Frühlingserzählung (Conte de printemps) (1990)

OT: Conte de printemps - 108 Minuten - Drama / Komödie / Romantik
Frühlingserzählung (Conte de printemps) (1990)
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Filmkritik zu Frühlingserzählung (Conte de printemps)

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Sie packt ihre Sachen und verlässt eine Wohnung. Sie betritt eine andere Wohnung und lässt ein paar Sachen dort. Die eine Wohnung, die ihres Freundes, ist leer, die andere, ihre eigene, vorübergehend bewohnt von einer Cousine. Sie scheint momentan nirgendwo zu Hause. Die Wohnung ihres Freundes, der auf Reisen ist, kann sie nicht ertragen. Er habe eine andere  Art der Ordnung wie sie, und das könne sie nur ertragen, wenn er da sei. Auch auf einer Party, zu der sie eine Bekannte eingeladen hat, fühlt sie sich nicht wohl. Sie kennt niemanden, sitzt auf einem Sofa und beobachtet die Gäste. Doch dann setzt sich eine junge Frau neben sie. So lernt Jeanne (Anne Teyssèdre) die 18jährige Natacha (Florence Darel) kennen, eine lebendige junge Frau, die sie einlädt, bei sich daheim zu übernachten, bis Jeannes Cousine ihre Wohnung wieder verlassen hat.

Etwas Alltägliches geschieht, etwas, was jeder so oder so schon einmal erlebt oder miterlebt haben könnte. Eric Rohmer filmt das Banale, das Gewöhnliche, das überall geschehen könnte, in stillen Bildern, zumeist ohne Musik, die Rohmer in einem Film als eher störend empfindet. Eine Frau packt ein, packt aus, geht weg, kommt an, sie sieht gelangweilt aus, aber sie sagt, sie langweile sich nie. Sie ist Lehrerin für Philosophie, und kaum hat sie Natacha kennen gelernt, bemerkt man eine fast natürliche Sympathie zwischen der 18jährigen und der etwas über 30jährigen. Es ist diese Art von Sympathie, die sofort gegenwärtig ist, wenn sich zwei solche Menschen kennen lernen – als ob sie sich schon ewig kennen würden, als ob sie miteinander aufgewachsen wären.

Doch dieser erste Eindruck, dieser erste Blick auf zwei Frauen, trügt insofern, als beider Beziehung durch eine Jeanne zunächst verborgen bleibende Absicht Natachas beeinflusst wird. Natacha erzählt von ihrem Vater, der von der Mutter getrennt lebt, auf die Natacha ständig schimpft, und der mit einer Frau, Eve (Eloïse Bennett), liiert ist, die nicht viel älter als ihr Vater Igor (Hugues Quester) ist. Natacha hat einen Freund, der fast so alt ist wie ihr Vater. Und Natacha mag Eve überhaupt nicht. Eve liebe ihren Vater nicht, erzählt sie Jeanne, und er glaube nur, Eve zu lieben.

Geheimnisse. Eine Halskette ist verschwunden, die Natacha aus dem Familienschmuck zu ihrem 18. Geburtstag erhalten sollte. Sie beschuldigt Eve, sie versteckt zu haben. Und sehr schnell scheint erkennbar, welche Absichten Natacha verfolgen könnte. Jeanne wäre ihr als Freundin ihres Vaters viel lieber als Eve. Natacha versucht zu kuppeln – oder scheint dies nur so? In einem Landhaus der Familie treffen sich alle vier, arbeiten im Garten, essen zusammen – und Natacha bricht einen Streit vom Zaun, um Eve zu verjagen und möglicherweise dadurch Igor und Jeanne näher zusammenzubringen. Das scheitert.

Alles in dieser Personenkonstellation scheint auf eine teils mysteriöse Weise verschoben. Igor, der ruhige, konfliktscheue Vater, lebt mit einer Frau zusammen, von der man nicht weiß, ob er sie wirklich liebt. Auch von Eve, die Rummel um sich herum braucht, weiß man dies umgekehrt nicht. Man weiß also nicht, was beide zusammenhält. Dazwischen steht Natacha, die offenbar intrigiert, wenn auch auf eine liebevolle Weise – sozusagen ohne Hintergedanken, eine „offene Intrige”, eine Wunschvorstellung, auf Sympathie gegründet zu Jeanne. Jeanne steht immer etwas abseits, die ordentliche Jeanne, bei der alles seinen Platz haben muss, Jeanne, die Philosophie studiert hat, und doch im Alltag die mathematisch präzise Ordnung liebt. Sie erkennt schnell, was Natacha beabsichtigen könnte, ohne ihr deswegen allzu böse zu sein. Und doch bleiben Zweifel. Ist es wirklich eine bewusst inszenierte Intrige, Eve und Igor auseinander- und ihren Vater mit Jeanne zusammenzubringen? Oder ist es eher ein unbewusster Wunsch, dem sie folgt, ohne es richtig zu bemerken?

Rohmer lässt dies auf seine typische Art offen, interpretierbar, diskutierbar und – wenn man so will – für jeden auf seine Weise zum Fühlen nahe. Rohmer steckt sozusagen die Grenzen ab, in denen sich das Geschehene platziert. Seine Räume sind die Zimmer der Wohnungen Jeannes, des Landhauses und der Stadtwohnung Igors und Natachas einerseits, und der prächtige kleine Garten um das Landhaus herum auf der anderen Seite. In diesen Grenzen bewegen sich die vier Personen: ein Vater, eine Geliebte, eine Tochter und eine Außenstehende, die in die Konstellation hineingezogen wird. Und damit eine potentielle Ex-Geliebte, eine potentielle künftige Geliebte und eine potentiell künftig zufriedene Tochter – wenn man es aus Natachas Sicht betrachtet.

Betrachtet man das Geschehen aus Jeannes Sicht, so spürt sie zunehmend, instrumentalisiert zu werden. Sie testet ihr Verhältnis zu Igor aus – und sie merkt, dass da nichts ist, was man als Liebe bezeichnen könnte. Sie wartet auf ihren Freund, dessen Art der Ordnung sie allein nicht ertragen kann. Und damit gewinnt die Geschichte ein weiteres unklares Moment: Liebt sie ihren Freund? Rohmer steckt hier wiederum Grenzen ab, die Grenzen, in denen sich die Beziehungen der Personen entwickeln, Beziehungen, von denen unklar bleibt, wer hier eigentlich wenn liebt oder nur glaubt zu lieben. Am Schluss bleibt nur eines (relativ) klar: die Freundschaft zwischen Jeanne und Natacha ist wohl wirkliche Freundschaft. Sie überdauert nämlich einen Konflikt zwischen beiden Frauen. Was die Beziehungen der vier Personen ansonsten betrifft, so kreist die Frage danach letztlich darum, welche Art von Zuneigung jede(n) einzelne(n) bewegen mag. Igors Gefühle bleiben im Dunkeln, weil sein Verhältnis zu Eve undurchschaubar bleibt. Jeannes Gefühle ebenso (ihr Freund bleibt für uns unsichtbar). Auch Eves Gefühle sind nicht wirklich erkennbar. Nur bei Natacha scheint deutlich zu sein, dass sie sich eine andere Stiefmutter wünscht, eine Geliebte ihres Vaters, die zugleich ihre Freundin wäre.

Dieses Undurchschaubare, Zweifelhafte, Geheimnisvolle, mit dem Rohmer uns konfrontiert, schlägt auf uns selbst zurück. Es offenbart die Frage nach unseren eigenen Gefühlen – gerade weil Rohmer etwas Alltägliches zu etwas Besonderem inszeniert. Die Personen seiner Filme sind uns so nah, als wenn es Nachbarn, Freunde, Bekannte wären – oder wir selbst. Und diese Personen fragen uns letztlich nach der Wahrhaftigkeit unserer eigenen Gefühle; sie halten uns einen Spiegel vor, in dem wir uns über das Geschehen des Films sozusagen selbst beobachten können. Sie fragen uns zudem nach unseren eigenen Grenzen, in denen wir uns bewegen können, bzw. danach, ob wir sie tatsächlich sprengen können.

Bei dem gemeinsamen Essen diskutieren Eve und Jeanne, die Eve sehr sympathisch findet, philosophische Fragen. Z.B. die Frage „Was sind synthetische Urteile a priori?” (a priori bedeutet: Wissen, das allein durch Denken entstanden und als solches nicht durch Tatsachenerfahrungen gedeckt ist, aber als Ausgangspunkt zu weiteren Erkenntnissen unumgänglich ist, z.B. die kürzeste Strecke zwischen zwei Punkten ist die Gerade, oder A=C, B=C, daraus folgt A=B). Wir haben hier im Film eine Stelle, an der Rohmer in einer Art „trockenen Komik” über eine erkenntnistheoretische Frage zum Kern des Geschehens vorrückt – so sehe ich dies jedenfalls –, ohne dass die vier Personen dies erkennen würden. Ist Liebe etwas, das aus Erfahrung erwächst?

„Conte de printemps” gehört zu einem Zyklus von vier Filmen des französischen Regisseurs, in dem er sich auf unterschiedliche Weise solchen Fragen stellt („Conte d’été”, „Sommer”, 1996; „Conte d'automne”, „Herbstgeschichte”, 1998; „Conte d'hiver”, „Wintermärchen”, 1992).


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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