Claires Knie (Le Genou de Claire) (1970)

OT: Le Genou de Claire - 105 Minuten - Drama / Romantik
Claires Knie (Le Genou de Claire) (1970)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Claires Knie (Le Genou de Claire)

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Es ist Sommer. Der See erfrischt die Augen. Die Sonne leuchtet auf die Berge und gibt einem ein Gefühl von Erhabenheit, Schönheit und Gelassenheit. Nicht weit von Annecy liegt ein Haus, umgeben von Bäumen und Büschen, einem Garten – direkt am See. Auf der gegenüber liegenden Seite tummeln sich Urlauber auf einem Campingplatz. Diese Kulisse wählte Eric Rohmer für den fünften Film seiner Reihe „Six contes moraux”, zu der u.a. auch „Meine Nacht bei Maud” (1969) mit Jean-Louis Trintignant und Françoise Fabian, einer seiner wohl bekanntesten Filme, gehört.

In dieser Bilderbuchidylle lebt Madame Walter (Michèle Montel) mit ihrer Tochter Laura (Béatrice Romand) und der später eintreffenden Stiefschwester Lauras, Claire (Laurence de Monaghan). Über seine alte Freundin, die Schriftstellerin Aurora (Aurora Cornu), lernt Jerome (Jean-Claude Brialy) die Familie kennen – und ist zunächst von Laura fasziniert, die mit Vincent (Fabrice Luchini) befreundet ist. Laura ist aufgeweckt, nachdenklich und klug, und Jerome, Mitte bis Ende 30, spielt den väterlichen Freund, um Laura nahe zu sein. Und Laura verliebt sich in ihn, wenn auch diese Liebe eher von der Art ist, wie ein junges Mädchen eben einen väterlichen Freund liebt. Sie verbringt mit Jerome etliche Stunden, wandert mit ihm durch die Berge und diskutiert mit ihm über Gott und die Welt, die Liebe und das Leben.

Für Aurora, die ihn sehr genau kennt, ist Jerome eine Art Versuchskaninchen, was Frauen jedweden Alters betrifft. Sie wettet mit ihm, dass er sich den jungen Mädchen kaum entziehen kann. Als später Claire im Haus am See eintrifft, hat Jerome, der in Kürze eine Frau heiraten will, mit der er seit sechs Jahren zusammenlebt, nur noch einen Wunsch: Claires Knie anzufassen. Doch das ist nicht so einfach, wie sich Jerome das vorstellt. Denn Claire, die mit Gilles (Gérard Falconetti) befreundet ist, den Jerome wegen seinem ungestümen Temperament nicht sonderlich mag, zeigt wenig Interesse an einem väterlichen Freund.

„Le Genou de Claire”, das wird schnell deutlich, ist eine Art Psychogramm eines Besessenen, eines Zwanghaften, eines Narziss, der glaubt, wenn er wolle, jede Frau besitzen zu können. Die Figur des Jerome steht eindeutig im Mittelpunkt dieses mit Dialogen vollgestopften Films Rohmers – wobei diese Kennzeichnung durchaus nicht negativ gemeint ist. Worte sind Jeromes Waffe. Der lässige, ruhige, gelassene Mann, das Gesicht „versteckt” hinter seinen halblangen schwarzen Haaren und einem Vollbart, tritt so souverän auf, wie man nur souverän auftreten kann. Er ist freundlich, charmant, zuvorkommend, hilfsbereit – ein wirklich väterlicher Freund, der allerdings weiß oder zumindest ahnt, dass seine alte Freundin Aurora ihn längst durchschaut hat. Aurora begegnet ihm allerdings nicht mit Ablehnung, Distanz oder Zynismus. Sie mag Jerome, und sie weiß, dass dieser Mann sich nie ändern wird.

Jerome hat auch nicht die Absicht, Laura oder Claire zu verführen. Er gehört nicht zu jenen Männern, die auf der Jagd sind, jedenfalls nicht auf der Jagd nach weiblichen Trophäen. Er ist ein Narziss, einer, der sich für unwiderstehlich hält und dem es nur darauf ankommt, vor allem sich selbst zu beweisen, dass er könnte, wenn er wollte, dass er jede Frau an sich binden könnte, wenn er wollte. Jerome ist in sich verliebt – und zwar ausschließlich. Er lebt seit Jahren mit einer Frau zusammen, die sich als Wissenschaftlerin oft wochenlang im Ausland befindet. Dieses Zusammenleben mit langen Zeiten der Trennung ist wahrscheinlich für Jerome die einzige Möglichkeit, mit einer Frau zusammenzuleben, ohne mit ihr zusammenzuleben. Während ein Casanova seine Beute tatsächlich erlegen muss, „genügt” Jerome die beweisbare Möglichkeit, dass er es könnte. Diese Selbstverliebtheit durchzieht Jeromes gesamtes Verhalten. Er ist das, was man einen charakterlichen Beau nennen könnte. Es ist nicht die Liebe zu einer Frau, es ist deren mögliche Eroberung, die ihn am Leben hält.

Der am 30.5.2007 im Alter von 74 Jahren verstorbene Jean-Claude Brialy – eine Koryphäe der nouvelle vague – spielt diesen Narziss so überzeugend, wie dies kaum ein anderer fertig brächte. Brialys Jerome ist ein Besessener, einer der permanent kalkuliert, der Madame Montel wie Aurora als Mittel zum Zweck zu benutzen versucht, und für den letztlich auch Laura und Claire nur Instrumente seines Narzissmus sind. Er muss sich bestätigen. Dieser Zwang treibt ihn an – und als er Aurora davon erzählt, wie er endlich Claires Knie angefasst hat, fühlt er sich als Sieger. Er hatte sich angeboten, Claire mit dem Motorboot nach Annecy zu fahren. Als ein Gewitter aufzog und beide sich am Ufer in einer Hütte unterstellen mussten, setzte Jerome alles daran, Claires Freund Gilles in ein schlechtes Licht zu rücken – bis Claire weinte und die „väterliche” Hand auf ihrem Knie widerstandslos gewähren ließ.

Sicherlich sind Rohmers Filme nicht jedermanns Geschmack. Das französische Kino, nicht nur jener Zeit, ist oft eine Art „Dialogkino”, in dem die Texte mehr zu bedeuten scheinen als die Bilder. Doch das täuscht oft. In „Le Genou de Claire” ist es gerade jene majestätische Kulisse des Lac d’Annecy und der Berge, die dem Treiben Jeromes einen Kontrapunkt setzen, und zugleich eine Postkartenidylle, die Jeromes Narzissmus angemessen erscheint.


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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