Wintermärchen (Conte d’hiver) (1992)

OT: Conte d'hiver - 114 Minuten - Drama
Wintermärchen (Conte d’hiver) (1992)
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Filmkritik zu Wintermärchen (Conte d’hiver)

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„Für mich war der Traum Realität.
Eine abwesende Realität.”
(Felicie)

Wie Schuppen scheint es der jungen Frau von den Augen zu fallen, als sie das Staunen im Gesicht von König Leontes in Shakespeares „Ein Wintermärchen” auf der Bühne beobachtet, dessen tot geglaubte Frau Hermione plötzlich vor ihm steht. Aus der vermeintlichen Statue wird wieder Hermione. Rasende Eifersucht hatte Leontes dazu getrieben, seine schwangere Frau und seine Umgebung ins Unglück zu stürzen, weil er glaubte, Hermione habe ein Verhältnis mit einem anderen. Und wenn Leontes vorher verkündete, dass er ohne Erben bleiben werde, wenn das, was verloren gegangen sei, nicht wieder auftauche, so drückt sich darin nicht nur die Bitterkeit über das eigene Tun aus, sondern auch die zunächst vage Erkenntnis, dass er wiedergutmachen müsse, was er angerichtet hatte.

Die junge Frau staunt – denn auch wenn ihre eigene Geschichte nicht durch Mordgedanken und Eifersucht geprägt war, so doch in gewisser Weise durch ein schuldhaftes Verhalten, einen Leichtsinn, der sie einiges gekostet hat. Als sie Leontes sieht, als sie sieht, wie dem König im wahrsten Sinn des Wortes eine große Last vom Herzen genommen wird, als er Hermione lebend wiedersieht und die Familie wieder vereint ist – und die Versöhnung mit seinem Widersacher glückt, da begreift die junge Frau, was sie verloren hat, aber in ihrem Herzen wiedergefunden hat, um glücklich sein zu können.

Die junge Frau heißt Felicie (Charlotte Véry). Rohmer zeigt sie uns zu Beginn am Meer, im Sommer, in der Wärme, im Wasser – mit einer Ferienbekanntschaft, einem Koch namens Charles (Frédéric van den Driessche), der weitaus mehr wird als eine Ferienbekanntschaft. Charles wird Felicies große Liebe. Und am Ende der gemeinsamen Zeit, als Felicie wieder nach Paris zurückfahren muss, passiert etwas Leichtsinniges: Sie gibt Charles eine falsche Adresse, sie verwechselt, ohne es zu merken, einen Straßennamen, und Charles, der auf die Angabe vertraut, gibt ihr seine Adresse nicht. Die Liebenden verlieren sich aus den Augen.

Fünf Jahre später treffen wir Felicie wieder. Sie hat eine kleine Tochter – Elise (Ava Loraschi) –, deren Vater kein anderer als Charles ist. Beide leben bei Felicies Mutter (Christiane Desbois). Felicie arbeitet bei dem verheirateten, aber in Trennung lebenden Friseursalonbesitzer Maxence (Michael Voletti) und hat ein Verhältnis mit ihm. Und sie lebt (noch) mit dem Bibliothekar Loic (Hervé Furic) zusammen. Maxence will nach Nevers umsiedeln und dort einen Friseursalon eröffnen. Und er will Felicie mitnehmen. Die stimmt zu und eröffnet Loic daher, sie werde sich von ihm trennen. Doch schon bald kehrt die junge Frau mit ihrer Tochter zurück nach Paris; denn sie ist nicht glücklich in Nevers. Zu Loic will sie allerdings auch nicht zurück ...

Wie in den anderen Filmen seines Vierjahreszyklus („Sommer”, „Eine Frühlingserzählung”, „Herbstgeschichte”) lotet Rohmer auch in „Wintermärchen” die Bedingungen, Voraussetzungen und die Umstände aus, unter denen Glück überhaupt möglich ist. Ohne Zweifel erzählen alle seine vier Filme davon, dass dieses Glück nur möglich ist durch Liebe. Das mag banal klingen. Doch verfolgt man seine vier Filme, ist dies alles andere als selbstverständlich. Hinzu kommt die Überzeugung, dass eine Art Urvertrauen und die Suche nach einem tieferen Glauben – an uns selbst und gegenüber anderen – eine Art Grundbedingung eines glücklichen Lebens sind. Felicie weiß genau, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie Charles, dessen Nachnamen sie nicht kennt, jemals wiederfinden wird. Und Charles kennt weder die richtige Adresse Felicies, noch ihren Nachnamen. Zu Loic sagt sie: „Es kommt nicht darauf an, dass ich Charles wiedersehe. Er bleibt in meinem Herzen, so dass dort kein Platz für jemand anders ist.”

Rohmer zeigt uns Felicie in vielen Gesprächen mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und vor allem mit Loic und Maxence. Beide Männer wissen voneinander und sie kennen die Geschichte von Felicie und Charles. Für beide Männer empfindet Felicie „so etwas” wie Liebe – aber eben nicht jene, wie sie sagt, Liebe bis zum Wahnsinn, die sie gegenüber Charles empfunden hat. Loic ist für sie zu intellektuell. Seine Gespräche mit seinen Freunden über Philosophie langweilen sie im Grunde. Zu ihrer Mutter sagt sie über Loic: „Ich möchte von einem Mann physisch beherrscht werden, nicht intellektuell.” Zu Maxence sagt sie in Nevers, als der ein leeres Bücherregal in eines der Zimmer gestellt hat: „Deine Bücher werden dieses Regal niemals füllen.”

Dies scheint Ausdruck von Unentschlossenheit, von Stimmungsschwankungen zu sein. Doch eher vermisst sie an dem „zahmen”, überaus sympathischen, aber sehr „kopflastigen” Loic die Körperlichkeit, während sie an Maxence fehlenden Geist bemängelt. All das ist letztlich Ausdruck davon, dass Felicie einen Mann im Herzen trägt, bei dem weder Körperlichkeit, noch Geist ein Problem zu sein scheint, dass beider Beziehung beherrschen würde. Bei Charles erfuhr sie Intelligenz wie Körperlichkeit als etwas Natürliches, Gebendes, das sie nicht beherrscht.

Rohmers Geschichte von Felicie ähnelt nur sehr grob Shakespeares „Ein Wintermärchen”. Doch hier wie dort wurde etwas schuldhaft verloren, wodurch Leid entstand, auch für andere. Nur der Glauben an irgendeine Form der Wiedergeburt des Verlorenen hält bei Shakespeare Leontes, bei Rohmer Felicie wirklich am Leben. In den Gesprächen mit Loic und Maxence lotet Felicie die Grenzen und Bedingungen aus, unter denen ihr Glück beschieden sein könnte. Auch hier findet sich eine Parallele zu Shakespeare, denn Loic und Maxence werden in einem besonderen Sinn von Felicie instrumentalisiert – wie auch Leontes seine Umgebung für sich in Anspruch nimmt.

Die andere Seite dieser Instrumentalisierung ist der trügerische Glaube beider Männer, sie könnten eine Frau lieben, die sie nicht liebt. Sicher, Felicie mag beide, aber das, was sie mit Loic und Maxence verbindet, ist letztlich nicht mehr als eine tiefe Freundschaft – immerhin, aber für beide Männer eben mit einer tragischen Komponente für sich selbst verbunden. Dies macht auch deutlich, dass Liebe nicht nur ein Gefühl ist, und dass ein solches Gefühl nicht unbedingt etwas Authentisches sein muss. Bei beiden Männern wird deutlich, dass sie sich mit ihren Gefühlen für Felicie „verrannt” haben. Während Maxence – allein in Nevers zurückgelassen – die Welt nicht mehr versteht, weil er seine eigenen Gefühle und die Felicies letztlich nicht versteht, wird der Intellektuelle Loic von der fadenscheinigen Hoffnung beherrscht, Felicie zurückgewinnen zu können – obwohl er sie niemals „hatte”.

Es scheint etwas Morbides an sich zu haben, wenn Leontes erhofft wiederzufinden, was er für tot hält (seine Frau Hermione); es scheint auch etwas Morbides an sich zu haben, wenn Felicie über einen Markt in Paris läuft, weil sie Charles gesehen zu haben glaubt. Doch beider Streben ist nicht so sehr, das Verlorene wiederzufinden, sondern etwas im Herzen zu bewahren, was nur durch Verdrängung (mit den damit verbundenen Schmerzen) und daher Selbstaufgabe getilgt werden könnte. Das wollen beide nicht.

Dass Felicie am Schluss – in einem typischen (?) Rohmer’schen „filmischen Anflug von Zufall” – in einem Bus Charles wiederfindet, erweist sich zunächst als Schrecken für sie. Nie hätte sie geglaubt, Charles je wiederzusehen. Das Happyend – die Frau, die ihren Mann wiederfindet, die Tochter, die ihren Vater findet – gleicht jedoch in keiner Weise einem Hollywood-Happyend. Es symbolisiert eher die Erfüllung jenes Urvertrauens und jenes tiefen Glaubens, um die es Rohmer geht. Für Felicie war Charles der Traum – eine Realität – eine abwesende Wirklichkeit, eine Wirklichkeit im Herzen. Der Schluss des Films ist geradezu „nüchtern-glücklich”. Im Abspann sieht man, wie die Familie das Wiedersehen feiert.


Wertung:
9/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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