Herbstgeschichte (Conte d’automne) (1998)

OT: Conte d'automne - 112 Minuten - Drama / Komödie
Herbstgeschichte (Conte d’automne) (1998)
Kinostart: Unbekannt
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Filmkritik zu Herbstgeschichte (Conte d’automne)

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Ein sonniger Herbst. Und auch wenn es nachts schon etwas kühler wird, sind die Tage noch fast sommerlich, nur das Licht und die Farben verdeutlichen uns, dass es mit der Hitze ein Ende hat – und die Weintrauben, die kurz vor der Lese stehen. Ein idealer Herbst, ein Wunsch-Herbst. Und wo man hinsieht Weinberge, Hügel, Wiesen, auch Wald. Nur im Rhône-Tal herrscht Hektik, Lärm, und Baustellen verunzieren die Landschaft. Hier oben aber, in Bourg-Saint-Andéol (Ardèche), ist Stille, und zwei Frauen, zwei Freundinnen noch aus Schulzeiten gehen durch die Reben. Die Winzerin Magali (Béatrice Romand) und die Buchhändlerin Isabelle (Marie Rivière), die im 26 km entfernten Montélimar (Drôme) arbeitet, beide Mitte 40, betrachten die Reben, die Pflanzen und das Unkraut, das sich zwischen den Rebstöcken breit macht, und spekulieren darüber, ob es möglich ist, aus dem Côtes du Rhône einen gut und lang gelagerten Spitzenwein zu machen. Magali lässt das Unkraut stehen, weil sie keine Pestizide anwenden will.

Wieder einmal zelebriert Eric Rohmer im letzten Teil seines Jahreszeiten-Zyklus eine Liebesgeschichte im Entstehen, eine Annäherung an die Nähe zweier Menschen aufgrund der Nähe vor allem von drei Frauen. Isabelle ist verheiratet und hat eine Tochter, die demnächst heiraten wird. Sie sorgt sich um Magali, die ganz allein oben in den Weinbergen in einem wunderschönen Haus lebt. Magali, die zu ihrer Tochter in Orange kaum noch Kontakt und zu ihrem Sohn Léo (Stéphane Darmon) eher ein distanziertes Verhältnis hat, ist Männern gegenüber eher scheu und unbeholfen, fast ängstlich. Doch Isabelle meint, Magali müsse endlich einen Partner haben. So denkt auch die quirlige Freundin Léos, die junge Studentin Rosine (Alexia Portal), die ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu Magali hat. Rosine hatte einmal eine kurzfristige Beziehung zu ihrem ehemaligen Philosophielehrer Étienne (Didier Sandre), bevor sie sich mit Léo befreundete, der, wie sie sagt, nur eine „Übergangslösung” sei. Rosine befindet sich sozusagen in der Experimentierphase, was Beziehungen angeht. Und sie denkt daran, Étienne mit Magali zu verkuppeln – nicht zuletzt auch aus einem sehr egoistischen Grund: Sie wäre Étienne los, der immer noch hinter ihr her ist. Spekulation Nummer 1.

Derweil gibt Isabelle heimlich eine Kontaktanzeige auf – im Namen von Magali, die davon nichts ahnt – und lernt daraufhin tatsächlich sehr schnell einen gewissen Gérald (Alain Libolt) kennen, der natürlich (ebenfalls ahnungslos) glaubt, bei Isabelle handle es sich um Magali. Isabelle findet Gérald sehr sympathisch und erkundet bei drei Treffen mit ihm, ob er ein Mann für Magali sein könnte. Spekulation Nummer 2.

Während Rosine Étienne dazu überreden kann, auf der Hochzeit von Emilia (Aurélia Alcaïs), der Tochter Isabelles, zu erscheinen, um ihn mit Magali bekannt zu machen – was sie der Winzerin auch erzählt –, gesteht Isabelle Gérald, dass nicht sie, sondern ihre Freundin Magali diejenige sei, für die sie die Anzeige aufgegeben hat. Gérald reagiert darauf relativ gelassen – und erklärt sich bereit, Magali ebenfalls auf Emilias Hochzeit kennen zu lernen ...

Eric Rohmers Filme gelten manchem als (übertrieben) dialoglastig. Von mir aus. Ich liebe diese Dialoge, hier vor allem zwischen Magali, Isabelle und Rosine, sowie zwischen Rosine und Léo und zwischen Isabelle und Gérald. Alles wird intensiv diskutiert, natürlich vor allem Beziehungen, mögliche Beziehungen, was Liebe ist und was nicht, was Glück sein könnte und was eher nicht - und so weiter. Rohmer „testet” einmal mehr die (psychologischen, lebensweltlichen) Grenzen in Bezug auf die individuellen Möglichkeiten seiner Akteure aus. Das ist meinem Empfinden nach einfach nur ein Genuss, zumal Rohmer in all seinen Filmen des Jahreszeiten-Zyklus mit unterschwelligem Humor arbeitet. In „Conte d’automne” steigert sich dieser Humor zum Schluss hin fast zur Komödie, ohne dass die Geschichte ins Nirvana des Absurden oder Unwirklichen abdriften würde. Keine Chance. Rohmer bleibt bei der Sache: den Möglichkeiten des Glücks und den Umständen, unter denen Liebe möglich ist.

Er zeigt uns eine überaus sympathische Frau im Alter von 45 Jahren, Magali, eine jener leicht dunkelhäutigen Südfranzösinnen, deren Mutter oder Vater wohl tunesischer Herkunft ist – eine Frau, die sich hinter ihren üppigen schwarzen Haaren und ab und an hinter einer Brille zu verstecken scheint. Sie traut den Männern nicht und sie traut sich nicht, was Männer betrifft. Entweder, sagt sie, sei sie von den Männern enttäuscht oder die Männer von ihr oder beide voneinander. Und vor allem würde sie nicht initiativ werden. Keine günstigen Bedingungen für eine dauerhafte Beziehung – nicht einmal für ein Kennenlernen –, zumal Magali ihr einsames Domizil in den Bergen kaum verlässt.

Isabelle weiß darum und entschließt sich zum Betrug (Motto: Geht der Eimer nicht zum Brunnen ...), ja, zu einer Art Intrige, indem sie sich für Magali ausgibt und eine Kontaktanzeige aufgibt. Rosine weiß auch darum, aber sie handelt ganz offen – und Rosine hält sowieso kein Blatt vor dem Mund – und will zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn, so kalkuliert sie, sie könnte ja den drängelnden Étienne an Magali loswerden. Kuppelei? Sicher, irgendwie schon, aber eine durchaus freundschaftliche, liebevolle Geste der beiden Freundinnen.

Was kann schon passieren? Es kann im schlimmsten Fall schief gehen – ohne dass deshalb die Freundschaft Magalis mit den beiden Frauen Schaden nehmen würde. Es ist die Beengtheit des Lebens, dass vor allem Isabelle, aber auch Rosine bei Magali erkennen und dass beiden Sorgen bereitet. Magali ziert sich, zwei kleine Schubse erzeugen Energie und bringen Leben in ihr Leben.

Rohmer erzählt diese Geschichte aber nicht nur in Dialogen – die hier eher etwas dürftiger gesät sind als in den anderen Teilen des Vierjahreszeiten-Zyklus –, sondern vor allem einmal mehr in beeindruckenden Bildern einer herbstlichen, sonnigen Landschaft, einer ländlichen Idylle, die so viel mehr ist als nur Idylle. Rohmer scheint das Dörfliche, Ländliche, Kleinstädtische sowieso mehr zu lieben als die Großstadt, das Noch-Halb-Bäuerliche mehr als das Industrielle. Auch in den anderen Filmen des Zyklus zieht es die Akteure immer mal wieder hinaus, z.B. aus Paris. „Wintermärchen” spielt in der Provinz, „Sommer” in der Bretagne und „Eine Frühlingserzählung” zwar in Paris, aber die Beteiligten zieht es in ihren entscheidenden Stunden doch eher aufs Land.

Gérald schildert Rohmer als einen „Verpflanzten” und wieder „Versetzten”. Er war lange Jahre in Algerien und wurde repatriiert. Ein ruhiger, sanfter Zeitgenosse, der nicht drängelt, aber nichtsdestotrotz weiß, was er will und was er nicht will. Allerorten wird kalkuliert, abgeschätzt. Als er Magali kennenlernt, sagt er zu Isabelle, er könne sich durchaus vorstellen ... Die Akteure bei Rohmer können sich immer durchaus vorstellen ... . Sie entstammen nicht jener verblendeten und verblendenden Hollywood-Romanze, die so wenig bis gar nichts mit den wirklichen Verhältnissen, insbesondere auch Geschlechterbeziehungen, zu tun haben. Rohmers Menschen können sich einfach nur vorstellen, dass es klappen könnte. Es sind Akteure, die uns sehr nahe sind, in denen wir uns spiegeln können. Wie Magali und Gérald, die sich nähern, sich kennen lernen – und am Schluss hat man dann den gewissen Eindruck, diesen Eindruck, dass da etwas im Entstehen ist, ein Entstehen von Nähe und Zärtlichkeit, die Rohmers Filme ebenso durchziehen, wie sie von Zweifel und Optimismus zugleich durchwachsen sind.

Rohmer steckt den Rahmen ab und lässt seinen Handelnden doch den Freiraum, diesen Rahmen zu erweitern – nicht in einem revolutionären Sinn, weit entfernt, sondern eher in einer Art aufgeklärtem Katholizismus kleinstädtischer Prägung. Dabei spielt Religion in einem engeren Sinne in diesen Filmen gar keine nennenswerte Rolle – eher schon die religio, die Rückbeziehung und Rückversicherung der Akteure untereinander. Hierher gehört das unbestimmte Verhältnis von Schicksal und freiem Willen, in dessen Rahmen sich seine Akteure bewegen. Für Magali scheint es schicksalhaft, dass sie keinen Partner hat. Der Wille ihrer Freundinnen ist es, dem entgegenzuarbeiten. Heraus kommt eine Chance für Magali.

Hierhin gehören auch die intellektuell überformten Dispute über die Liebe – so als wenn man diese Diskurse nur bräuchte, um sich zu stimulieren. Dahinter aber kommt – zum Schluss jedes Films des Zyklus – etwas zutage, was kaum auf intelligente Dialoge der Beteiligten oder gar Philosophiediskurse zurückzuführen ist: Ein Happyend des spezifischen Rohmer-Kosmos. Nach jedem Rohmer-Film kann man sich eigentlich sicher sein: das hat Hand und Fuß, das, das ist die Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann.

Magali und Étienne – unvorstellbar. Magali und Gérald – sehr gut vorstellbar. Der Film endet mit einem Fest, beim Tanz nach der Hochzeit, bei der Musik, die alle Beteiligten zufrieden, ja eigentlich glücklich erscheinen lässt.


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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