorigen Minuten ein hartes, fesselndes Drama. Denn die Fluchtversuche scheitern. Papillon wähnt sich schon mehrmals am Ziel und wird dennoch, teilweise aus Gutgläubigkeit, wieder verhaftet. Doch die Fehlschläge zermürben ihn nicht. Im Gegenteil, er fängt sofort wieder an den nächsten zu planen. Trotz der unmenschlichen Haftbedingungen und der anstrengenden Arbeit, die unzählige Opfer fordert, klammert sich Papillon an seinen Wunsch nach Freiheit.

Besonders lobend hervorheben muss man Franklin J. Schaffner phantastische Inszenierung. Für „Papillon“ holte er sich seinen „Patton“ – Kameramann Fred J. Koenekamp („The Towering Inferno“, „The Amityville Horror“) wieder ans Set, der es ihm mit phantastischen Aufnahmen dankt. Vor allem die letzten Minuten des rührenden, melancholischen Endes auf der Teufelsinsel, als der alt gewordene Papillon in die Fluten blickt und seinen letzten Ausbruchsversuch plant, sind diesbezüglich herausragend. Schaffners Bildkompositionen sind von einer mitreißenden Intensität, die tolle Landschaftsaufnahmen mit der menschenunwürdigen Zwangsarbeit und tödlichen Fluchtversuchen in Einklang bringt.

Angefangen bei der bedrückend stillen Führung der Gefangenen durch Paris zum Hafen, denen im übrigen keine Opening Credits vorangestellt werden (Schaffner nennt lediglich die beiden Hauptdarsteller und den Titel), über die Stilisierung der Guillotine bis zum letzten schweifenden Blick über das unendliche Meer, brennen sich einige Bilder in das Gedächtnis der Zuschauer. Markerschütternde, in die Magengegend zielende Situationen, wie die Dunkelhaft knüpfen an dezenten Humor und Hoffnung an, ohne dass der Film seine Glaubwürdigkeit verliert, sondern stattdessen mit diesen krassen, langlebigen Gegensätzen den verzweifelten Freiheitsdrang unterstreicht.

Franklin J. Schaffner verstand es seinerzeit ein absolut fesselndes Portrait zu verfilmen, ohne zu sehr in eine Heroisierung abzudriften. Die brutale Härte des viele Opfer fordernden Knastalltags werden genauso ausführlich wiedergegeben, wie der im Alter einsetzende Verlust des Verstands, infolge ihres hoffnungslosen Schicksals und der jahrelangen Isolation von der Zivilisation. Papillons Odyssee führt ihn nicht nur immer wieder in das Gefängnis zurück, sondern auch zu neuen Freunden und schließlich auf eine traumgleiche Reise zu einem Eingeborenenstamm...

Fazit:
Als grandios muss man zweifellos Franklin J. Schaffners Regie und Steve McQueens darstellerische Leistung bezeichnen, die vom stimmungsvollen Score Jerry Goldsmiths („Alien“, „First Blood“) ebenso hochklassig und konsequent unterstützt werden. Beide liefern hier die beste Arbeit ihrer Karriere ab. „Papillon“ ist in seinen zweieinhalb Stunden ein fesselndes, mitreißendes, atmosphärisches Drama voller unvergesslicher Momente, beeindruckenden Landschaftsaufnahmen und Melancholie. Der Kern der Geschichte ist der menschentypische Freiheitsdrang, sowie die daraus resultierende Freundschaft zweier Männer, die trotz zehrender Zwangsarbeit und menschenunwürdigen Lebensbedingungen immer wieder aufeinander bauen können. Die Augen werden vor der Realität dabei nie verschlossen. Selbstmord, verzweifelte Fluchtversuche und drakonische Strafen ziehen den Tod nach sich. Wer sich dem Gefängnissystem fügt kann sterben, wer sich nicht fügt kann überleben. In jeder Beziehung großartig!

Wertung:
9/10 Punkte

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Liste von Steffi89
Erstellt: 05.01.2013